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Wagner 200

Christian Thielemann: "Jetzt oder nie!"

Christian Thielemann ist als Wagner-Dirigent weltweit bekannt. In Dresden sprach er mit Hans Christoph von Bock über Wagners Musik als "gesundheitsfördernden Rausch" und darüber, ob ein D-Dur politisch sein kann.

DW: Herr Thielemann, am 22. Mai ist der Geburtstag des großen Meisters. Sie absolvieren um dieses Datum herum einen kleinen Marathon: Am 21. haben sie ein Jubiläumskonzert in der Semperoper gespielt, und am 22. Mai geht es weiter im Bayreuther Festspielhaus. Es scheint, dass Sie nicht genug von Wagner kriegen?

Na ja, von Wagner kann man nicht genug kriegen. Man muss nur sehen, dass man auch die Kräfte dafür hat. Aber das gibt es ein einziges Mal, den 200. Geburtstag. Vielleicht gibt es demnächst medizinische Wunder, aber in 50 Jahren - mit über 100 - vielleicht ist man beim 250. Geburtstag nicht mehr dabei. Und da habe ich mir gedacht: Jetzt oder nie! (lacht)

Was bedeutet es Ihnen, im Bayreuther Festspielhaus an diesem Tag zu dirigieren?

Es bedeutet mir schon enorm viel, denn es ist ein authentischer Ort. Speziell ist an der ganzen Sache – und daran habe ich gar nicht gedacht, bevor ich es gemacht habe: Sie verbeugen sich vor dem Publikum und gucken in diesen komischen, leeren Orchestergraben!

Wie kommen sie auf das Programm des Geburtstagskonzertes?

Zu sehen ist Hans von Bock im Interview mit dem Dirigenten Christian Thielemann in Dresden (Foto: DW)

Entspannte Atmosphäre

Wir haben uns Folgendes überlegt: Man muss ja einmal zeigen, wie Wagner in einem Akt einen großen Bogen gespannt hat. Dazu eignet sich nichts besser als der erste Akt der "Walküre". Einfach weil er so mitreißend ist. Außerdem wüsste ich keinen anderen Akt einer Oper, der noch relativ unkompliziert aufzuführen wäre, weil wir nur drei Solisten dabei haben.

Und dann haben wir gesagt: Na ja, "Der Ring" ist natürlich auch immer dabei, aber was macht man nach der Pause? Man musste in dem Stil etwas weiter machen, in diesem sehr intensiven, sehnenden, ziehenden Stil. Und dann haben wir gesagt, wir fangen nach der Pause mit was Ruhigem an.

Also, ein kompletter Bruch. Denn der erste Akt ist sehr bewegt und endet mit einer Riesenentladung…

Ja, und nach der Pause geht es ganz leise los. Nämlich mit "Tristan" – Vorspiel und Liebestod. Da haben wir praktisch einen sehr beschaulichen Teil des Abends nach dem, was davor war. Und dann hat man sich gedacht: Es gibt noch ein paar schöne Zwischenspiele und Dinge, die man kennt und die wiederum zur "Walküre" passen: Siegfrieds "Rheinfahrt" und "Trauermarsch", sicherlich der berühmteste Trauermarsch nach dem von Beethoven. Und dann hat man sich gedacht, jetzt muss das Konzert – weil es ja Wagners Geburtstag ist – nicht mit einem Trauermarsch enden. Es ist ja nicht sein Begräbnis.

Und insofern gibt es nichts anderes als den ganz scharfen Kontrast der "Meistersinger"-Ouvertüre – nicht tonal in dem Sinne, weil der Trauermarsch in c-Moll endet und "Die Meistersinger" in C-Dur weitergehen. Es muss einfach mit den Meistersingern enden! Weil es meiner Meinung nach kein anderes Vorspiel von ihm gibt, das so freudig, in einer gewissen Weise harmlos die Leute hoffentlich in eine blendende Stimmung entlässt.

Die "Meistersinger"-Ouvertüre ist ein wunderbares Stück. Aber: Kann man das heute dirigieren und hören, ohne an den Missbrauch dieser Musik zu denken? Oder spielt das für Sie keine Rolle?

Für mich spielt erstmal eine Rolle, dass alleine die Frage schon so oft gestellt worden ist. Die stellen Sie nun auch. Und ich kann nur sagen: Ich habe dazu keinen Kommentar mehr. Das hat sich erledigt. Wir wissen alles und "Die Meistersinger" sind "Die Meistersinger". Es ist eine unangenehme Angewohnheit, wenn man an so einem Tag versucht, jemandem die Freude zu verderben. Wenn Sie die Entscheidung getroffen haben, Sie spielen (oder hören) diese Musik, dann sagt es alles über Ihre Wahl aus.

Das sagt aber nicht, dass man nicht weiß, was man mit jeglicher Musik anstellen kann. Musik kann man nicht politisieren. Das ist das große Missverständnis zu jeder Zeit gewesen. Sie können ein D-Dur oder C-Dur gar nicht für eine bestimmte politische Sache gewinnen. Das ist das Glück an der ganzen Sache.

Sie spielen auch "Tristan" – Vorspiel und Liebestod: "Tristan" ist in jeder Hinsicht eine Ausnahmeerscheinung. Einige fühlen sich angezogen, andere geradezu abgestoßen im Sinne "Es geht mir zu nah". Was löst "Tristan" bei Ihnen aus?

Dirigent Christian Thielemann und der DW-Mitarbeiter Hans Christoph von Bock (Foto: DW)

Dirigent Christian Thielemann und das DW-Team

Da muss ich Ihnen beipflichten: Zu nah geht einem das. Man muss versuchen damit umzugehen. Ich guck mal, wie weit ich durchhalte. Man macht das, was man machen muss und stellt dann vielleicht fest: Das geht dir zu sehr auf die Nerven. Dann muss man einen Gang zurückschalten. Aber ich finde solche Grenzdinge was Wunderbares. "Tristan" ist pures Rauschgift, aber nicht gesundheitsschädlich – im Gegensatz zu Alkohol oder anderen Drogen.

Wenn Sie – als Hörer mehr als ich als Dirigent, denn ich muss das Ganze noch steuern – einer gelungenen "Tristan"-Aufführung beiwohnen, kommen sie selber in so einen Rauschzustand. Und das ist durchaus so beabsichtigt von Wagner. Aber das baut einen auf. Wagner ist der wohl einzige Rausch, der gesundheitsfördernd ist!

Wagners Musik berauscht, überwältigt. Als Zuschauer lasse ich mich gerne berauschen. Aber wie ist das als Dirigent? Müssen Sie die ganze Zeit "mit angezogener Handbremse" dirigieren? Können Sie sich dem Rausch entziehen?

Nein, das geht nicht. Aber als Dirigent können Sie sich dem nicht so aussetzen wie der Hörer. Sie müssen versuchen, den Alarmknopf noch zu haben, der sagt: "Achtung! Dir würde es gleich entgleiten!" Man muss eine sanfte Kontrolle über die ganze Geschichte haben und trotzdem auch loslassen können. Das ist schwer. Aber das ist auch der Grund, warum das Dirigieren von solcher Musik nicht ganz ohne ist.

Das ist aber bei allen Stücken so, auch bei einem Brahms-Violinkonzert oder einem Tschaikowsky-Klavierkonzert: Je höher die Wogen schlagen, desto kühler muss der Solist oder Dirigent bleiben, geradezu kalkulierend. Es ist wie beim Apotheker: Morphium in kleinen Dosen hilft, in großen Dosen ist es aber tödlich. So ist es auch bei Wagner: Eine Überdosis an Gefühl kann alles ins Rutschen bringen – und das ist nicht das, was ich will.

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