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Aktuell Deutschland

Chronik einer hysterischen Story: Der Fall Sophienhof

Kiel: Eine Menge Migranten misshandelt mehrere Mädchen. Eine solche Meldung kann nach der Kölner Silvesternacht niemanden kalt lassen. Aber stimmte sie überhaupt? Eine unaufgeregte Einordnung der Geschehnisse.

Deutschland Einkaufszentrum Sophienhof Kiel

´"Security" im Sophienhof in Kiel

Der 26. Februar war ein Freitag und ein hektischer Nachrichtentag. In Zürich wurde ein neuer FIFA-Präsident gewählt und auch sonst war einiges los auf der Welt zwischen Flüchtlingskrise, Syrien-Krieg und Landtagswahlkampf. Am Nachmittag kamen dann die Nachrichtenagenturen dpa und AFP noch mit einer Meldung, die das Zeug zum Aufmacher gehabt hätte - FIFA hin oder her. "Größere Gruppe von Ausländern bedrängt drei Jugendliche in Kiel", titelt die französische Agence France Presse (AFP) um 15:59 Uhr.

Die Ausländer? Männer aus Afghanistan. Die Jugendlichen? Drei Mädchen im Alter von 15,16 und 17 Jahren, wie die Deutsche Presse-Agentur (dpa) eine Stunde später notiert. Ebenso erwähnt sie in der Schlagzeile die größere Gruppe: "Zwei Dutzend Männer" sollen es gewesen sein. Wäre nicht die Kölner Silvesternacht gewesen, hätten wir hier eine von vielen Polizeimeldungen. Aber so?

Finger weg oder raus mit der Story?

Die Nachrichtenredaktion der Deutschen Welle entscheidet, um 18:40 Uhr erstmals online über den Vorgang zu berichten. Ebenso verfährt 20 Minuten später die Nachrichtensendung "heute" des Zweiten Deutschen Fernsehens. Die "Tagesschau" der ARD um 20:15 Uhr lässt die Finger von der Story.

Die gesamte Berichterstattung basiert auf einer Pressemeldung, die Stunden zuvor (um 12:41 Uhr) von der Pressestelle der Polizeidirektion in Kiel herausgegeben wurde. Darin ist von der vorläufigen Festnahme im Einkaufszentrum Sophienhof von "zwei männlichen Afghanen im Alter von 19 und 26 Jahren" die Rede, außerdem wird folgendes Geschehen wörtlich geschildert:

"Wenige Minuten später fanden sich bei den beiden Männern sukzessive 20 bis 30 weitere Personen mit Migrationshintergrund ein, belästigten, beobachteten, und verfolgten die drei weiblichen jugendlichen Geschädigten."

Körperliche Übergriffe habe es nicht gegeben, aber Foto- beziehungsweise Filmaufnahmen.

Drei Tage später hat die Pressestelle ihre Berichterstattung verändert. "Konkrete Angaben, wie viele Menschen aktiv an der Belästigung teilgenommen haben, können erst nach Abschluss der Zeugenbefragungen und Auswertung der Videoüberwachung gemacht werden."

Also doch keine größere Gruppe? Und was ist mit den Fotos auf den Handys der mutmaßlichen Täter? "Ob sich Bilder oder Filmaufnahmen der Geschädigten darauf befinden, kann zum jetzigen Zeitpunkt nicht gesagt werden", so die Pressestelle weiter.

Joachim Gutt

Joachim Gutt, stellvertretender Landespolizeidirektor, vor dem Innenausschuss des Kieler Landtags

Nachspiel im Innenausschuss

Der stellvertretende Landespolizeidirektor Joachim Gutt hätte sich sicherlich angenehmere Termine vorstellen können, als nun an diesem Mittwoch im Innenausschuss des Landtages von Schleswig-Holstein darüber aufzuklären, wie die Verwirrung entstanden ist. Nach den Einlassungen des Polizei-Vize ist klar: Von einer größeren Tätergruppe kann man zum jetzigen Zeitpunkt nicht sprechen. Die Polizisten vor Ort hätten die Menge von etwa 20 Männern südländischen Aussehens nach erstem Augenschein "als Neugierige" eingestuft, "von denen keine Gefahr ausging". Die Hauptverdächtigen stammten allerdings aus dem Kreis dieser Gruppe. Den wichtigsten Zeugen suche man noch: Das ist nämlich jener Mann, der am fraglichen Nachmittag den Sicherheitsdienst des Einkaufszentrums alarmiert hat.

Die privilegierte Quelle

"Wir rudern überhaupt nicht zurück", erklärt Polizei-Pressesprecher Matthias Arends gegenüber der Deutschen Welle. Es sei doch ein ganz normaler Vorgang, dass bei den Ermittlungen aktuell über den jeweiligen Stand berichtet werde.

Der Bundesvorsitzende des Deutschen Journalisten-Verbandes (DJV), Frank Überall, will das nicht gelten lassen. "Wie im Fall Köln ist die Kommunikation gelinde gesagt problematisch gewesen", erklärt Überall im Gespräch mit der DW. "Wir sprechen bei der Polizei von einer privilegierten Quelle. Und ich muss als Journalist erwarten können, dass diese Quelle ihre Arbeit macht." Für die Polizei-Pressestelle bedeute das, sich vorher in Ruhe darüber zu informieren, was tatsächlich geschehen sei.

Polizeisprecher Arends auf der anderen Seite erwähnt, dass ihm und seinen Kollegen dazu oft nicht die Chance gegeben wird. "Was sich seit den Kölner Vorgängen verändert hat, das ist der Druck von der anderen Seite, den Journalisten. Das ist kein Vorwurf. Aber uns wird oft nicht einmal die Zeit gelassen, die Vorgänge mit den bearbeitenden Beamten zu besprechen." Es sei schon ein immenser Druck, der da herrsche.

Arends räumt aber ein, es sei "ein kleiner Fehler" gewesen, die Aussagen der jungen Frauen in der Polizeimeldung als Tatsache darzustellen. Aber zurückgerudert, zurückgerudert sei man nicht.

Frank Überall

Frank Überall, Bundesvorsitzender des Deutschen Journalisten Verbandes (DJV)

DJV-Chef Überall, der als freier Journalist und auch als Professor für das journalistische Handwerk tätig ist, kann diesen Standpunkt nicht teilen. "Wir sprechen hier über Behörden-Verhalten", sagt Überall. Wenn von einer Gruppe von 20 bis 30 Leuten die Rede sei, dann seien doch simple Fragen entscheidend. Etwa: "Ist gegen diese Gruppe ein Ermittlungsverfahren eingeleitet worden?"

Natürlich wisse er um das Spannungsfeld zwischen Reportern und Pressestellen. "Aber hier muss eine Behörde eben eine gewisse Entschleunigung an den Tag legen", findet Überall.

Entschleunigung? Nichts für Polizeireporter

Entschleunigung ist nichts für Polizeireporter. Und für die sozialen Netzwerke auch nichts, die Überall als "Verlängerung des Stammtisches" bezeichnet. Und für Nachrichtenjournalisten? "Klar ist, dass ich immer eine zweite Quelle haben muss, es sei denn, es handelt sich um eine privilegierte Quelle."

Diese privilegierte Quelle hat der Deutschen Welle bestätigt, dass sich die beiden Männer aus Afghanistan auf freiem Fuß befinden. Sie hatten an jenem Donnerstag, angetrunken, massiv Widerstand geleistet, waren daraufhin vorläufig festgenommen worden und hatten die Nacht im Polizeigewahrsam verbracht. Nun läuft das Ermittlungsverfahren.

Vor Angst geflüchtet

Zwei der drei jungen Frauen hätten übrigens im Sophienhof solche Angst bekommen, dass sie zwischenzeitlich geflüchtet und erst später in Sorge um ihre Freundin wieder in das Restaurant im Sophienhof zurückgekehrt seien, wie der stellvertretende Landespolizeidirektor noch im Landtag berichtete. Den Sachverhalt aus der Strafanzeige zitierend.