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Wissen & Umwelt

Christian Frommert: "Magersüchtige tun nichts unkontrolliert"

Der ehemalige Telekom-Manager im Interview: Als Jugendlicher wog er bis zu 140 Kilogramm. Im Erwachsenenalter wurde er magersüchtig und entkam mit 39 Kilogramm bei einer Größe von 1,84 Meter nur knapp dem Tod.

Christian Frommert zu Besuch im DW-Studio (Bild: Tobias Oelmaier/DW) Aufnahmedatum: 15.04.2013

Christian Frommert

DW: Herr Frommert, wie geht es Ihnen heute?

Christian Frommert: Gut, ich fühle mich gut. Wenn Sie nach meiner Krankheit fragen, sage ich: es geht besser. Es ist noch nicht optimal. Ich muss noch sehr viel arbeiten. Ich bin auf einem Weg.

Wie labil oder wie stabil ist der Zustand eines Magersüchtigen?

Es kommt immer darauf an, was auf den Magersüchtigen einwirkt. Wenn es zu starker Druck ist, neigt man sehr schnell dazu, wieder in die alten Rituale zu flüchen, also in Annas [so nennt Frommert seine Magersucht, medizinisch: Anorexie] Arme zu fallen. Sie gibt die Sicherheit, sie gibt Vertrauen, da fühlt man sich wohl, da fühlt man sich geborgen.

Gegenüber den Bildern, die von Ihnen im Internet kursieren, und auf denen Sie furchtbar aussehen, scheinen Sie sich etwas erholt zu haben. Kaschieren Sie Ihren Zustand so gut, oder geht es Ihnen tatsächlich besser?

Meinen Körper sieht man ja nicht. Vom Gesicht her sehe ich tatsächlich besser aus. Ich nehme ab und an wieder Kohlenhydrate zu mir, was sofort Auswirkungen hat. Wenn Sie allerdings den Operkörper sehen würden, wäre der Unterschied noch nicht so groß. Die Gesichtsfarbe hat sich geändert und verbessert. Sie werden sehr gelblich, weil als Folge der Magersucht die Organe ihre Funktion einstellen.

In Ihrem Buch "Dann iss halt was!", das im März erschienen ist, beschreiben Sie schonungslos Ihr Leben und Ihre Krankheit. Welchen therapeutischen Nutzen hatte dieses Buch für Sie?

Das Buch war nie ein Kalkül. Das Buch war nie geplant. Es war Ergebnis dessen, was ich irgendwann mal angefangen habe aufzuschreiben, in der Magersucht. Ich habe alles sehr wohl reflektiert: Mir war klar, ich habe ja Hunger. Als Magersüchtiger beschäftigen Sie sich ständig irgendwie mit Essen. Entweder, Sie versuchen ihm zu entgehen, oder stellen sich die Frage: 'Wie kann ich etwas zu mir nehmen ohne etwas zu mir zu nehmen?'

Das war immer kompliziert, also versuchen Sie ihr Hirn zu beschäftigen. Deshalb habe ich angefangen, eine Art Tagebuch zu schreiben. Ich habe alles notiert: E-Mail Verkehr, der mich irgendwie bewegt hat. Ich habe versucht, immer wieder mit mir selbst Zwiesprache zu halten und, banal ausgedrückt, mich mir selbst zu erklären, eine Gebrauchsanweisung zu mir selbst zu schreiben. Daraus sind mehr als 1300 Seiten entstanden, die ich später als Grundtext für mein Buch heranzog. Eine andere Person hatte mich animiert, es zu schreiben.

Es war Wahnsinn, wass passiert ist. Es ist wirklich so, dass ich durch dieses Buch viele Dinge besser oder anders verstanden habe.

Sie sagen selbst, Sie hatten, Sie haben Hunger als Magersüchtiger. Warum haben Sie nichts gegessen?

Warum habe ich das eigentlich nicht gemacht? Dann iss halt was! Es ist in der Tat so einfach. Es ist aber nicht das Problem, in das Brot zu beißen - doch, das ist natürlich ein Problem, aber nicht vordergründig - das Problem ist die Zeit danach: Sie haben reingebissen, und dann kommen die Gewissensbisse. Sie werden drei Tage lang gar nichts mehr essen, weil Sie sagen: Ich habe die Todsünde begangen. Sie lassen nur in sich rein, was Sie abgewogen haben: Obst oder Magerquark und das alles sehr, sehr in Maßen. Sie wissen genau, wie viele Kalorien Sie gerade zu sich nehmen. Sie machen nichts unkontrolliert. Dann beißen Sie in etwas herein aus Lust, und diese Lust verbieten Sie sich, weil Sie sagen: das geht nicht. Disziplin, Disziplin, Disziplin - Was macht das Hirn mit mir die nächsten Tage?

Haben Sie über ihr Buch die Ursache, den Auslöser für ihre Krankheit gefunden?

Den einen Auslöser gibt es nicht. Kein Magersüchtiger wird sagen können: Das war der Punkt. Es sei denn, es ist ein extrem traumatisches Erlebnis. In all den Gesprächen, die ich mit Mitpatienten und Betroffenen geführt habe, wurde mir klar: Es ist immer eine Gemengelage. Verschiedene Dinge spielen da mit rein. Auf jeden Fall ist es immer der Hang zum Perfektionismus, alles selbst machen zu wollen, sich selbst nicht zu mögen und ganz klar: Auch das Elternhaus spielt eine Rolle.

Sie waren in einer Klinik in Bayern in stationärer Behandlung. Sie beklagen sich ein bisschen, dass diese Klinik zugeschnitten war auf die klassischen Patientinnen: junge Mädchen. Sie waren als gestandener Mann dort. Gibt es Parallelen zwischen den Leiden der jungen Mädchen und Ihren?

Absolut! Ich möchte aber klarstellen, dass ich mich nicht darüber beklage, dass es mehr Mitpatientinnen waren, sondern darüber, dass die Konzepte nicht auf einen 43 oder 45 Jahre alten Mann zugeschnitten sind. Das gilt nicht nur für diese Klinik - in den ambulanten Therapien, in denen ich war, ist es ähnlich. Sie haben sich über Jahre ihre Schablonen angelegt, in die ich nicht passte. Aber wenn Sie sich darüber austauschen, was Sie jeden Morgen machen, also Laufen zum Beispiel, guckt Sie jemand [unter den Mitpatienten] an uns sagt: 'ich auch!' Man denkt: Ich habe diesen Menchen noch nie gesehen, und doch tut er genau zur gleichen Zeit genau das gleiche wie ich.

Sie sitzen morgens um 4:30 Uhr für eine Stunde auf dem Fahrrad...

Für eine Stunde wäre schön! Es ist meistens länger. Das ist es aber gar nicht. Ich habe irgendwann mal angefangen, wieder Kohlenhydrate zu essen, dann aber die Brötchen auszuhöhlen und richtig schwarz zu toasten. Ich konnte nicht sagen, warum ich das tue. Irgendwann habe ich jemanden getroffen, der mich fragte: Toastest du deine Brötchen morgens auch so schwarz? Da dachte ich: Das gibt´s doch gar nicht. Er sagte: 'Ja, um die Feuchtigkeit rauszuziehen'. Irgendwie scheint es Schwingungen zu geben, so eine Art Buch, eine Gebrauchsanweisung zur Magersucht. Teilweise ist es Wahnsinn, wie man sich in anderen wiedererkennt. Und das hat mir in der Klinik auch enorm geholfen, dieses widerspiegeln in den Mitpatientinnen, die oft erstaunlich reflektiert sind.

Was hat Ihnen den Weg aus der Krankheit gewiesen?

Letztlich dieses Sich-mir-selbst-erklären, dieses 'hör mal zu, du bist jetzt 46, wann willst du endlich mal wieder anfangen zu leben, willst du auf alles verzichten?'. Vor allen Dingen möchte ich nicht die Ikone der Magersüchtigen werden. Ich möchte nach vorne gehen und sagen: Ich bin da rausgekommen. Es gibt ja immerhin eine hohe Mortalitätsrate in der Magersucht. Ich bin da rausgekommen und ich will zumindest mal erklären wie es ist, wenn man drin war. Ich bin nicht so anmaßend zu sagen: Ich kann euch erklären, wie ihr alle aus der Magersucht rauskommt. Das kann ich nicht. Aber ich kann erklären, wie es in der Magersucht ist, dass es nicht schön ist. Und vielleicht kann ich mal an Schulen gehen und sagen: kommt erst gar nicht rein.

Um aber ganz konkret auf die Frage zu antworten: der Auslöser für mich war, als ich vor Schwäche im Treppenhaus lag. Mit diesem entwürdigenden, diesem demütigenden Gefühl, nicht mehr die Treppen hochzukommen, hat es angefangen. Es ist zwar nicht so, dass ich dann hochgegangen wäre und mir den Wanst vollgeschlagen hätte, aber da hat es begonnen, dass ich mir sagte: es ist Irrsinn, was ich hier treibe!

Das Interview führte Tobias Oelmaier.

Christian Frommert (46) hat lange als Journalist gearbeitet, ehe er bei der Telekom die Leitung über die Sponsoringaktivitäten übernahm (2005-2008). In dieser Funktion gab er 2006 die Suspendierung von Deutschlands Radstar Jan Ullrich kurz vor Start der Tour de France 2006 bekannt. Inzwischen ist Frommert selbstständiger Kommunikationsberater. Sein Buch "Dann iss halt was!" - Meine Magersucht, wie ich gekämpft habe - wie ich überlebe - ist im März 2013 im  Mosaik-Verlag erschienen.