Christ flüchtet vor Polizei-Peinigern in Pakistan | Asien | DW | 01.03.2018
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Asien

Christ flüchtet vor Polizei-Peinigern in Pakistan

Zunehmende religiöse Intoleranz führt in Pakistan immer wieder zu Übergriffen gegen Christen. Der jüngste, tragische Fall ereignete sich in Lahore.

Im pakistanischen Lahore ist ein 24-Jähriger, der wegen Vorwürfe der Blasphemie festgenommen worden war, aus dem vierten Stock des Gebäudes der Bundespolizei FIA gesprungen. Trotz seiner schweren Verletzungen gelang es Sajid Masih, eine Video-Botschaft abzusetzen. Demnach wurde er von FIA-Beamten misshandelt. "Sie verlangten dann von mir, vor ihnen zu masturbieren. Ich weigerte mich. Dann sollte ich gegen meinen Cousin sexuelle Gewalt ausüben. Aber ich sagte nichts und sprang aus dem Fenster", sagt Sajid in der Video-Botschaft. Sajids ebenfalls festgenommener Cousin Patras Masih  ist der Hauptangeklagte in einem Verfahren, in dem es um Online-Blasphemie geht.

FIA-Chef General Bashir Ahmed Memon ordnete eine Untersuchung der Vorwürfe Sajids an. Der 21-jähige Patras Masih wurde in der vergangenen Woche wegen der "Veröffentlichung eines gotteslästerlichen Fotos" auf Facebook am 16. Januar verhaftet. Zuvor hatten Hunderte Anhänger der Islamistischen Partei TLYRA auf der Straße seine Bestrafung gefordert.

Pervaiz Akhter Naz (DW)

Pervaiz Akhter Naz, Großvater des Tatverdächtigen

Christen unter Druck

Angehörige der christlichen Minderheit im Lahorer Stadtviertel Shahdara mussten die Gegend verlassen, nachdem es zu Übergriffen durch Extremisten gekommen war. "Die Demonstranten tauchten mit Benzinkanistern, Pflastersteinen und Stöcken auf und drohten, unsere Wohnungen in Brand zu stecken", berichtet Patras' Großvater mütterlicherseits gegenüber der DW. "Mohammad Siddiqui, ein Muslim aus unserer Gegend, zeigte Patras und einige andere bei der Polizei an, weil sie blasphemische Inhalte auf Facebook gepostet hätten", berichtet Pervaiz Akhter Naz weiter. "Sobald sich das herumgesprochen hatte, versammelten sich Hunderte Leute vor dem Haus meiner Tochter." Seitdem hätten etwa 1500 Christen die Gegend verlassen. "Ich bin sehr traurig wegen Patras und Sajid", sagte der Großvater. "Patras ist in Haft. Sein Cousin kämpft im Krankenhaus um sein Leben. Die Polizei hat Sajid dazu getrieben, aus dem Fenster zu springen. Die Ungerechtigkeit schreit zum Himmel."

Auf Gotteslästerung steht in Pakistan die Todesstrafe, rund 97 Prozent einer 180 Millionen Einwohner sind Muslime. Immer wieder kommt es in Pakistan zu Angriffen auf Christen wegen angeblicher Blasphemie und zu Verurteilungen. Beim Fall von Patras Masih ging es ursprünglich, wie in anderen ähnlichen Fällen, um eine persönliche Auseinandersetzung, berichtet seine Anwältin Aneeqa Maria der DW. "Patras sagte mir, dass er vor drei Monaten einen Streit mit muslimischen Jugendlichen bei einem Cricketspiel hatte. Danach mischten sich politische Gruppen in die Sache ein. Es hängt alles mit persönlichen Animositäten und Lokalpolitik zusammen", berichtet die Anwältin. Sie wirft der Bundespolizei FIA vor, in dem Fall nicht die Wahrheit zu sagen. "Sie sollen die Anklageschrift vorlegen. Die Aussagen der FIA sind widersprüchlich. Sie lügen in vielen Fällen. Wir werden ihre Lügen vor Gericht offenlegen."

Demgegenüber bekräftigt Khalid Anees, Leiter des Büros für Internet-Kriminalität der FIA, gegenüber der DW, er habe keinen Zweifel daran, dass Patras Masih gotteslästerliches Material in sozialen Medien verbreitet habe. "Patras hat es gestanden. Den betreffenden Inhalt teilte er am 17. Januar via Messenger mit drei Facebook-Gruppen. Er löschte ihn in einer Gruppe, vergaß aber, das auch in den zwei anderen Gruppen zu tun."  Anees bestätigte, dass Sajid die FIA-Beamten beschuldigt, ihn gefoltert und sexuell misshandelt zu haben. "Die Untersuchungsbeamten bestreiten das. Eine Untersuchung ist eingeleitet."

Pakistan Kirche Symbolbild (picture-alliance/Photoshot)

(Archiv) Soldat bewacht eine katholische Kirche in Pakistan

Fundamentalisten im Aufwind

Liberale Gruppen in Pakistan sehen die zunehmende Anti-Blasphemie-Agitation in Pakistan im Zusammenhang mit dem Aufstieg der islamistischen Partei Tehreek-i-Labaik Ya Rasool Allah (TLYRA). Diese hatte es im Oktober und November unter den Augen der Armee geschafft, die Hauptstadt Islamabad durch Straßenblockaden wochenlang lahmzulegen. Auslöser war der Streit um den "richtigen" islamischen Wortlaut einer staatlichen Eidesformel.

Joseph Francis, der Leiter der christlichen Organisation "Center for Legal Aid, Assistance and Settlement" bestätigt gegenüber der DW, dass die pakistanischen Christen große Angst hätten, seitdem der Führer der Partei TLYRA, Khadim Hussain Rizvi,  sich als prominente politische Figur in Pakistan etabliert habe. "Die Anhänger Rizvis  bedrohen  die Christen in vielen Teilen der Provinz Punjab. Seit der Verhaftung von Patras erhalten wir vermehrt Anrufe von Mitgliedern unserer Gemeinde, die sich bedroht fühlen." Erst kürzlich habe sich in Faisalabad eine eigentlich harmlose Auseinandersetzung zu einem Blasphemie-Fall entwickelt: "Ein christlicher Mann hatte einen Streit mit einem muslimischen Anwohner, es ging um Drachensteigenlassen. Das entwickelte sich zu einer religiösen Auseinandersetzung. So werden Christen in Pakistan Opfer von falschen Beschuldigungen. Ich glaube nicht, dass Patras Masih Gerechtigkeit widerfahren wird." 

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