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Deutschlehrer-Info

Comeback der Muttersprache

Viele Kinder von Migranten haben trotz Förderung Probleme mit der deutschen Sprache. Auf der Bildungsmesse didacta 2012 plädierten Pädagogen deshalb für die Stärkung der Muttersprache.

"Die Muttersprache spielt bei uns eigentlich keine Rolle“, sagt Herma Knabe, Lehrerin an einer Hauptschule im norddeutschen Städtchen Emden. Für Schüler mit Migrationshintergrund gibt es Sprachunterricht in Deutsch. Ähnliches kann auch Sozialpädagogin Katrin Salchow von ihrer Grundschule in Ronnenberg berichten. Auch dort steht Deutsch im Vordergrund. Immerhin, es gebe auch Türkisch-Unterricht. "Aber was ist mit den anderen Sprachen?", fragt sich Salchow. Antworten erhofft sie sich auf Europas größter Bildungsmesse didacta, die im Februar 2012 in Hannover stattfand.

Deutsch ist Zweitsprache

Tafel mit den Flaggen mehrerer Länder

Jedes dritte Kind wächst mit zwei oder mehr Sprachen auf

In Deutschland wächst inzwischen jedes dritte Kind mit zwei oder mehr Sprachen auf. Deutsch ist in Familien mit Migrationshintergrund nach der jeweiligen Muttersprache die Zweitsprache. Trotz aller Integrationsversuche gehören Kinder mit ausländischen Wurzeln nach wie vor zu den Bildungsverlierern an deutschen Schulen. Das zeigt der Bericht der Bundesregierung vom Januar 2012.

Anfang dieses Jahres wurde daher auf dem fünften Integrationsgipfel im Berliner Kanzleramt ein "Nationaler Aktionsplan" beschlossen, der die Integration weiter vorantreiben soll. Eine der Großbaustellen ist dabei der Bereich Sprache.

Wie richtig fördern?

Kinderbuch zum tükischen Wortschatz.

Spielerisch Vokabeln lernen

Auf der didacta wird über die entsprechende Förderung von Jungen und Mädchen aus Zuwandererfamilien ausführlich diskutiert. "Die Lehrer schreien um Hilfe", sagt Patricia Hahne-Wolter vom Netzwerk Mehrsprachigkeit. Doch meist gehe es dabei nur um schnelle Lösungen. "Was muss ich oben rein füllen, damit unten Deutsch rauskommt", das sei – drastisch formuliert – die Herangehensweise vieler Lehrer.

Mit Interesse werden deshalb von den Lehrern und Lehrerinnen entsprechende Lernprogramme auf der Messe begutachtet. So schaut sich Patricia Hahne-Wolter die Präsentation einer neuen Lern-Software an, die Kindern mit Migrationshintergrund den Schulstart erleichtern soll. Multidingsda heißt das Programm, mit dem Kinder eigenständig am Computer Deutsch lernen können.

Lernprogramme helfen

Erzieher und Lehrer auf einer Fachtagung zum Thema Mehrsprachigkeit auf der didacta 2012 in Hannover.

Was sind die neuesten Erkenntnisse beim Thema Mehrsprachigkeit?

Das Neue dieses Lernprogramms ist, dass 14 verschiedene Sprachen mit einbezogen werden können. Hahne-Wolter kritisiert, das Programm sei für sie reines Vokabeltraining. Walter Bucher, der das Programm mitentwickelt hat, bekennt sich dazu: "Zielsprache ist Deutsch und wir sind bekennende 'Trainierer'." Die Rückmeldungen von Schulen seien durchweg positiv.

Bucher – früher selbst Lehrer – sieht in dem Lernprogramm auch eine Entlastung seiner Kollegen und Kolleginnen. Diese würden manchmal bis zu 30 Schüler mit verschiedenen Muttersprachen und unterschiedlichem Bildungsniveau unterrichten. Da könne nicht jedes Kind individuell betreut werden.

Wertschätzung der Muttersprache

didacta - die Bildungsmesse 2012 (14. bis 18. Februar) Vom 14. bis 18. Februar eröffnet die didacta als weltgrößte Bildungsmesse wichtige Perspektiven. Unter dem Schwerpunkt Lebenslanges Lernen präsentieren die Aussteller in insgesamt 5 Messehallen und im Convention Center neueste Bildungstrends. Im Mittelpunkt der Veranstaltung stehen Kindertagesstättenpädagogik, Aus- und Weiterbildung im beruflichen Umfeld, Inklusion und Informationstechnologien im Lehrbetrieb.

Inklusive Pädagogik: ein Schwerpunktthema auf der didacta 2012

Tatsächlich wird in Deutschland viel Geld für separaten Förderunterricht an Schulen ausgegeben, bei dem das Erlernen der deutschen Sprache im Mittelpunkt steht. Trotzdem beherrschen viele Kinder mit Migrationshintergrund weder Deutsch noch ihre Muttersprache. Dabei zeigen wissenschaftliche Studien, dass Kinder, die zunächst in ihrer Muttersprache gestärkt werden, auch dem Unterricht in Deutsch besser folgen können. Mehr noch: Kindern mit Migrationshintergrund, die in der Muttersprache gefestigt sind, fällt es leichter weitere Sprachen zu lernen, als Kindern, die mit nur einer Sprache aufwachsen.

"Sie haben bereits die dazu nötigen Strategien verinnerlicht", erklärt Andreas Rohde von der Universität Köln. In der Praxis wird aber noch sehr unterschiedlich mit Mehrsprachigkeit umgegangen. Das beobachtet auch Christina Trojan vom Goethe-Institut. Sie bildet Lehrer darin fort, wie sie Schüler fördern können, die Deutsch als Zweitsprache lernen. "Es geht darum, dass die Erstsprache wertgeschätzt wird, dass Mehrsprachigkeit als Chance gesehen wird“, betont sie. Es sei zudem besser, die Kinder gemeinsam zu fördern, anstatt einzelnen Kindern zusätzliche Förderstunden aufzuzwingen

Mehrsprachigkeit schon im Kindergarten fördern

Ein selbst gestaltetes Bilderbuch, das aufgeschlagen liegt

Förderung sollte schon im Kindergarten beginnen

Mit der Förderung der eigenen Muttersprache sollte aber nicht erst in der Schule, sondern bereits im Kindergarten begonnen werden. Reyhan Kuyumcu, Sprachwissenschaftlerin an der Universität Flensburg, sagt, "in vielen Kindergärten gibt es bereits ein anderes Bewusstsein für den Umgang mit Mehrsprachigkeit". Sie hat über mehrere Jahre die Entwicklung von 15 Kindern einer deutsch-türkischen Kindertagesstätte in Kiel beobachtet. Bei dem Projekt wurde vor allem die Erstsprache gestärkt und fast nur Türkisch gesprochen.

Trotzdem war auch dort das Ziel, dass die Kinder Deutsch lernen. "In der Schule zeigte sich, dass die Kinder sehr gut im Unterricht mitkamen", sagt Kuyumcu. Die Mehrheit von ihnen besucht heute das Gymnasium. Sie hätten zwar noch manche Fehler in der Sprachstruktur, wie etwa Artikel oder Präpositionen zu verwechseln, aber grundsätzlich würden sie richtig schreiben. Durch die Schulung der Literalität in ihrer Muttersprache hätten die Kinder die Grundvoraussetzungen für das Lernen in der Schule mitbekommen.

Ein Fallbeispiel

Wie wichtig es ist, die Erstsprache zu stärken, hat Hava Celik bei ihren eigenen Kindern gesehen. Mit ihren beiden älteren Kindern habe sie versucht, nur Deutsch zu sprechen, erzählt die türkischstämmige Mutter. Im Rückblick empfindet sie das als Fehler. Beide hätten sowohl im Türkischen als auch im Deutschen immer noch Schwierigkeiten. Ihre jüngste Tochter hingegen würde mit ihren sechs Jahren perfekt Türkisch und sehr gut Deutsch sprechen. Der Grund: Bei Familie Celik wird seit einigen Jahren ausschließlich Türkisch gesprochen.

Autorin: Janine Albrecht
Redaktion: Beatrice Warken

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