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Kunst

Christos Kunstprojekt "The Floating Piers"

Wie Jesus über das Wasser gehen, das können Besucher bei Christos neuem Kunstprojekt "The Floating Piers" auf dem Iseo-See in Norditalien. Damit erfüllt sich der amerikanische Künstler einen lang gehegten Traum.

"Uns geht es prima, sobald die Sonne scheint", sagt Christo-Fotograf und Projektmanager Wolfgang Volz. Nach einer Weile beendet er unser Gespräch, weil draußen gerade das Licht so günstig stehe, da müsse er den Iseo-See unbedingt noch einmal fotografieren. Seit 1972 ist Wolfgang Volz der exklusive Fotograf, damals noch von Christo und seiner 2009 verstorbenen Frau Jeanne-Claude. Bereits in den 70er Jahren hatte das Künstlerpaar die Idee, mit "The Floating Piers" über das Wasser zu laufen. Ursprünglich hatte sich das Paar den Rio de la Plata in Argentinien ausgesucht und dann die Bucht von Tokio. Doch Christo bekam nie die Erlaubnis sein Projekt dort zu verwirklichen.

Floating Piers trotzen dem Wetter

Am norditalienischen Iseo-See, in der Region zwischen Mailand und Venedig, wurde der Traum nun endlich Wirklichkeit. Das drei Kilometer lange Kunstwerk aus schwimmenden Stegen verbindet die Inseln Monte Isola und San Paolo mit dem Ort Sulzano. "Es ist ein bisschen, als würde man auf einem Wasserbett gehen", beschreibt Wolfgang Volz das Gefühl über die schaukelnden Stege zu laufen.

Die bestehen aus 220.000 miteinander verankerten Kunststoffwürfeln und sind mit rund 75.000 Quadratmetern goldgelbem Stoff überspannt. Den Stoff hat Christo bei der Firma "geo-Die Luftwerker" aus Lübeck zuschneiden lassen. Er freut sich über seine optische Wandlungsfähigkeit: "Die Farbe nennt sich Dahliengelb. Je nach Tageszeit ändert sich der Farbton: morgens erscheint er fast rot; mittags, wenn die Sonne am höchsten steht, schimmert er goldfarben", sagte Christo der DW. Er empfiehlt sogar Sonnencreme aufzutragen, da die Farbe stark reflektiere, und man sich sonst einen Sonnenbrand hole.

Italien Iseo-See Christo Projekt The Floating Piers (c) picture-alliance/dpa/M. Bazzi

Der Iseo-See mit dem Ort Sulzano

Trotz der teils widrigen Wetterumstände lagen alle Beteiligten bis zum Schluss gut in der Zeit. "Wir hatten im letzen Monat drei Gewitter, aber die Stürme haben dem Kunstwerk nichts angetan", sagt Fotograf Wolfgang Volz.

Auch Robert Meyknecht ist zufrieden, dass endlich alles soweit fertig ist. "Natürlich haben wir zuletzt in Schichten von 7 Uhr morgens bis 23 Uhr abends gearbeitet", sagt er. Seine Firma aus Lübeck sollte für den Großauftrag die Dahliengelben Nylonbahnen zuschneiden, nähen und auf den Piers verlegen. Dazu hat Meyknecht fast ein Jahr lang gebraucht und musste einiges an Sondergeräten anschaffen. Seien es besondere Nähmaschinen für den dicken schweren Stoff, ein Ultraschall-Schneidegerät oder einen Laserprojektor, um die Schnittlinien auf den Stoff zu projizieren. "Gerade die Bahnen, die wir in den Straßen von Sulzano verlegen sollten, da hatte jedes Teil eine andere Geometrie."

Lübecker Firma hat die Stoffe für Christo bearbeitet

Alles hatte Meyknecht vorher genau vermessen. "Wir haben auch den Stoff ausgespart, da wo Bänke oder Mülltonnen standen". Doch wie das so ist: Um die Stadt für das Großereignis herauszuputzen, hatte die Gemeinde Sulzano auch neue Bänke angeschafft, die etwas größer sind als die alten. "Da mussten wir jetzt noch einmal alles anpassen", erklärt Meyknecht. Zwei transportable Nähmaschinen hatte er dafür im Gepäck. Außerdem 18 spezielle Maschinen, mit denen man die einzelnen Stoffbahnen auf den Pontons von oben an den Nahtstellen vernähen konnte.

Die Kunststoffkanister für die Piers werden verladen. (c) Wolfgang Volz

220.000 Kunststoffkanister tragen die Besucher auf den Stegen.

Jetzt ist auch Robert Meyknecht, der sonst hauptsächlich mit Stoffen für Heißluftballons zu tun hat, froh, dass alles so gut geklappt hat: "Das war ein Erlebnis, das macht einen richtig stolz." Auf den Pontons zu arbeiten war für seine Leute gar nicht so einfach. "Die Wellenbewegung ist doch stärker als ich dachte", sagt er. Besonders beeindruckend sei es beim Gewitter gewesen, als die Wellen einen Meter über die 16 Meter breiten Stege geschlagen seien. "Christo hat dagestanden und hat sich gefreut wie ein kleines Kind", erinnert sich Meyknecht.

Christo: "Diese Arbeit basiert auf totaler Freiheit"

Christo liebt die raue Natur. Seine Kunstprojekte im Freien setzen sowohl das Kunstwerk als auch die Betrachter dem Wind, der Sonne oder dem Regen aus und machen das Werk erlebbar. "Das ist kein Bild, kein Film und auch kein Fernsehen, sondern die Realität", sagte Christo der Deutschen Welle. Der Stoff, den er über seine Objekte legt oder schnürt, versinnbildlicht den provisorischen Charakter der vergänglichen Kunstwerke. Auch die Installation "The Floating Piers", die Christo rund 13 Millionen Euro gekostet hat, wird gerade einmal 16 Tage für Besucher offen stehen.

Christo steht auf den Pontons, die noch nicht mit Stoff überzogen sind. (c) picture-alliance/dpa/Wolfgang Volz

Man spüre die Wasserbewegung unter den Füßen, freut sich Christo

Seine Werke finanziert der gebürtige Bulgare ohne Sponsoren oder öffentliche Gelder hauptsächlich durch den Verkauf seiner Skizzen und Fotos. "Ich komme aus einem kommunistischen Land und bin absolut gegen Propaganda", sagt Christo immer wieder. Ganz egal, ob es sich dabei um politische, ökologische oder religiöse Propaganda handele. "Niemand kann diese Arbeit als Werbung nutzen, denn diese Arbeit basiert auf totaler Freiheit." Und im Grunde, so sagt Christo, sei sie absolut nutzlos. "Niemand braucht dieses Projekt. Nur ich, Jeanne-Claude und ein paar Freunde wollten es haben. Das hier ist reine Kunst."

Doch nicht nur Christo wollte das Projekt, auch Bürgermeister Fiorello Turla erhofft sich internationale Aufmerksamkeit für seinen Ort und erwartet rund 800.000 Besucher. Die werden ab dem 18. Juni über die Stege gehen und schwanken und fernab des Freiheitsgedankens wahrscheinlich wie Christo einfach ihren Spaß haben.

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