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Filme

Comeback der dritten Dimension

3D ist in aller Munde. Filme wie "Up!" und "My Bloody Valentine" spielen viel Geld ein. Doch ist die Technik von Dauer? Die Fachwelt streitet sich. Schon einmal erwies sich 3D als Flop. Ein Rückblick.

Kinopublikum mit 3D Brille (Foto: AP)

Gebannt starrt das Publikum auf die Leinwand. Das Monster hat sich eine junge Frau geschnappt und in seine Höhle unterhalb des Wasserspiegels verschleppt. Jetzt will es noch rasch den Bösewicht des Films fressen. Das Monster schwimmt direkt auf die Kamera zu, durchbricht die Grenze der Leinwand und wabert virtuell im Kinosaal.

Kotzen im Kino

Filmplakat 'Der Schrecken vom Amazonas' 3-D (Piccolo Film)

Der Schrecken vom Amazonas

Da plötzlich geht das große Brechen los. Zunächst übergeben sich die Zuschauer im Parkett, dann die auf den höheren Rängen. Denn den Menschen mit den rotgrünen Brillen auf der Nase ist zunächst schwindelig, dann speiübel geworden. Das war Alltag in den 50er Jahren, wenn im Kino die alle Sinne verwirrende dreidimensionale Projektion des Gruselfilms "Der Schrecken vom Amazonas" gezeigt wurde.

Skepsis bei Kinoexperten

"Es ist in der Tat so, dass es einem bei der Urtechnik des 3D-Films als Zuschauer sehr übel werden konnte", sagt der Filmwissenschaftler Jürgen Trimborn. Man hatte ein doppeltes Filmbild, aufgenommen von zwei nahe beieinanderstehenden Kameras. Das eine Bild wurde rötlich, das andere grünlich eingefärbt und dann leicht verschoben übereinander projiziert. Die rotgrüne Brille fügte dies dann für den Zuschauer zu einem plastischen Bild zusammen. Allerdings reagierte das Gehirn, insbesondere das Gleichgewichtszentrum, auf die verwirrend unterschiedlichen Bildinformationen wie bei einer Achterbahnfahrt. "Die 3D-Effekte, die waren aber erstaunlich echt."

Alte Technik - neu aufgelegt

Kinoplakat My Bloody Valentine (Kinowelt)

My Bloody Valentine

Die 3D-Technik wurde in den 1950er Jahren in den USA als vermeintliche Sensation erfunden, um den Kampf gegen das gerade ungeheuer populär gewordene Fernsehen zu gewinnen. Vergeblich. Wenn man also heute die aktuelle 3D-Welle mit Filmen wie "Up"("Oben") oder "My Bloody Valentine" als absolute Innovation verkaufen will, ist das nichts anderes als das Wiederaufkochen einer schon mehrfach beim Publikum gescheiterten Technik.

Alfred Hitchcock hasste 3D

Der Filmregisseur Alfred Hitchcock blickt hinter einem Busch hervor (Foto: AP)

Alfred Hitchcock

Sogar der britische Meister des Suspense-Kinos musste, gezwungen vom Studio, 1954 seinen Thriller "Bei Anruf Mord" in 3D drehen. Also stellte er Hauptdarstellerin Grace Kelly ständig eine Stehlampe vor die Nase oder filmte durch Schnapsgläser hindurch um Tiefenwirkung zu erzielen. Die Technik rangierte also vor der Story, die Kunst hatte sich unterzuordnen - was bei heutigen 3D-Filmen nicht anders ist.

Kunst contra Kommerz

3D widerspricht dem künstlerischen Prozess des Filmens, meint Jürgen Trimborn: "Man darf ja nicht vergessen, dass die Kunst der Fotografie und des Films ganz originär eine zweidimensionale Angelegenheit ist, wie auch die Malerei. Und die Kunst beim Fotografieren oder Malen besteht ja unter anderem darin, eine dreidimensionale Raumwirkung mit Hilfe von Licht und Kameraposition, Bildausschnitt und dem geeigneten Objektiv, der richtigen Brennweite zu erzielen. Der künstlerische Prozess des Fotografierens ist also viel mehr als nur Handwerk. Bei der 3D-Technik wird die Raumwirkung aber technisch erzeugt, teilweise sogar am Computer, das Können eines Fotografen oder Kameramanns wird unwichtig und das kann niemals im Sinne der Filmkunst sein."

Kopfschmerzen vor der Leinwand

Kinopublikum mit 3D Brille (Foto: AP)

Nur mit Brille...

Als das Kino Ende der 1970er Jahre durch das Aufkommen der Videokassette erneut in eine Krise geriet, besann man sich trotz massiver künstlerischer Bedenken wieder auf die 3D-Technik. Und darüber hinaus. So gab es einen Abklatsch von Steven Spielbergs "Der Weiße Hai" dreidimensional, die rotgrüne Brille wich einer monochromen Polarisationsbrille, aber die machte auf Dauer auch Kopfschmerzen.

Vibrieren und Rubbeln gegen die Krise

Ein Katastrophenfilm wie "Erdbeben" kam im "Sensorround-Verfahren" in die Kinos, einer kurzlebigen Technik, bei der mit Hilfe von Unterschallwellen die Sitze im Parkett vibrierten. Das soll einige Zuschauer seinerzeit sexuell stimuliert haben. Spaßvogel John Waters probierte es in "Polyester" sogar mit dem Geruchskino. Man musste an bestimmten Stellen des Films auf einer Pappkarte Felder rubbeln und setzte damit üble Düfte frei.

3D: Kino auf Jahrmarktsniveau

Kinoplakat 'Up!' ('Oben') (Disney)

Demnächst im Kino: "Up!"

Experimente wie die 3D-Technik katapultieren das Kino also mit Lichtgeschwindigkeit in Richtung Jahrmarktsniveau und Budenzauber. Dort kam der Film vor über 100 Jahren her. Die derzeitige Kinokrise, ausgelöst unter anderem durch die weltweite und permanente Verfügbarkeit von Bildern und Filmen über das Internet, lässt 3D jetzt erneut auferstehen.

Eine kurze Modeerscheinung könnte das sein, eine Mode freilich, die die Produktionskosten für die Filme kräftig in die Höhe treibt. Das Resultat kann bislang nur in wenigen Kinos gezeigt werden. Die meisten der aktuellen in 3D gedrehten Filme laufen ganz normal in herkömmlicher Projektion, also ohne 3D-Effekt, die entsprechend ausgerüsteten Kinos fehlen einfach. Aber sicherlich wird 3D kurzfristig ein junges sensationsorientiertes Kinopublikum verstärkt anlocken.

3D wird kaum durchsetzbar sein

Braucht das Kino also die dritte Dimension? Alle großen und wichtigen Regisseure der Welt, selbst der in technische Neuerungen völlig vernarrte Stanley Kubrick, haben 3D-Filme immer als großen Quatsch abgetan. Und so steht die neue 3D-Welle laut schreiend, aber letztlich einsam und hilflos da als das was sie ist: Als ein neuerlicher Versuch, nach dem Kampf gegen Fernsehen und Videokassette, diesmal die durch das Internet ausgelöste Krise zu bekämpfen.

Autor: Robert Bales

Redaktion: Jochen Kürten

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