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Asien

Chinesinnen zu Gewaltverbrechen in Deutschland

Im Jahr 2016 gab es mehrere Gewaltverbrechen mit chinesischen Opfern in Deutschland, teilweise mit Flüchtlingen als Tätern. Wie fühlen sich Chinesinnen, die in Deutschland leben? Die DW hat einige gefragt.

In diesem Jahr sind chinesische Staatsbürger in Deutschland mehrfach Opfer von Gewaltverbrechen geworden. Im Mai wurde in Dessau eine 25 Jahre alte chinesische Architekturstudentin misshandelt und ermordet aufgefunden. Inzwischen sind ein 21 Jahre alter Mann und seine gleichaltrige Partnerin aus der 75.000-Einwohner-Stadt in Sachsen-Anhalt angeklagt, das Verbrechen aus sexuellen Motiven begangen zu haben. An einer Gedenkveranstaltung in Berlin zwei Monate nach der Tat nahmen mehr als 200 Menschen teil, die meisten aus China.

Einen offenbar islamistischen Hintergrund hatte dagegen die Messer- und Axt-Attacke im Juli in einem Regionalzug in Süddeutschland durch einen jugendlichen Flüchtling aus Afghanistan. Dabei wurden vier Touristen aus Hongkong teilweise schwer verletzt.

Schließlich wurde vor wenigen Tagen der mutmaßliche Täter zweier Vergewaltigungen an chinesischen Studentinnen in Bochum gefasst. Zwei Wochen nach dem Überfall im November kehrte der Freund des Opfers an den Tatort im Universitätsviertel zurück und fotografierte den Täter, der sich dort erneut aufhielt. Der 31-Jährige Asylbewerber aus dem Irak sitzt nun in Untersuchungshaft. Bei den Ermittlungen kam ans Licht: Schon im August hatte der Mann eine Vergewaltigung begangen. Das Opfer war ebenfalls eine chinesische Studentin.

Kondolenzbuch und Kerzen für die getötete chinesische Studentin in Dessau (Foto: picture-alliance/dpa/H. Schmidt)

Auch aus China gab es große Anteilnahme nach dem Mord an der Studentin in Dessau

 

Die Studentin Xiao Wu aus China, die in Düsseldorf Kunstgeschichte studiert, berichtet der Deutschen Welle, dass ihre Freundinnen aus China inzwischen extrem wachsam seien. Eine von ihnen studiere an der Universität Bochum.  Diese habe ihr berichtet, dass viele Studentinnen im Winter keine Vorlesungen nach 16 Uhr mehr besuchen. "Meine Freundinnen tragen jetzt Pfefferspray bei sich. Früher trugen sie es in der Tasche, jetzt stets in der Hand, wenn sie zu Fuß gehen", erzählt Xiao Wu.

"Viele lassen sich vom Ehemann oder Freund abholen, wenn sie spät nach Hause kommen", sagt Xiao Wu der DW. Zugleich räumte sie ein, dass sie auch Freundinnen habe, die sich von solchen Vergewaltigungsfällen nicht beunruhigen lassen. Sie seien der Meinung, die Kriminalität bleibe auf demselben Niveau, nur die öffentliche Aufmerksamkeit sei größer.

"Deutschland ist nicht mehr wie früher"

Die Chinesin Yu, die an der Universität Bonn arbeitet, berichtet der DW, sie habe vor kurzem das zweite Baby zur Welt gebracht und wohne in einem ruhigen Viertel Bonns. Unweit von ihrer Siedlung befindet sich eine bewaldete Parkanlage. Tagsüber gehe sie mit dem Baby aber in der Wohnanlage spazieren und nicht in dem Wald. "Dich wird niemand hören, falls du um Hilfe rufst", sagt sie. Yu, die seit vielen Jahren in Deutschland lebt, sagt der DW, dass sie sich in Deutschland nicht mehr so sicher fühlt wie vor zehn Jahren. "Konkrete Gefährdung sehe ich zwar nicht, aber die Unsicherheit, dass Schlimmeres irgendwann und irgendwo passieren könnte, belastet sehr. Deutschland ist nicht mehr das Deutschland vor zehn Jahren, die Menschen sind sich der Gefahren bewusster, entsprechend ist die Distanz zwischen Menschen größer." 

"Habe Pfefferspray, aber stecks nicht ein"

Eine junge Chinesin aus München, die nicht genannt werden will, berichtet der Deutschen Welle, dass sie sich schon Sorgen mache, nachdem über die jüngsten Vergewaltigungsfälle berichtet worden sei. Sie gehe möglichst vor 22 Uhr nach Hause. Aber davon abgesehen sagt sie auch: "Ich habe keine Angst und setze mein Leben normal fort." Frau Zhang aus München geht es genau so. Allerdings macht ihr Mann sich größere Sorgen und hat ihr Pfefferspray besorgt. Sie nimmt es aber nicht mit, obwohl sie sie gerade ihren Führerschein macht und der Fußweg zur Fahrschule durch einen Park führt. Da wird sie allerdings von ihrem Mann abgeholt, wenn sie abends Unterreicht hat.

Universität Hamburg (Foto: DW/K. Safronova)

Nicht mehr in die Uni nach 16 Uhr?

Ironische Kommentare im Netz

Während die Reaktionen der in Deutschland lebenden Chinesinnen auf die Vergewaltigungsfälle zwischen Besorgnis und Unbekümmertheit schwanken, sind manche der - spärlichen - Reaktionen in chinesischen sozialen Netzwerken auf die jüngsten Erkenntnisse im Fall von Bochum emotionaler. Hier einige Beispiele: "Der Täter von Bochum ist endlich gefasst, es ist ein Flüchtling aus dem Irak. Interessant ist, dass er Frau und zwei Kinder hat. Das ist zum Lachen. Eine Ehefrau hat offenbar nicht ausgereicht."

Ein anderer lobt den Einsatz des Freundes der chinesischen Studentin: "Ich hoffe, dass es dem Opfer wieder besser geht. Ihr Freund steht ihr zur Seite und unterstützt die Polizei bei den Ermittlungen. Ihr seid leuchtende Vorbilder für die Chinesen." Ob das ironisch gemeint ist, ist nicht ganz klar. Eindeutig von Ironie ist aber folgender Post geprägt: "(Bochums) Oberstaatsanwalt Andreas Bachmann sieht also keine Anzeichen für eine Verschlechterung der örtlichen Sicherheit. Die sind die Bürgerinnen und Bürger aber bestimmt erleichtert."

Was offizielle Reaktionen aus China betrifft, so waren die sehr zurückhaltend, auch wenn es nach dem Mord in Dessau folgende Reisewarnung auf der Homepage der chinesischen Botschaft in Berlin gab: "Chinesische Staatsbürger sollten nachts keinen Sport im Freien treiben, besonders Frauen nicht. Tragen Sie leuchtende Kleidung und keine Kopfhörer! Halten Sie sich von Hunden, Betrunkenen und aggressiven Menschenmengen fern!" In den chinesischen Medien spielten die geschilderten Fälle so gut wie keine Rolle, selbst die chinesische Ausgabe der "Global Times", die gerne kräftig ins nationalistische Horn stößt, hat über den Fall von Bochum neutral berichtet, übrigens unter Berufung auf die Deutsche Welle. 

Unter Mitarbeit von Zhu Yuhan

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