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Politik

CNN-Konkurrenz für Lateinamerika

In Venezuela ist mit Telesur ein lateinamerikanischer Fernsehkanal auf Sendung gegangen. Kritiker fürchten, Präsident Chávez könnte den Kanal zur Propaganda missbrauchen. Der Sender wehrt sich gegen solche Vorwürfe.

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Redaktionskonferenz beim Sender Telesur in Caracas

Der Aufmacher der ersten Nachrichtensendung von Telesur handelte von Haiti. "Zum Auftakt haben wir über die gewalttätigen Ausschreitungen in einem der ärmsten Länder unseres Kontinents berichtet, die nach der Ermordung eines bekannten Journalisten ausgebrochen waren", erzählt Jorge Enrique Botero, Nachrichtenchef von Telesur. 230 Kabelbetreiber in 16 lateinamerikanischen Ländern hätten schon am ersten Sendetag das Signal von Telesur verbreitet. Botero ist überwältigt von den Reaktionen der Zuschauer. "Tausende E-Mails erreichten die Sendezentrale. Es gab viel Lob und Freude", so Boteror. "Und natürlich auch sehr aggressive Reaktionen. So wurde uns vorgeworfen, wir seien ein reiner Propaganda-Sender".

Spitzname Telechávez

Venezuelas Präsident Hugo Chavez

Hugo Chávez

Dieser Vorwurf schwebt über dem Projekt, seitdem der vor Monaten in Lateinamerika von den verarmten Massen geliebte und von der US-Regierung verhasste Präsident Hugo Chávez die Gründung des Kanals angekündigt hatte. Kritiker fürchten, Chávez wolle Telesur zu seinem Propagandasender ausbauen und ihn mit antiamerikansichen Botschaften füllen - so wie seine eigene Fernsehshow "Aló Presidente", in der er sich jeden Sonntag für vier Stunden als Alleinunterhalter ausprobiert.

Der Anteil des venezolanischen Staats an Telesur beträgt 51 Prozent, Chávez gewährte 12,5 Millionen Dollar Anschubfinanzierung. Drei weitere Regierungen greifen dem Sender finanziell unter die Arme: Kuba (19 Prozent), Argentinien (20 Prozent) und Uruguay (10 Prozent).

Dass Chávez im eigenen Land versucht, mehr Einfluss über die Medien zu gewinnen, hat sich in der Vergangenheit gezeigt. Die zahlreichen privaten Sender im Land hat er gegen sich - im vergangenen Jahr 2004 riefen sie sogar unverhohlen zu seinem Sturz auf. Chávez habe deshalb den unter staatlichem Einfluss stehenden Anteil der Medien stark ausgebaut, sagt Michael Lingenthal von der Konrad-Adenauer-Stiftung in Caracas. "Dabei hat er nie zum Mittel des Verbots gegriffen." Stattdessen seien neue Sender geschaffen, kritische Sendeformate umgemodelt sowie regierungstreue Medien durch großflächige Anzeigen belohnt worden. "Der staatliche Kanal 8 ist beispielsweise ein Propagandasender, der zu heftigen Angriffen gegen die Opposition genutzt wird".

Gegengewicht zu CNN

Dennoch will Lingenthal den neuen Sender Telesur nicht von vornherein als Propaganda-Sender abtun. "Wenn er sich behaupten will, muss er Qualität liefern und dem eigenen Anspruch gerecht werden, unabhängige Berichte zu senden."

Fernsehsender Telesur in Caracas Venezuela

Pressekonferenz zum Sendestart in Caracas

Chávez, der zum Sendestart am Sonntag per Telefon zugeschaltet war, betonte das länderübergreifende Medienprojekt sei unabhängig von jedweder Regierung oder politischen Richtung und werde der Integration dienen.

Telesur sendet auf Spanisch und Portugiesisch, ein Drittel des Programms besteht aus Nachrichten, Reportagen und Interviews. Auch Nachrichtenchef Botero wehrt sich gegen den Vorwurf der Propaganda. "Wir sind kein Telechávez."

Boteros Vorgesetzter, Fernsehdirektor Andrés Izarra, beteuert, es gebe auch "keinen Plan, der sich gegen das US-amerikanische Volk" richte. Mehrere US-Bürger, darunter Hollywood-Schauspieler Danny Glover, säßen im Beirat des Senders. Nach Ansicht von Izarra, der als Innenminister Chávez' Kabinett angehört, solle Telesur der seit 50 Jahren unangefochtenen Dominanz der bisherigen Medien entgegenstehen. Chávez selbst hatte von einer Nachrichtendiktatur von CNN gesprochen, die es zu durchbrechen gelte.

Stimme für Lateinamerika

Lateinamerika-Nachrichten werden bislang vor allem vom spanischsprachigen Ableger von CNN geliefert. Ansonsten wird der attraktive Medienmarkt Südamerika, wo 400 Millionen Menschen zu Hause sind, von wenigen Monopolisten beherrscht. Ein Beispiel ist der mexikanische Televisa-Verbund, der in 55 Staaten vertreten ist, oder das TV-Globo-Imperium in Brasilien.

Nachrichtenchef Botero gibt sich versöhnlich: "Es geht uns nicht um Konfrontation. Wir wollen einfach die Menschen erreichen, die seit vielen Jahren auf einen Fernsehsender warten, der ihre Sprache spricht." So sollen Stimmen und Informationsquellen berücksichtigt werden, die bislang von den etablierten Medien nicht wahrgenommen wurden.

In den USA bleibt man skeptisch. Das Repräsentantenhaus verabschiedete vor kurzem eine Gesetzesänderung, die es Radio- und Fernsehsendern erlaubt, von den USA aus ihre Programme nach Venezuela auszustrahlen.

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