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Musik

Chineke! bringt Farbe in die klassische Musik

Die Welt der klassischen Musik ist eine weiße Domäne. Chi-chi Nwanoku will das ändern und hat mit Chineke! Europas erstes Orchester gegründet, dessen Mitglieder überwiegend anderer Hautfarbe sind.

Auf der Bühne macht jedes Orchester Musik. Geschichte machen die wenigsten.

Zu den wenigen gehört das Chineke!-Sinfonieorchester, das erste europäische Orchester, das zum größten Teil aus jungen Musikern besteht, die zur schwarzen Community oder anderen ethnischen Minderheiten (in England Black and Minority Ethnic bzw. BME genannt) gehören. Seit seinem Debüt-Konzert vor zwei Jahren mit 62 BME-Musikern aus 31 Ländern im Southbank Centre in London schreibt es Geschichte.

Chineke! hat seinen Sitz in London. Am 16. September eröffnete das Orchester die Klassik-Saison in der Birmingham Symphony Hall; drei Tage später ging es weiter nach Gent in Belgien.

Ende August in der Londoner Royal Albert Hall war Chineke! das jüngste Ensemble, das jemals an dem berühmten BBC-Proms-Klassik-Festival teilgenommen hat. "Eines der wohl wichtigsten Konzerte, das die Proms je ausgerichtet haben", meinte dazu die britische Tageszeitung "The Guardian".

Denn die Welt der Klassik ist vor allem eins: weiß.

Vorreiter auf der Bühne

In fast allen Konzerthallen, in denen Chineke! auftritt, sind sie das erste Orchester seiner Art, das dort spielt. Ob Klassik-Ensembles, das Klassik-Publikum, Orchester-Vorstände oder führende Musikschulen: Nicht-Weiße sind eher selten anzutreffen.

"Ich kann an den Fingern einer Hand abzählen, mit wie vielen farbigen Musikern ich im Vereinigten Königreich gearbeitet habe", sagt die Chineke!-Gründerin und Künstlerische Direktorin Chi-chi Nwanoku.

Die zarte Kontrabassistin nutzt ihre unbändige Energie, um mit ihrem Ensemble die Welt der klassischen Musik mannigfaltiger zu gestalten und BME-Instrumentalisten einen Ort zu geben, an dem sie sich zuhause fühlen.

Eine weiße Welt

Die Tochter einer Irin und eines Nigerianers wuchs auf dem Lande in der Grafschaft Kent auf, südöstlich von London. Sie und ihre Geschwister waren die einzigen Kinder in der Nachbarschaft mit dunkler Hautfarbe.

Von ihrer Familie abgesehen, spielte sich ihr ganzes Leben in einem weißen Umfeld ab, erinnert sich Nwanoku. Eine Knieverletzung beendete den Traum einer Karriere als 100-Meter-Läuferin, also wandte sie sich ihrer anderen Leidenschaft zu, der Musik. Mit der klassischen Musik blieb sie auch in der Welt der Weißen. "Ich habe nie darüber nachgedacht, das war für mich einfach normal", sagt sie heute.

Die Initiatorin Chi-chi Nwanoku steht auf der Bühne und lächelt, während sie Kontrabass spielt.

Chi-chi Nwanoku spielt Bass auf der Bühne

Schnell etablierte sich Nwanoku als eine der gefragtesten Kontrabassistinnen in Europa. Während ihrer 35-jährigen Karriere hatte sie wenig Muße, sich mit ihrer Hautfarbe zu befassen.

Musik war ihr Job. Sie ging auf die Bühne, spielte und ging wieder nach Hause, ohne darüber nachzudenken, ob ihre Hautfarbe etwas mit der Klassik-Industrie zu tun haben könnte.

Vor einigen Jahren dann war es plötzlich doch ein Thema. Nach einem Treffen mit dem damaligen Kulturminister Ed Vaizey im Jahr 2014 - der untersuchte, warum es in Orchestern so wenige schwarze Musiker gab -, kam sie ins Grübeln. Zum ersten Mal fragte sich Nwanoku, warum sie die einzige dunkelhäutige Musikerin auf der Bühne war. Warum war dieser musikalische Sektor insgesamt so "monochrom"?

Bei einem Auftritt des Kinshasa Symphony Orchestra kurze Zeit später saß sie im Publikum, lauschte der Musik des schwarzen, autodidaktischen Orchesters - und beobachtete die Zuhörer.

Die hätten erstaunt ausgesehen, erinnert sie sich. "Wir schrieben das Jahr 2014: Warum sollte es ungewöhnlich sein, Musiker zu sehen, die nicht dem Status Quo entsprachen, Menschen mit brauner Haut, die wunderschön Beethoven und Berlioz spielten?"

In ihrer musikalischen Karriere spielte ihre Hautfarbe nie eine Rolle – aber am nächsten Tag gab sie ihren Plan bekannt, eine BME-Orchester-Stiftung ins Leben zu rufen.

Veränderung durch Musik

Chineke!s Debüt-Konzert 2015 war ausverkauft, im Publikum saßen je zur Hälfte weiße und farbige Klassik-Fans. So sieht es in London aus, meint Nwanoku. Die Musiker suchte sie nach zwei Kriterien aus: sie waren die besten ihres Fachs, und sie waren nicht weiß.

Zu sehen ist ein Gruppenfoto des Chineke-Orchesters aus dem Jahr 2016. Die Musiker halten ihre Instrumente in den Händen.

Ein Gruppenfoto des Orchesters aus dem Jahr 2016

Mittlerweile spielen in dem Orchester auch weiße Musiker. Aber Nwanoku betont, wie wichtig es gewesen sei, am Anfang nur Musiker mit dunkler Hautfarbe zu engagieren, um Stereotypen und Vorurteilen zu begegnen: sie seien unorganisiert, könnten nur Hip-Hop, Rap oder Jazz spielen, Klassik sei die "Musik des weißen Mannes" und Weltklasse würden sie nicht erreichen.

Ist Chineke! diskriminierend? Nwanoku winkt ab. Das Ensemble in seiner jetzigen Besetzung sei facettenreicher als viele andere Symphonieorchester. Beim Proms-Konzert hätten Musiker aus mehr als 40 Ländern mitgespielt, unter anderem auch aus Bulgarien, Kasachstan und China. "Wie kann man uns da Rassisten nennen?" wundert sie sich. "Findet doch bitte eine andere Bezeichnung."

Einmaliges Erlebnis

Wayne Marshall dirigiert das WDR Funkhaus Orchester in Köln – und 2015 dirigierte er Chineke!s Debüt-Konzert.  Es sei eine Ehre gewesen und ein emotionales Erlebnis für alle, meint der schwarze britische Dirigent: "So etwas hatte es bis dahin nicht gegeben."

Auch in seiner Karriere habe seine Hautfarbe keine Rolle gespielt, erklärt Marshall: "Die Sprache der Musik steht jedermann offen." Dennoch sei in den Köpfen das Bild des weißen Klassik-Ensembles und -Orchesters verankert, meint er, und fügt hinzu, Musiker anderer Hautfarbe hätten selten die Gelegenheit, zusammen zu spielen.

In den USA gibt es schon viel länger ähnliche Orchester: die Sphinx Organization in Detroit, das African-American Orchestra Noir in Atlanta und in Philadelphia das Black Pearl Chamber Orchestra.

Der Dirigent Wayne Marshall hat seine Augen geschlossen, während er das Orchester mit dem Taktstock anleitet.

Dirigent Wayne Marshall tritt auch als Pianist in Erscheinung

Pläne für die Jugend

Chineke! hat auch ein Jugendorchester für 11- bis 18-Jährige mit dunkler Hautfarbe. Die Profis treten als Mentoren auf, sie sind Vorbilder gleicher Hautfarbe, und ermutigen die jungen Musiker, bei Wettbewerben mitzumachen. Eine Karriere als Musiker scheint plötzlich erreichbar.

Shekuh Kanneh-Mason hat schon mehrfach mit Chineke! auf der Bühne gestanden, unter anderem bei den diesjährigen Proms. Der Cellist, der als erster Schwarzer 2016 den Jugend-Musik-Wettbewerb der BBC gewann, findet das Projekt inspirierend: "Solch eine Vielfalt sieht man selten bei einem Orchester, das gilt auch für das Publikum", sagte er dem "Guardian."

Vielfalt sollte normal sein

Nwanoku bekommt regelmäßig Dankesschreiben von Eltern. Musiker der unterschiedlichsten Herkunft beteuern, sie hätten sich noch nie in einem Ensemble so willkommen gefühlt.

In Zeiten von Brexit und Trump sei Chineke! besonders wichtig, meint Nwanoku, und zwar für alle Menschen. Das Orchester soll wachsen, mehr im Ausland touren, Gastmusiker einladen. Nwanoku plant ein Orchester für Grundschulkinder und Beratung für Orchester, die auch an größerer Vielfalt interessiert sind.

"Vielfalt ist normal", betont Nwanoku. "Man sollte sie das ganze Jahr über feiern." Und das tut sie, eine Note nach der anderen.

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