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Medienentwicklung

Claire Wardle: "Journalismus ist voller Grauzonen"

Augenzeugenberichte gewinnen bei der Berichterstattung immer mehr an Bedeutung. Claire Wardle, Expertin für User Generated Content, weist auf ethische Grenzen sowie Auswirkungen auf die journalistische Praxis hin.

2015 gab es eine Reihe von Vorfällen, bei denen Augenzeugen mit ihren Posts auf Social Media die Eilmeldung und damit die Berichterstattung lostraten. Augenzeugenberichte sind mittlerweile zu einem eigenen Genre geworden. Claire Wardle, Forschungsleiterin am Tow Center for Digital Journalism der Columbia University und eine der führenden Expertinnen für User Generated Content, untersucht den Einfluss, den dieser Trend auf Journalisten, Redaktionen und Augenzeugen hat. Verifikation und Einordnung in den Kontext werden ihrer Einschätzung nach wichtiger denn je.


Was ist das Wichtigste, was ein Journalist beachten muss, wenn er Augenzeugenberichte verwertet?
Journalisten müssen kritisch gegenüber allem sein, was sie zu sehen bekommen. Sie sollten nichts glauben, bis sie es nicht professionell gegengecheckt haben.

Was sind die ethischen Grenzen im Umgang mit Augenzeugenberichten
Einverständnis ist entscheidend. Als Journalist müssen Sie sich immer die folgenden Fragen stellen: Welche Auswirkungen wird die Ausstrahlung des Augenzeugenberichts auf die Person haben, die gefilmt hat - und welche auf die Menschen, die mit der Aufnahme "eingefangen" wurden? Könnte es eine Gefahr für sie sein, öffentlich bekannt zu werden? Nennen Sie ihre Quelle namentlich? Und wollen die Augenzeugen überhaupt mit dem Material in Verbindung gebracht werden?

Claire Wardle

Claire Wardle bei einem Vortrag am 17.12.2015 in der Deutschen Welle

Ohne Frage ist verantwortungsvoller Journalismus in Krisensituationen entscheidend. Aber was ist mit der Verantwortung der Bürger, wenn sie Informationen in sozialen Medien posten?
Jeder, der etwas postet, sollte zunächst überlegen, ob diese Information auch der Wahrheit entspricht. Kursierende Gerüchte können unglaublich gefährlich werden. Außerdem sollte jeder, der Informationen teilt, darüber nachdenken, welche Auswirkungen das auf andere haben könnten. Nur, weil jemand etwas in den sozialen Medien gepostet hat, heißt das noch lange nicht, dass er es auch über sein Netzwerk hinaus veröffentlicht haben möchte.

Wichtige Informationen veröffentlichen vs. den Lieferanten der Nachricht einem möglichen Risiko aussetzen: Wie sollten wir mit dieser Grauzone umgehen? Welche Rolle spielen Redaktionen dabei?
Diese Fragen müssen Journalisten sich immer wieder stellen. Journalismus ist voller Grauzonen. Alle Nachrichtenredaktionen hetzen den Informationen hinterher, um die ersten zu sein - und machen sich dadurch nicht die nötigen ethischen Gedanken darüber, was die Veröffentlichung auslösen kann. Zwar ist auch Journalismus eine Wettbewerbsbranche, aber wir leben auch in einer Zeit, in der Organisationen sich so verhalten müssen, dass Leser ihnen auch trauen. Falsche Informationen und Inhalte, die Menschen in Gefahr bringen oder ihre Privatsphäre verletzen, untergraben letztlich das Vertrauen.

In unserem digitalen Zeitalter ist das Überprüfen von Informationen sehr viel schwieriger geworden als die Suche oder Zusammenfassung der Daten. Wie wird der digitale Journalismus die Rolle des Journalisten verändern?
Heutzutage geht es im Nachrichten-Journalismus viel mehr um das Überprüfen von Fakten sowie die Aufarbeitung des Kontextes. Wenn die Allgemeinheit Zugang zu denselben Informationen wie Journalisten hat, dann ist es zwingend notwendig, dass Nachrichten-Organisationen ihr Publikum durch die Inhalte navigieren und aufzeigen, wie etwas ist und warum es wichtig ist.

Laufend werden neue Tools und Apps für die technische Überprüfung von Daten entwickelt. Wie behalten Sie den Überblick?
Es gibt nur wenige Personen, die Fact Checking wirklich ernst nehmen, denen folge ich auf Twitter. Alle Mitglieder der First Draft-Koalition, (Anmerk. Red.: Verfechter der ersten Quelle/Ursprungsquelle) sind ein guter Anfang. Bellingcat (Anmerk. Red.: ein investigatives Recherchenetzwerk) ist eine unglaubliche Ressource für das Lernen über neue Tools und Techniken.

Digitaler Journalismus 2030 - was ist Ihre Vision?

Viele Bereiche des Journalismus werden automatisiert sein, das wird wiederum Raum und Zeit für investigativen Journalismus, lange Recherchestücke schaffen – für die die Menschen dann auch bereit sein werden, zu zahlen.

Wie sind Sie zum digitalen Journalismus gekommen? Was hat Sie daran gereizt?
Ich habe den Journalismus immer geliebt, aber ich habe nie als Journalistin gearbeitet. Meinen Doktor in Journalistik habe ich an der Annenberg School for Communication gemacht, aber es war eine historische Analyse von Zeitungen (nicht sehr digital). Dann habe ich an der Cardiff School of Journalism unterrichtet, aber das war sehr theoretisch. 2007 habe ich ein neues Forschungsprojekt gesucht und merkte, dass ich nahezu besessen war von den Menschen, die die E-Mails oder Texte zum BBC-Frühstücksfernsehen schickten.
Ich wollte wissen, wer sie sind und was sie motiviert, die BBC zu kontaktieren. So begann meine Liebe zum User Generated Content. Ich habe über ein Jahr mit der BBC an einem Großprojekt gearbeitet und Publikumsbeiträge analysiert. Daraus habe ich im Auftrag der BBC ein Training zu UGC, Social Media und Verifikation entwickelt.
Dies war ein entscheidendes Jahr in Bezug auf den digitalen Journalismus und ich war sehr glücklich: Ein Jahr lang konnte ich spielerisch lernen. Ich verließ die Wissenschaft und verbrachte die nächsten sechs Jahre in den Newsrooms dieser Welt, um Beratung und Trainings anzubieten.


Claire Wardle hat zwei Forschungsprojekte geleitet und untersucht, wie User Generated Content von Nachrichtenorganisationen gehandhabt wird. 2009 entwickelte sie ein Training in Social News und Verifizierung für die BBC News. Außerdem war sie Direktor des News Services für Storyful sowie Senior Social Media Officer der UN-Agency for Refugees (UNHCR). Im Oktober 2014 wurde Wardle Mitbegründerin des Eyewitness Media Hub, einer gemeinnützigen Initiative von Content-Erstellern und Verlagen mit Forschungsanliegen.