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Politik

Christen im Land der unbegrenzten Wunder

Pech: Das Sandwich mit der Marien-Erscheinung ist schon verkauft. Dann lenken Sie sich doch mit einer US-Serie für Christen ab. Mit einer guten Geschäftsidee könnten Sie in den USA aber auch erfolgreich Priester werden.

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Ralf Hoogestraat - Washington

Eine Schnellstrasse in Chicago: ein dunkler Schatten an einer dunklen Betonwand. Davor liegen Blumen und ein Bild vom verstorbenen Papst Johannes Paul dem Zweiten. Die Stelle ist zur Pilgerstätte geworden. Gläubige kommen zuhauf, weil sie an einer Betonwand eine Marien-Erscheinung entdeckt haben wollen. Die Stadtreinigung spricht zwar eher von Salzablagerungen im Beton, will aber aufgrund des Pilgeraufkommens erst einmal von einer Reinigung absehen. Und die katholische Erzdiözese Chicago meint, jeder müsse die Bedeutung selbst für sich bestimmen. Sagt aber auch, so etwas passiert nicht jeden Tag.

Kirchenverkauf für Prozesskosten

Es sind schon seltsame Zeiten. Die amerikanischen Katholiken haben die Ernennung des Deutschen Joseph Kardinal Ratzingers zum neuen Papst mit Freude, aber auch mit viel Gelassenheit aufgenommen. Für sie wird sich nicht viel ändern. Die USA sind nach Brasilien und Mexiko das Land mit den meisten Katholiken der Welt, aber Rom ist weit, und der katholischen Kirche Amerikas geht es nicht so gut. Priester, die wegen sexueller Belästigung von Jungen vor Gericht erscheinen mussten, haben den Ruf nicht unbedingt verbessert. Einige Diözesen mussten sogar Kirchen verkaufen, um die fälligen Strafen für die Vergehen ihrer Priester bezahlen zu können. Die Schar der Schäfchen nimmt eher ab und Priester will auch niemand mehr werden.

Evangelen geben den Ton an

Dabei sind die USA kein Land der Heiden und Agnostiker. Im Gegenteil, Amerika ist christlicher denn je zuvor, das hatte die Wiederwahl von George W. Bush gezeigt. Gerade die christlichen Fundamentalisten waren zur Wahlurne geeilt, um den vom Heiligen Geist besuchten George wieder ins Weiße Haus zu schicken. Aber es sind eben nicht die Katholiken, sondern die Evangelen, die im Land der unbegrenzten Wunder immer mehr den Ton angeben.

Christliche Marktanalyse

Die protestantische Kirche ist mehr nach dem Herzen des unternehmungslustigen Amerikaners. Da kann man noch richtig was stemmen. Wie zum Beispiel die Geschichte des Schreiners aus Oregon, der mit 40 pünktlich seine Midlife-Krise bekam und nach neuem Sinn für sein Leben suchte. Er wurde Pfarrer, zog nach Arizona und gründete eine Kirche. Nun gibt es ja in den USA keine Kirchensteuer, die Pfarrer müssen schon sehen, dass sie Spenden bekommen, damit sie sich ein Gehalt zahlen können. Also machte unser Schreiner/Priester eine Marktanalyse, fand heraus, was seine Schäfchen wollten und heute hat er eine Riesenkirche mit 5000 Mitgliedern, mehreren Unterpfarrern, Kindergarten, Jugendbetreuern, Buchläden und so weiter etc.

Kirchen waren in den USA schon immer auch Wirtschaftsunternehmen. Und mit dem Wiederaufleben des christlichen Fundamentalismus ist auch der politische Einfluss so stark wie schon lange nicht mehr.

Sitcom mit Gott

Selbst in der amerikanischen Massenkultur zeigt sich ihr Einfluss immer deutlicher. Alle großen amerikanischen Fernsehsender haben christliche Serien im Programm oder arbeiten ganz heftig daran. CBS lässt schon seit zwei Jahren in einer Sitcom eine Teenagerin Namens Joan immer wieder mit Gott reden und große und kleine Alltagsprobleme lösen.

Und der Sender NBC zeigt gerade "Revelations", da geht es um den Weltuntergang. Alle Zeichen sprechen dafür: Marien-Erscheinungen, mysteriöse Kreuze, gefährliche Krankheiten und Erdbeben, das alles deutet in der amerikanischen Fernsehdramaturgie auf das Ende der Welt hin. Wahrscheinlich rettet die Fernseh-Nonne wieder mal alle vor der ewigen Verdammnis, aber vielleicht sollte man das mit den Zeichen doch mal ernst nehmen. Schließlich wurde im vergangenen Jahr ein angebissenes Sandwich mit angeblicher Marien-Erscheinung für viel Geld beim Online-Auktionshaus Ebay versteigert. Und Ebay irrt sich ja nie, oder wenn doch, erstattet dann wenigstens das Geld zurück.