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Asien

CIA-Helfer zwischen den Fronten

33 Jahre Gefängnis für den Arzt, der die CIA zu Osama bin Laden führte. Der Fall zeigt nicht nur, dass die Terrorfahnder vor keinem Mittel zurückschrecken, sondern auch, wie Einzelne Opfer der großen Politik werden.

Ein Arzt führt ein Impfprogramm für Kinder durch. Nach außen eine lobenswertes Unternehmen mit dem Ziel, Kinder vor einer fürchterlichen Erkrankung zu schützen: Kinderlähmung. Die Krankheit ist noch weit verbreitet in seiner Heimat Pakistan. Dort engagiert sich der Arzt seit vielen Jahren. Er genießt das Vertrauen der Menschen. Sie wissen, dass er ihnen hilft.

Was seine Patienten nicht wissen. Um das Geld für das Impfprogramm zu bekommen, muss der Arzt eine Bedingung des Geldgebers erfüllen. Er muss insgeheim einen DNA-Abstrich bei jedem Patienten machen und zusammen mit den persönlichen Daten samt Wohnort an seinen Geldgeber abliefern. Eine Verletzung der ärztlichen Geheimhaltungspflicht. Das Programm ist aber so wichtig, dass der Arzt sich für die Impfungen entscheidet. Was der Arzt nicht weiß: Der Geldgeber sucht jemanden. Den Vater eines Kindes, den er aus dem Weg räumen will. Schließlich führt die DNA-Spur zum Gesuchten. Der geheimnisvolle Geldgeber tötet den Vater des Jungen.

Wirklichkeit übertrifft Fiktion

Autoren von Spionage-Romanen hätten keinen besseren Plot erfinden können. Die Story ist aber nicht fiktiv. Sie ist wahr. Es handelt sich um Ereignisse, die 2011 in Pakistan stattfanden und zur Tötung des Al-Kaida-Chefs Osama bin Laden führten. Bin Laden war im Mai in Abbottabad durch eine Spezialeinheit der Amerikaner getötet worden.

Präsident Obama, Außenministerin Hillary Clinton und Mitglieder des Sicherheitsteams im Weißen Haus verfolgen am Monitor den Einsatz der US-Spezialkräfte gegen Osama bin Laden. (Foto:The White House, Pete Souza/AP/dapd)

Präsident Obama und Außenministerin Hillary Clinton verfolgen den Einsatz, der im Mai 2011 zur Tötung des Staatsfeind Nr. 1 geführt hat.

Der Arzt, Dr. Shakil Afridi, der die Terrorfahnder zu bin Laden führte, wurde vor einigen Wochen als Terrorist zu 33 Jahre Gefängnis verurteilt. Bis heute ist nicht geklärt, ob er wusste, dass die CIA hinter dem Impfprogramm steckte.

Der Prozess gegen Dr. Afridi hat Empörung im Westen hervorgerufen. Der US-Kongress hat die Hilfe für Pakistan symbolisch um eine Million Dollar für jedes Jahr Gefängnis gekürzt.

Held oder Verräter?

Laut dem Politikwissenschaftler Farooq Sulehria ist die Angelegenheit in Pakistan politisch sehr komplex: "Die Awami National-Partei, die die Regierung in Khyber Pakhtunkhwa (im Nordwesten Pakistans) stellt, sieht Afridi als Nationalheld, der das Land von dem 'Ausländer' Osama bin Laden, einem Araber, befreit hat. Die Partei stellt sich gegen die Taliban sowie den Einfluss der erzkonservativen Saudis. Die religiösen Parteien hingegen sahen bin Laden als Symbol des Widerstands gegen die amerikanische Besatzung von Afghanistan, deshalb wollen sie den Ruf des Arztes zerstören."

Und das taten sie zielstrebig. Zunächst wurde behauptet, Afridi habe Landesverrat begangen. Dann hieß es, er sei korrupt und habe außereheliche Affären. Dann behaupteten sie, Afridi sei ein schlechter Arzt, der den Taliban Geld gegeben und verletzte Taliban-Kämpfer behandelt habe.

Prozess eine Farce

Ein Soldat sucht Deckung. Im Hintergrund brennt das Taj Mahal in Indien nach einem Terrorangriff. (Foto:David Guttenfelder, File/AP/dapd)

Am Terroranschlag auf das Taj Mahal Hotel in Indien waren Mitglieder der Lashkar-e-Taiba beteiligt.

Darüber hinaus setzten Konservative durch, dass der Prozess vor einem Stammesgericht und nicht vor einem ordentlichen Gericht stattfand. Vor einem Stammesgericht im Nordwesten Pakistans hat der Angeklagte gewöhnlich kein Recht auf einen Anwalt. Zur Überraschung Afridis lautete die Anklage dann doch nicht auf Landesverrat, sondern auf Unterstützung der Terroristen der Lashkar-e-Taiba-Gruppe. Dieser terroristischen Vereinigung aus Kaschmir werden vor allem Anschläge in Indien zur Last gelegt.

Das Gericht erklärte sich für die Anklage "Landsverrat" nicht zuständig. Die sogenannten Beweise bestanden lediglich aus Geheimdienstberichten und angeblichen Augenzeugen aus der Region. Nach Meinung von Beobachtern waren die Beweise nicht aussagekräftig und die lange Hand der Regierung in Islamabad – trotz Dementis – deutlich zu erkennen. Für Asma Jahangir, den führenden Menschenrechtler in Pakistan, eine klare Sache: Afridi habe keinen fairen Prozess bekommen.

Für Iqbal Haider, ein ehemaliger Justizminister in Pakistan, besitzt das Urteil keinerlei Gültigkeit: "Stammesgerichte dienen der Gerechtigkeit nicht. Der Prozess ist nicht rechtens und hat ihm seine Rechte vorenthalten. Der Prozess hat die Werte, die in der Verfassung Pakistans verankert sind, nicht geschützt."

Zwangsläufig sucht man in dieser Verwirrung nach einer Erklärung: Sicher ist, dass die Regierung in Islamabad beim Prozess durch einen Gebietsrepräsentanten vertreten war. Ganz unbeteiligt war sie also nicht. Wegen der anti-amerikanischen Stimmung im Land fürchtet sie sich vor der öffentlichen Meinung.

Farooq Sulehria ist der Meinung, dass Washington Afridi letztlich freikaufen wird: "Der Fall Afridi geht in die Revision, zum Oberlandesgericht Peshawar oder zum Obersten Gericht. Das Urteil des Stammesgerichts ist nicht bindend. Da die USA involviert sind, und Afridi als Mann angesehen wird, der den USA geholfen hat, bin Laden zu erledigen, ist das keine einfache Angelegenheit. Ich denke, es wird eine außergerichtliche Einigung geben."

Opfer der großen Politik

Das Anwesen des ehemaligen Terrorchefs Osama bin Laden ((c) dpa - Bildfunk)

Der Einsatz gegen Osama bin Laden in Abbotabad, Pakistan, belastet die Beziehungen zwischen USA und Pakistan bis heute.

Letztlich sind alle Beobachter sich einig. Afridis Verurteilung hat viel mit der Großwetterlage in den US-amerikanisch-pakistanischen Beziehungen zu tun. Wie Talat Masood, ein ehemaliger General in der pakistanischen Armee und politischer Beobachter es formuliert: "Das Urteil des Stammesgerichts kann als Zeichen der Verärgerung Pakistans nach dem NATO-Treffen in Chicago angesehen werden. Afridi werde wahrscheinlich begnadigt, sobald die Beziehungen (zwischen Washington und Islamabad) sich normalisiert haben."

In Chicago hat US-Präsident Barak Obama – nach Meinung von Beobachtern – den pakistanischen Präsidenten Atif Zardari gedemütigt, weil er ihm ein Vier-Augen-Gespräch verweigerte. Das könnte Washington noch teuer zu stehen kommen. Aber ein "Happy end" für Dr. Afridi könnte es dennoch geben.