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Politik

Comeback der Taliban

2001 haben USA und NATO die Taliban aus Afghanistan gebombt. Fünf Jahre danach sind sie noch immer nicht besiegt, sondern führen erfolgreiche Rückeroberungskämpfe. Der Süden des Landes gehört wieder ihnen.

Ein Soldat steht hinter einem NATO-Konvoi in Kandahar

NATO-Soldaten in Kandahar

Seit Monaten häufen sich die Schreckensmeldungen aus Afghanistan. Kaum ein Tag, an dem nicht über Anschläge, Kämpfe und Opfer berichtet wird. Vielerorts haben die Menschen ihre zerbombten Dörfer verlassen und suchen in den noch relativ sicheren Städten Schutz. Doch sie fliehen aus einem Elend ins Nächste. Denn die Städte sind auf diese Flüchtlingsströme nicht vorbereitet. Die Menschen in der Stadt Kandahar zum Beispiel beklagen, dass sie selber kaum über die Runden kommen.

In der einstigen Königsstadt und dem Hauptsitz von Taliban-Führer Mullah Omar sehen sie ihre Hoffnungen dahinschwinden. Ihre Freude war groß, als mit Präsident Hamid Karzai wieder ein waschechter "Kandahari" die Macht in Kabul übernahm und die Herrschaftszeit der Taliban endlich vorbei war. Doch ihre Freude war nicht von langer Dauer. Die besiegt geglaubten Taliban sind wieder gekommen und scheinen erneut zu erstarken. Die Region ist zum neuen Schauplatz eines Kampfes zwischen Nato-, amerikanischen und Regierungstruppen einerseits und Taliban-Verbänden andererseits geworden. In der ohnehin hoffnungslos unterentwickelten Region ist ein Prozess der erneuten Zerstörung im Gange - von Wiederaufbau kann hier keine Rede sein.

"Dort gibt es nur noch Kämpfe."

Eine Gruppe Männer sitzt auf dem Boden. Hinter ihnen ein Karren, um sie reges Treiben.

Afghanische Tagelöhner warten auf Beschäftigung

Jamalluddin, ein 40jähriger Mann aus Kandahar, beschreibt seine Lebenssituation als kaum noch erträglich. Vor drei Jahren sei es ihm und seiner Familie noch besser gegangen, nun aber gäbe es weder Sicherheit, noch Arbeit und Hoffnung auf baldige Besserung: "Die Kämpfe kommen immer näher an unsere Stadt heran. Wir trauen uns nicht einmal, unsere Häuser zu verlassen, geschweige denn wie früher an den Feiertagen aufs Land zu ziehen. Dort gibt es nur noch Kämpfe."

Die Kämpfe, von denen Jamaluddin spricht, gibt es nicht nur in der Umgebung der einstigen Taliban-Hochburg, sondern praktisch in allen südlichen und östlichen Provinzen des Landes. Die Taliban agieren in diesen Gebieten mit einer neuen Strategie: Neben gezielten terroristischen Anschlägen greifen sie mit größeren Verbänden Dörfer und kleine Städte an. Der deutsche Terrorismus-Experte und Journalist Christoph Reuter war selbst vor wenigen Wochen Zeuge von solchen Taliban-Aktionen. Er wundert sich, dass die Taliban, die 2001 besiegt worden seien, in den letzten zwei Wochen wieder aufgetaucht seien und immer stärker würden. "Sie kontrollieren weite Teile des Südens Afghanistans und der Berge im Osten. Afghanistan ist von einem friedlichen Staat weiter entfernt denn je", fasst er die heutige Lage zusammen.

Die Taliban erobern die Dörfer

Die Regierung in Kabul versucht, diese gefährliche Entwicklung herunterzuspielen. Doch der Einfluss der Taliban in entlegenen Dörfern des Südens ist viel größer als die Regierung zugeben möchte. Die aus den Dörfern geflohenen Menschen berichten sogar von einer funktionierenden Gerichtsbarkeit der Taliban in ihren Wohnorten. Ein junger Mann aus Kandahar, der namentlich nicht genannt werden möchte, erklärt die Gründe für diese Entwicklung so: "In diesen Gebieten hat die Regierung keine Macht. Wenn die Menschen sehen, dass die offiziellen Behörden ihnen nicht helfen können, gehen sie zu den Richtern der Taliban. Die sprechen dann auf ihre Art und Weise Recht."

Wie die Taliban Recht sprechen, ist vielen Afghanen leidlich bekannt. Von der Anklageerhebung bis zur Vollstreckung des Urteils vergehen meist nur wenige Stunden. Die oft drakonischen Strafen folgen an Ort und Stelle. Doch die Unfähigkeit der Regierung, die wachsende Korruption in den Griff zu bekommen, und das militärische Vorgehen der Amerikaner und ihrer Verbündeten scheinen viele Menschen den Taliban in die Arme zu treiben. Die Rückkehr der Taliban erinnert Reuter an die Bürgerkriegszeiten in den 1990-er Jahren. Man habe eine Situation, "die sehr stark an die Zeit erinnert, als es die Bürgerkriegfraktionen in Afghanistan gab und es den Leuten egal war, wer herrscht - solange es eine Macht gibt, die ein Mindestmaß an Rechtssicherheit garantiert".

Neuer Stellvertreterkrieg in Afghanistan?

Ein Gewehrlauf ragt ins Bild. Dahinter sind gefangene Männer zu sehen.

Mutmaßliche Taliban-Kämpfer aus Pakistan (Archiv-Foto 2005)

Die Unterstützung aus Pakistan ist für den deutschen Terrorismus-Experten ein weiterer Grund für den Wiederaufstieg der Taliban. Man bekäme von ganz unterschiedlichen Leuten - sowohl von Taliban wie US-Offizieren oder unabhängigen Afghanen, die in der Region leben - immer wieder bestätigt, dass die Unterstützung für die Taliban von Pakistan käme und von Teilen des dortigen Geheimdienstes organisiert würde. Dies habe einen Grund, sagt Reuter: "Karzais Regierung ist eng verbündet mit der indischen Regierung. Und für Pakistan spielt weder Osama Bin Laden eine Rolle, noch sonst etwas. Der einzige Feind, der dieses Land bewegt, ist Indien."

Den Flüchtligen in der Stadt Kandahar helfen all diese Erklärungen wenig. Sie können oft weder in ihre Dörfer zurück, noch ist es für sie einfach, in der Stadt zu überleben. Noor Ahmad aus der seit Wochen umkämpften Provinz Panjwahi weiß keinen Rat mehr. "Unsere Dörfer sind dem Erboden gleichgemacht worden. Die Regierungsbehörden sagen zu uns, wir sollen in unsere Wohnorte zurückkehren. Die Taliban aber warnen uns vor einer Rückkehr. Wir wissen nicht, was wir tun sollten."

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