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Musik

Coco Schumann blickt zurück

Im Berlin der 30er Jahre war die Jazzszene untergetaucht – und Coco Schumann mittendrin. Er wollte sich seinen Musikgeschmack nicht von den Nazis vorschreiben lassen. Vielleicht hat ihm der Jazz sogar das Leben gerettet.

Vor wenigen Wochen drängelten sich Reporter in Heinz "Coco" Schumanns Bungalow im Berliner Westen, um den 90. Geburtstag des Musikers zu feiern. Sein bescheidenes Domizil wirkt auf den ersten Blick wie das Zuhause jedes anderen Deutschen im fortgeschrittenen Alter. Doch die Fotos an den Wänden zeigen, dass Cocos Leben von Musik geprägt war.

Schumanns Vater war Deutscher und Protestant, seine Mutter eine deutsche Jüdin. In den ersten zehn Jahren der Nazi-Herrschaft blieb Coco Schumann in Berlin. Er weigerte sich, einen gelben Judenstern zu tragen und nur das zu tun, was die Nazis für angemessen hielten. Während seine Eltern immer wieder innerhalb Berlins umzogen und sich zeitweise bei deutschen Freunden versteckt hielten, machte Coco sich einen Namen in der Berliner Jazz-Szene – der musikalische US-Import war trotz des Verbots der Behörden überaus populär in der Stadt.

"Verhaftet mich auch"

1942 entging Schumann nur knapp der Gewalt der Rassengesetze. Eine Gruppe von SS-Offizieren betrat eine Kneipe, in der Schumann und seine Band gerade spielten. Die Männer hielten Ausschau nach Juden und anderen "Elementen", die der Regierung ein Dorn im Auge waren. Während Schumann und seine Band noch spielten, sprang ein jüdischer Zuschauer auf die Bühne und versuchte, durch eine Hintertür zu flüchten.

Coco Schumann - Coco Schumann mit Gitarre, um 1950 (Foto: Coco Schumann)

Jazz und Swing waren in den 1950er Jahren "angesagt"

"Ich ging ich zum SS-Offizier und sagte: Wenn Sie ihn verhaften, dann sollten Sie mich wohl auch verhaften", erinnert sich Schumann Jahrzehnte später. Nach dem Grund gefragt, fuhr er fort: "Ich sagte ihm: 'Erstens bin ich Jude. Zweitens bin ich minderjährig. Und drittens spiele ich Jazz." Obwohl er damals nicht verhaftet wurde – Schumann geht davon aus, dass der Offizier ihm nicht glaubte – änderten sich die Dinge ein Jahr später auch für ihn. 1943 begannen die Nazis, auch Halbjuden zu deportieren; und offenbar hatte jemand die Behörden darüber informiert, dass Coco Schumanns Mutter Jüdin war.

Von den Behörden erhielt Schumann einen Brief mit der Aufforderung, sich bei der Polizeiwache am Alexanderplatz zu melden. Einen Grund nannte der Brief nicht. Bei seiner Ankunft wurde er prompt verhaftet und der Gestapo übergeben. Man deportierte ihn ins Konzentrationslager. "Theresienstadt. Auschwitz. Dachau. Niemand glaubte mir, dass ich tatsächlich an diesen Orten war", sagt Schumann. "Eine lange Zeit lang kam es mir so vor, als ob niemand versteht, was ich gesehen habe. Ich verstand es ja selbst nicht."

Verdrängte Erinnerungen

Auschwitz Zaun (Foto: picture alliance/Mary Evans Picture Library)

Nur mit Glück überlebte Coco Schumann die Hölle von Auschwitz

Schumann entkam den Gaskammern von Auschwitz, weil ein Aufseher, der die Neuankömmlinge sortierte, ihn aus der Berliner Jazz-Szene wiedererkannte und einer Gruppe von Roma-Musikern zuordnete. In Theresienstadt hatte Schumann Gitarre in einer Band gespielt, die man salopp "Die Ghetto-Swinger" nannte. Im September 1944 wurde er nach Auschwitz deportiert. Während seines fünfmonatigen Aufenthaltes dort spielte er zur Unterhaltung für die deutschen KZ-Wärter "La Paloma", die in dieser Zeit Hunderttausende unschuldiger Juden, Polen, Sinti und Roma, Homosexuelle und andere Gefangenen ermordeten.

"Lange Zeit habe ich verdrängt, was ich gesehen hatte: die Augen der Kinder, die in die Gaskammern geführt wurden; die Leichen, die abgeladen wurden", erinnert sich Schumann. Er überlebte die Lager und kehrte 1945 nach Berlin zurück. Als er auf den zerbombten Überresten des Kurfürstendamms umherstreifte, lernte er seine zukünftige Frau kennen, die selbst im Konzentrationslager Theresienstadt überlebt hatte.

"Als ich sie kennenlernte, wusste ich nicht, dass sie auch dort war", erzählt Schumann. "Aber sie kannte mich, weil ich Schlagzeuger bei den 'Ghetto-Swingern' war. Der Musiker kennt sein Publikum nicht, aber das Publikum manchmal den Musiker." Die beiden heirateten in Berlin und wanderten später nach Australien aus, wo sie fünf Jahre lang blieben. Aber das Paar vermisste die Jazz-Szene ihrer früheren Heimat, und so kehrte es Mitte der 1950er Jahre nach Westberlin zurück.

Die Erfolgsleiter hinauf

Coco Schumann - 1965 im Red Rose Nightclub Berlin mit Rolf Sztuka Hammondorgel, Günter Mozer Schlagzeug, Wolfgang Kuntze Bass (Foto: Coco Schumann)

Mit seiner Band in den 1960er Jahren in Berlin

Als die Berliner Jazz-Szene nach dem Fall der Nazi-Diktatur wieder aufblühte, ging es für Coco Schumann auf der Karriereleiter steil nach oben. Er begann zu komponieren, zu arrangieren und mit der E-Gitarre zu experimentieren. Einmal spielte er sogar zusammen mit Ella Fitzgerald und Louis Armstrong. Er ging auf Tournee in Europa, gab Konzerte auf Kreuzfahrtschiffen und wurde schließlich Deutschlands berühmtester Swing-Gitarrist.

Doch jahrelang sprach der Musiker niemals über seine Erfahrungen in den deutschen Todeslagern. Das änderte sich erst vor etwa zehn Jahren, als er in seiner Heimatstadt Berlin an einer Veranstaltung für Überlebende der Konzentrationslager teilnahm.

Der Sinneswandel

"Leute aus Israel und New York und von überall auf der Welt waren anwesend", so Schumann. "Aber wann immer ich die Kamera sah, drehte ich mich weg. Der Reporter erkundigte sich über mich und erfuhr, dass ich in einem Konzentrationslager war. Dann kam er zu mir herüber und sagte zum Kameramann: 'Mach die Kamera kurz aus.' Er fragte mich: 'Warum gehen Sie immer weg, wenn Sie die Kamera sehen?' Ich sagte: 'Ich möchte nicht darüber sprechen.' Aber er meinte: 'Wenn Sie darüber nicht sprechen, wer soll den Menschen dann erzählen, was dort passiert ist?‘'Und in dem Moment wurde mir plötzlich klar, dass er recht hatte."

Seitdem hat Schumann seine Geschichte in deutschen Schulklassen und einer Fernsehdokumentation erzählt. Er habe sehr viel Glück gehabt, die Lager zu überleben, betont er immer wieder. Obwohl seine Erfahrung sich unauslöschlich in sein Leben gebrannt hat, empfindet Coco Schumann gegenüber Deutschland oder der deutschen Gesellschaft keine Verbitterung. "Ich war froh, aus dem Konzentrationslagern raus zu sein", sagt er. "Das war das einzige, das zählte. Ich habe überlebt. Ich bin noch hier."

Audio und Video zum Thema