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Musik

Claudio Abbado: der leise Dirigent

Schon als Kind erlag Claudio Abbado der Magie der Musik. Der weltberühmte Dirigent ist für sein soziales Engagement und die Nachwuchsförderung bekannt. Am 26. Juni feierte er seinen 80. Geburtstag.

Claudio Abbado ist ein Wanderer zwischen den Welten: Der Dirigent, der auf den großen Bühnen dieser Welt vom Publikum seit Jahrzehnten enthusiastisch gefeiert wird, zieht sich zwischen seinen Konzerten oft in die Einsamkeit zurück. Eines seiner liebsten Refugien liegt an der Westküste Sardiniens, wo er seit Jahrzehnten einen Küstengarten kultiviert, in dem Bougainvillea und Bananenstauden in geradezu verschwenderischer Pracht gedeihen. An diesem idyllischen Ort, auf halbem Weg zwischen Italien und Spanien, schöpft Abbado Kraft für sein bewegtes Berufsleben.

Am 26. Juni 1933 in Mailand geboren, kommt der kleine Claudio von Anfang an mit Musik in Berührung. Sein Vater Michelangelo, Geiger und Lehrer am Konservatorium, musiziert zu Hause mit seinen Freunden. Die Mutter Maria Carmela, Pianistin und Kinderbuchautorin, weckt in ihm die Liebe zum Klavier. "Ich bin mit den Trios von Schubert, Brahms und Beethoven aufgewachsen", erinnert sich der Dirigent, der mit sieben Jahren in der Scala sein eigentliches musikalisches Erweckungserlebnis hatte. "Als ich Claude Debussys 'Nocturnes' hörte, verspürte ich sofort den Wunsch, diese Magie der Musik einmal selbst zu erschaffen."

Erste Schritte auf der Karriereleiter

Mailand Oper: La Scala, Außenaufnahme @Perseomedusa - Fotolia

In der Mailänder Oper La Scala begann Abbados Weltkarriere

Mit 16 Jahren nimmt Abbado in Mailand sein Studium auf: Klavier, Komposition, Harmonielehre, Kontrapunkt und später auch Orchesterleitung stehen auf dem Stundenplan. Nach seinem Abschluss 1953 geht er mit verschiedenen Kammermusikensembles auf Tour.

Die große Karriere strebt er noch nicht an; statt auf Vermittlung des Dirigenten Zubin Metha nach Wien zu gehen, nimmt er erstmal einmal einen Lehrauftrag für Kammermusik in Parma an. Doch dann erhält er zwei renommierte Dirigentenpreise, assistiert bei Leonard Bernstein und debütiert bei den Salzburger Festspielen. 1968 wird er endgültig an die Scala in Mailand berufen. Die Grundlage für seinen unaufhaltsamen Aufstieg ist gelegt.

Der Maestro im Dialog

Claudio Abbado ist später auf den großen Podien der Welt zu erleben, in Mailand, London und Chicago, bei den Wiener und Berliner Philharmonikern. Anders als Arturo Toscanini, der an der Mailänder Scala gefürchtet wurde, will er jedoch nicht autoritär sein, sondern einen Dialog mit den Musikern führen. "Das Wichtigste ist, dass alle aufeinander hören", sagt er. Daraus entsteht für ihn auch in größeren Orchestern ein kammermusikalisches Zusammenmusizieren, bei dem jeder auf die Stimmen der anderen achtet. Abbado kommt ohne große Worte aus, er kommuniziert vor allem durch Blicke und Gesten. Und wenn er mit seiner linken Hand geschmeidig die Nuancen des Klangs formt und mit der Rechten den Takt schlägt, ruft er genau jenen Zauber hervor, von dem er als Kind geträumt hat.

Dirigent Claudio Abbado mit dem Mahler Chamber Orchestra Copyright: Marco Caselli Nirmal

Der Dirigent kommuniziert per Blickkontakt

Stets ein engagierter Förderer junger Talente gehörte Abbado Ende der 70er Jahre zu den Vätern des Jugendorchesters der Europäischen Gemeinschaft (heute: Union). 1986 gründete er das Gustav Mahler Jugendorchester, das schon vor dem Mauerfall Musiker aus Ost- und Westeuropa zusammenführte. Daraus ist eine weit verzweigte Orchesterfamilie entstanden, deren Mitglieder heute weltweit in renommierten Klangkörpern anzutreffen sind.

Kunst für alle

Nicht nur als Interpret von Mozart, Beethoven, Mahler oder Bruckner hat sich Abbado einen bedeutenden Namen gemacht, sondern auch als Wegbereiter für die Moderne. In der politisch bewegten Zeit nach 1968 öffnete er als Musikdirektor der Scala das traditionsreiche Opernhaus für Arbeiter und Studenten. Gemeinsam mit dem Komponisten Luigi Nono und dem Pianisten Maurizio Pollini führte er Konzerte in Fabriken auf, um ein neues Publikum zu gewinnen. In Österreich schuf er als Generalmusikdirektor der Stadt mit dem Festival "Wien Modern" eine Verbindung zwischen zeitgenössischen Kompositionen, bildender Kunst, Tanz und Film.

Auch im wiedervereinten Berlin baute Abbado als Chefdirigent der Philharmoniker zwischen 1989 und 2002 neue Brücken zwischen Konzertsälen, Theatern, Kinos und Museen. "Berlin ist für mich die weltoffenste Stadt", sagt er noch immer. Durch seine Grenzüberschreitungen versuchte er viel früher als andere, die Künste in alle Winkel der Gesellschaft zu tragen.

"Kultur ist ein gesellschaftliches Allgemeingut, so lebensnotwendig wie Wasser", erklärte er vor einiger Zeit im italienischen Fernsehen, als es um die verheerenden Einschnitte bei der staatlichen Kulturfinanzierung in seiner Heimat ging. "Theater, Bibliotheken, Museen und Kinos sind wie viele kleine Aquädukte."

Gesellschaftlicher Zusammenhalt

Dass Musik in schweren Zeiten nicht nur trösten, sondern auch sozialen Zusammenhalt stiften kann, spürte er bei seinen Benefizkonzerten nach den jüngsten Erdbeben. Mit Tränen in den Augen wandte er sich 2009 nach der Aufführung von Schuberts "Tragischer Sinfonie" dem dankbaren Publikum in der von einem Erdbeben zerstörten Stadt L'Aquila zu. Auch nach den schweren Beben in der Emilia Romagna 2012 war Abbado mit seinen Orchestern zur Stelle, um Geld für die Restaurierung des historischen Teatro Comunale in Ferrara zu sammeln.

Ein mann sitzt auf den Trümmern eines Hausesin der von einem Erdbeben zerstörten Stadt L'Aquila (Foto:Alessandra Tarantino, File/AP/dapd)

Musizieren für Erdbebenopfer

Und im Oktober wird er im Nordosten Japans, über den 2011 ein Tsunami hinwegfegte, in einem vom Lucerne Festival initiierten mobilen Konzertsaal auftreten. Sein Orchestra Mozart führt derweil in Bologna Projekte mit kranken Kindern und Strafgefangenen durch, während ein von Abbado angeregtes italienisches Jugendorchester-System landesweit das Musizieren von sozial schwachen Kindern und Jugendlichen fördert.

Neben Bildung liegt Abbado auch die Umwelt am Herzen. Auf Sardinien hat er auf einer Müllkippe ein Naturschutzgebiet geschaffen, das für alle Fußgänger und Fahrradfahrer frei zugänglich ist. Und in großen Städten wie Mailand, wo er vergeblich für 90.000 neue Bäume warb, plädiert der bekennende Nutzer sauberer Energien für weniger Autoverkehr.

Ein großen Herz und ungebrochener Forscherdrang prägen Claudio Abbados Leben. "Ich akzeptiere keine Grenzen und bin immer auf der Suche nach dem Neuen", sagt er über sich selbst. "Denn wenn man meint, alles zu wissen, ist das Leben schon vorbei."

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