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Welt

Clark: "Politische Akteure waren Schlafwandler"

"Wacht auf! Seht ihr nicht was kommt?", hätte Historiker Christopher Clark gerne die europäischen Machthabern vor dem Ersten Weltkrieg gefragt. Im DW-Interview erklärt er warum die Politiker "Schlafwandler" waren.

1914 begang Gavrilo Princip, Sohn eines Postmitarbeiters, das tödliche Attentat auf den österreichisch-ungarischen Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand und seine Frau Sophie in Sarajevo. Die Ermordung löste die Julikrise aus, die schließlich zum Ersten Weltkrieg führte. Der australische Historiker und Professor für moderne europäische Geschichte an der Universität Cambridge ist Experte für preußische Geschichte. Für sein 2013 erschienenes Buch "Die Schlafwandler: Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog", erhielt er den Braunschweiger Geschichtspreis.

DW: Herr Clark, fast hundert Jahre nach dem Attentat herrscht immer noch eine intensive Debatte darüber, ob Gavrilo Princip ein Held oder ein Terrorist war. In der deutschen Ausgabe Ihres Buches "Die Schlafwandler" haben Sie das Wort "Terrorist" mit dem Begriff "Attentäter" ersetzt. Warum?

Christopher Clark: Erstmal muss ich sagen, dass der Terrorist des einen immer der Freiheitskämpfer des anderen ist. Das hängt von der Perspektive ab. Die ganze Debatte ist damit kaum wissenschaftlich, sie ist eher die Diskussion über eine patriotische, jugoslawische Idee von Gavrilo Princip.

Das Problem ist, dass wir heutzutage unter dem Begriff "Terrorismus" Angriffe auf so genannte weiche Ziele verstehen – Frauen, Kinder oder Einkaufszentren. Princip und seine Komplizen wollten keine Unschuldigen töten oder Schrecken verbreiten. Sie wollten ein Angstklima innerhalb der Polit-Elite der Doppelmonarchie schaffen, aber sie waren keine Terroristen im heutigen Sinne.

Gavrilo Princip (undatierte Aufnahme) (Foto: Wikipedia)

Gavrilo Princip verübte das tödliche Attentat auf Franz Ferdinand

Die einzelnen Großmächte hatten unterschiedliche Interessen. Wo liegen denn die Ursachen für den Ausbruch des Weltkrieges? In vielen Geschichtsbüchern wird das Attentat als Anlass für den Krieg genannt.

Nach dem Attentat änderte sich die Substanz der Politik, weil der mächtigste Befürworter für Frieden nicht mehr sprechen konnte - und das war Franz Ferdinand. Das Attentat hatte dramatische Folgen für die österreichische Elite. Kaiser Franz Joseph I. war schon ziemlich alt, und Franz Ferdinand war der Thronfolger, der die Zukunft der Doppelmonarchie sicher stellen sollte. Die Presse in Wien berichtete damals, dass die Schüsse von Sarajevo nicht nur ein Ehepaar töteten, sondern vor allem den Habsburger Staat erschütterten.

Wie kann es sein, dass ein Attentat einen Weltkrieg zur Folge hatte?

Es war nicht alles Folge der Schüsse von Sarajevo. Das Attentat war eigentlich ganz schnell vergessen. Ende Juli 1914 schrieb ein US-Diplomat aus Brüssel in einem Brief: "Vor ein paar Tagen war Serbien noch der Hauptdarsteller, und jetzt ist es hinter den Kulissen verschwunden." Das Attentat hat die Krise ausgelöst, dann sind aber verschiedene geopolitische Interessen ins Spiel gekommen. Der britische Außenminister Edward Grey hat das eindeutig formuliert: 'Es kann nicht sein, dass wir in den Krieg eingreifen, um Serbiens Rechnungen zu begleichen!' Für ihn war das eine groteske Idee. Die Großmächte hatten das Risiko und den eventuellen Gewinn durchkalkuliert - und am Ende haben sich alle für einen Krieg entschieden.

Wer sind denn für Sie die "Die Schlafwandler“?

Schlafwandler haben immer eine Intention. Sie haben eine Aufgabe, die sie erfüllen wollen. Gleichzeitig ist ihnen nicht bewusst, welche Folgen ihre Taten haben können.

Die politischen Akteure von 1914 waren Schlafwandler. Wenn man sich anschaut wie die Machthaber vor dem Krieg agiert haben, dann hätte ich sie damals am liebsten geschüttelt und geschrien: Wacht auf! Seht ihr nicht was kommt? Ich hätte die Politiker in Wien gefragt, ob es wirklich wert ist, so einen Krieg zu führen? Der Krieg der Großmächte war eine Katastrophe. Die Unfähigkeit, diese Katastrophe vorauszusehen ist den Schlafwandlern geschuldet.

In Belgrad wurde Ihnen vorgeworfen, die Serben für die Ereignisse verantwortlich zu machen. Wohin führt überhaupt diese Schulddebatte?

Meine Idee war, das Konzept der Verantwortlichkeit zu beenden und nicht mehr die Schuldigen zu suchen, sondern festzustellen, dass Europa anno 1914 ein gefährlicher Ort war. Diese Gefahr lag nicht nur in Berlin oder Wien - die Gefahr verbarg sich überall. Der Balkan war eine turbulente Region, was sich letztlich in zwei Balkan-Kriegen gezeigt hat.

Serbien spielte dort eine Rolle, aber es wäre absurd und lächerlich, Serbien für den Krieg verantwortlich zu machen. Serbiens Bestrebungen einen großflächigen Staat zu gründen, notfalls auch mit Gewalt, waren nicht anders als die der Deutschen oder der Italiener. Das waren alles Europäer, und diese Art zu denken war europäisch.

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