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Alltagsdeutsch – Podcast

Comicsprache

Dass Comics unsere Alltagssprache beeinflusst haben, mag Kulturpessimisten noch immer veranlassen, über den Niedergang der Sprache zu räsonieren. Dabei sind einige Ausdrücke hintersinniger, als man denken mag ...

Zitat:

"Grummel, grummel"; "kicher, kicher"; "grübel, grübel"

Sprecher:

Nein, das ist nicht etwa Steinzeit-Deutsch, auch wenn es ein wenig so klingt. Jugendliche benutzen diese Stöhn-, Ächz-, Schepper-Aneinanderreihungen zum Teil heute noch gern, denn sie drücken in einem zackigen Wort den momentanen Seelenzustand aus. Schuld daran ist eine Frau namens Erika Fuchs. Sie hat seit den 50er Jahren die Donald-Duck-Comics aus dem Amerikanischen ins Deutsche übertragen und diese Verb-Lautmalereien erfunden. Donald wurde in Deutschland ein voller Erfolg. Das hat sprachliche Spuren hinterlassen. Und die Alltagssprache wiederum hat ihrerseits die Donald-Comics beeinflusst. Denn auch Donald und seine Kollegen aus Entenhausen sprechen letztendlich Umgangsdeutsch, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Tauchen wir also ein in die Welt von Entenhausen und lernen wir dabei einen besonderen Enten-Fan kennen.

Thomas Plum:

"Und lieg ich dereinst auf der Bahre, dann denkt auch an meine Guitarre und gebt sie mir mit in mein Grab. Klatsch, klatsch, klatsch, klatsch, klatsch, klatsch, klatsch."

Sprecherin:

Dr. Thomas Plum, kein Typ, der zu unkontrollierter Spontaneität neigt, singt ohne zu zögern das, was man die Vereinshymne der D.O.N.A.L.D., der Organisation Donald, nennt. Denn Plum ist bekennender Donaldist – also Fan der Matrosenanzug bewehrten Comic-Ente Donald Duck aus dem Hause Walt Disney. Und, typisch deutsch, wo Leute mit gleichen Interessen sich zusammenfinden, gründen sie sofort einen Verein oder zumindest eine Organisation – D.O.N.A.L.D. eben.

Thomas Plum:

"D.O.N.A.L.D. heißt 'Deutsche Organisation der nichtkommerziellen Anhänger des lauteren Donaldismus'."

Sprecher:

Allein der Titel D.O.N.A.L.D ist bereits eine Parodie. Eine Parodie auf die Art und Weise, wie Organisationen und Verbände meist sprachlich recht umständlich benannt werden, in dem Eifer, die Funktionen einer Institution bereits im Titel klarzumachen. Ein Beispiel aus der Realität: "Fachausschuss Maschinen- und Elektrotechnik der Vereinigung der Beamten des höheren Dienstes der Deutschen Bundesbahn". Man beachte das gehäufte Auftreten des deutschen Genitivs.

Sprecherin:

Donald ist ein tragikomischer Antiheld, mit dem man sich identifizieren kann. Er träumt von Geld und Glück und endet doch nur immer als Sklave seines superreichen und supergeizigen Onkels Dagobert. Hier ein Beispiel aus der Geschichte "Sportlicher Ehrgeiz", in der Erika Fuchs Alltagsdeutsch und Selbsterfundenes zusammenmischt und damit sogar humorige Sprachkritik betreibt.

Zitat:

Dagobert: "Bitte, Donald, gehe mal kurz zur Bank rüber und zahle die 10.000 Taler ein."

Donald: "Verschone mich, Onkel Dagobert! Ich gehe davon aus, dass die Panzerknacker schon auf mich lauern."

Dagobert: "Verschone mich mit Redensarten, die man neuerdings von Presse und Politik bis zum Erbrechen mit anhören muss. Davon ausgehen. Absurd!"

Donald: "Na gut, dann geh' ich eben nicht aus, sondern rüber."

Dagobert: "Jawohl, nimm die Beine in die Hand, dann klappt's schon."

Donald: "Beine in die Hand nehmen ist auch keine sehr geistreiche Redensart. Einen Sack Geld zu Fuß zur Bank zu bringen, ist ein bodenloser Leichtsinn."

Sprecher:

In diesem Dialog wird eine sehr gängige Floskel aus Politik und Gesellschaft kritisiert: Ich gehe davon aus, dass ... Hier bleibt offen, was man weiß oder nur vermutet, mehr noch, der Ausdruck soll ganz absichtlich verschleiern, dass man nichts weiß. Wer einmal das Vergnügen hat, im deutschen Fernsehen Politiker bei Interviews zu verfolgen, wird diesen Ausdruck sicher mehr als einmal hören. Eben bis zum Erbrechen, das heißt bis zum Überdruss. Ein ziemlich krasses Bild, nicht wahr? Im Alltagsjargon werden Sachverhalte oft drastisch zugespitzt. Genauso muss Comic-Sprache letztlich funktionieren. Die Comic-Sprache orientiert sich an der Sprache der Schulhöfe und Straßenbahnen, weniger am Schriftdeutschen, und gerade das bereitet Vergnügen. Zum Beispiel die gängige Aufforderung die Beine in die Hand nehmen, der man allerdings niemals im Wortsinne nachkommen sollte, sonst würde man auf dem Bauch landen. Der Ausdruck bedeutet, man soll sich beeilen.

Sprecherin:

In den 50er Jahren eroberte Donald die Bundesrepublik und löste damals einen kleinen Kulturkampf aus. Pädagogen fürchteten um das Sprachvermögen ihrer Schützlinge. Doch die Geschichten, die vom US-Amerikaner Carl Barks gezeichnet wurden, machen bis heute Eindruck. Die meisten mögen Donald, weil er nicht perfekt ist.

O-Töne:

"Der macht halt vieles falsch meistens und so. Und dann, ja, er lässt sich auch austricksen oft. Dann macht er verschiedene Berufe, und die klappen dann nie, dann wird er immer gefeuert, und dann versucht er wieder was anderes, und dann wird er wieder gefeuert." / "Dieses Umgehen mit Versagen, dass die alle immer damit fertiggeworden sind, wenn ihnen was missglückt ist und sich dann wieder aufgerappelt haben, ich glaub', das waren die Dinge, die mich damals sehr beeindruckt haben."

Sprecher:

Übrigens beim Wort feuern soll nun keiner denken, dass hier jemand verfeuert wird. Jemanden feuern heißt "jemanden fristlos entlassen". Allerdings haben hier tatsächlich zwei ganz konkrete Dinge Pate gestanden, die mit Feuer zu tun haben. Einmal die abgefeuerte Kanonenkugel und das Feuerholz, das man in den Ofen wirft. Der Mensch, der gefeuert wird, wird also hinausgeworfen aus seinem Job. Aufrappeln heißt "sich mühsam wieder aufrichten". Und das kommt von dem Wort aufraffen, was so viel wie "sich sammeln" bedeutet. Also ein Bild dafür, dass der Mensch versucht, wieder mit seinem Leben zurechtzukommen.

Sprecherin:

Daniel Düsentrieb, der große Erfinder in Entenhausen, wird nie gefeuert, denn der ist selbständig. Und so mancher Donald-Duck-Fan bewundert ihn.

O-Töne:

"Also, ich finde den Daniel Düsentrieb am coolsten, weil er manchmal so witzige Sachen erfindet. Zum Beispiel einmal ist es ihm passiert, er hatte also einen Helm erfunden, mit 'nem Schirm drin, das heißt, dass man per Knopfdruck, wenn es anfängt zu regnen, dass der Schirm aufgeht. Einmal ist es ihm halt passiert, dass er halt auf den Knopf gedrückt hat und dass der Schirm rausgekommen ist. Aber dann ist ein ganz heftiger Windstoß gekommen und hat ihn weggeweht. Und da ist er halt hinterher im Fluss gelandet und war patschnass."

Sprecher:

Der englische Ausdruck cool heißt "kühl". Aber man kann ihn so, wie er hier gebraucht wird, kaum übersetzen. Cool ist eine Geisteshaltung, die sich in Kleidung, Gesichtsausdruck und Sprache zeigt. Eine lässige, über den Dingen stehende Haltung ist damit gemeint, sogar eine gewisse Überlegenheit. Und wer von einem Teenie, einem Jugendlichen, mit dem Wort cool geadelt wird, darf sich freuen. In diesem Ausdruck schwingt ungetrübte Bewunderung mit.

Sprecherin:

Daniel Düsentrieb hat übrigens noch andere Bewunderer, nämlich die Mitglieder der D.O.N.A.L.D.-Organisation. Diesen Verein gibt es seit 1977, und er hat rund 500 Mitglieder, meist Akademiker. Und natürlich heißt der Vorsitzende hier Präsiderpel und die Vorsitzende Präsidente. Die Donaldisten analysieren mit deutschem Hang zur Tiefgründelei den Entenhausener Kosmos. Der gibt ihnen Rätsel auf, die nur mit reinster Wissenschaftlichkeit zu lösen sind. Die wichtigsten Forschungsgegenstände: die Lage von Entenhausen im Kosmos, der Stammbaum der Ducks und die Veronkelung der Entenhausener Gesellschaft. Aber die Hauptrolle spielt immer noch Donald Duck. Denn mit seinen Erfahrungen kann man sich identifizieren. Donald hat schon viele Jobs in seinem Leben durchprobiert und ist immer wieder an ihnen gescheitert. In der Geschichte "Der Urlaub, der ins Wasser fiel" muss er bei Onkel Dagobert, dem Superreichen, die Böden schrubben und bohnern.

Zitat:

"Grummel! Immer dieselbe Leier! Mir hängt das Bohnern zum Hals raus! Ich bin völlig k. o.! Am Boden zerstört! Ich kann nicht mehr. Wenn ich nicht bald Urlaub kriege, brech' ich zusammen. Ich war noch nie so fertig wie jetzt. In dem Fall gibt's eigentlich nur eins! Ich werd' den alten Blutsauger um Urlaub bitten."

Sprecher:

Dieser verzweifelte Donald-Monolog führt vor, wie nuancenreich die Alltagssprache ist. Donald benutzt nacheinander fünf verschiedene Ausdrücke, um einen Sachverhalt zu erklären: nämlich, dass er sich ganz schlecht fühlt: Ich bin völlig k. o., am Boden zerstört, ich kann nicht mehr, ich brech' zusammen, war noch nie so fertig wie jetzt. Vielleicht werden Sie sich schon gefragt haben, was das Musikinstrument Leier mit diesem Kummer zu tun hat. Immer dieselbe Leier ist nur ein anderer Ausdruck für "immer die alte, längst bekannte Sache". Das kommt daher, dass die Kurbel- oder Drehleier nur auf eine bestimmte Melodie und Tonlage abgestimmt ist, was sie auf Dauer langweilig und monoton macht. Sie ist ein Bild für Eintönigkeit. Auch wenn Ihnen etwas zum Halse raushängt, dann ist Ihnen eine Sache zu langweilig und eintönig. Das Bild dahinter: Sie ekeln sich vor etwas so sehr, dass Sie es wie eine Speise herauswürgen und brechen. Alles klar?

Sprecherin:

Warum hatten gerade in Deutschland Donald-Duck-Comics so nachhaltig Erfolg? Weil man in Deutschland nicht mehr an Helden glaubt, wegen der guten Zeichnungen von Carl Barks und wegen der brillanten Übersetzungen von Erika Fuchs, wie Thomas Plum meint.

Thomas Plum:

"Daniel Düsentrieb – schon allein der Name Düsentrieb mit dem berühmten Spruch: 'Dem Ingeniör ist nichts zu schwör'. Oder nehmen wir die Neffen. Die heißen Nughy, Dewey and Louie, das kann hier kein Mensch aussprechen, und die sind bei ihr zu Tick, Trick und Track geworden, und auch die Panzerknacker. Also, ich hab' kürzlich irgendwie 'n Zeitungsausschnitt gelesen, da ging's um einen Einbruch in einer Sparkasse. Da hieß es, die Panzerknacker seien eingebrochen. Da staunt man doch, wie sehr Entenhausen schon Realität geworden ist, denn der Ausdruck Panzerknacker ist, soviel ich weiß, kein Ausdruck, der im Duden steht."

Sprecher:

Recht hat Thomas Plum. Im Duden gibt es stattdessen den Ausdruck "Geldschrankknacker". Der ist aber nur halb so schön. Übrigens hat Erika Fuchs vor allem bei den Namen Alliterationen – also Stabreime – benutzt. Das sind Worte, die mit dem gleichen Laut anfangen, wie eben Tick, Trick und Track.

Zitat:

"Vier Enten auf einem Floß und vollkommen plemplem. Sie singen auch noch: Gustav Gans, na ja, der kann's. Doch unser Schwein ist auch nicht klein."

O-Ton:

"Plemplem bedeutet, dass man eine Macke hat, nicht mehr ganz dicht in der Birne ist, dass man halt einfach spinnt."

Sprecher:

Dieser weibliche Donald-Duck-Fan erklärt einen sehr geläufigen Ausdruck mit Worten, die sich kaum in eine andere Sprache übersetzen lassen. Oder wissen Sie, was nicht ganz dicht in der Birne ist? Klar, dasselbe wie plemplem, wie spinnen und Macke. Soll meinen, dieser Mensch ist verrückt, nicht ganz normal. Birne ist dabei ein recht abfälliges Wort für "Kopf".

Sprecherin:

Die Enten-Faszination hält bis heute an. Die Alltagsmythen, die um Glück, Geld und Liebe kreisen, sie begeistern immer noch. Donald ist die Ente von nebenan, der Loser, der Verlierer eben, ein Mensch wie du und ich, der auch so spricht wie du und ich.



Fragen zum Text:

Jemand, der sich sehr beeilt ...

1. läuft bis zum Erbrechen.
2. nimmt die Beine in die Hand.
3. rappelt sich auf.

Wie heißen die Neffen von Donald in der deutschen Übersetzung?
1. Panzerknacker
2. Tick, Trick und Track
3. Dicky, Dacky, Ducky

Welcher dieser Ausdrücke ist keine Umschreibung für nicht normal sein?
1. eine Macke haben
2. nicht ganz dicht in der Birne sein
3. am Boden zerstört sein


Arbeitsauftrag:
"Ächz", "grummel" oder "stöhn" – schauen Sie sich Donald-Duck-Comics in der deutschen Übersetzung an, finden Sie weitere lautmalerische Wortbildungen und erklären Sie ihre Bedeutung.

Audio und Video zum Thema

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