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Kultur

Chinas Sehnsucht nach dem Großen Mann

Über Mao Tsetung, den Revolutionsführer und Gründer der Volksrepublik China, wird derzeit wieder viel diskutiert: Im Westen, seit eine neue Biographie auf dem Markt ist. In China, weil ein neues Mao-Museum gebaut wird.

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Chinas oberster Kommunist Mao Tsetuzng am 2. Mai 1949

Das neue Mao-Museum soll vor seinem 114. Geburtstag am 26. Dezember 2007 fertig werden. Bis dahin gehen zwar noch fast zwei Jahre ins Land, aber allein die Ankündigung sorgte für Aufsehen - erfolgte sie doch zu einem Zeitpunkt, wo der Rest der Welt gerade erschüttert ist über die neue Biographie "Mao: Das Leben eines Mannes, das Schicksal eines Volkes" der in London lebenden Autorin Jung Chang und ihrem Ehemann, dem Historiker Jon Halliday.

Buchcover Jung Chang Mao

Jung Chang: Das Leben eines Mannes. Das Schicksal eines Volkes.

Trotz der 900 Seiten landete das Buch in Deutschland schnell auf der Bestsellerliste. Das Buch liest sich wie eine Anklageschrift. Demnach sind während Maos Herrschaft 70 Millionen Chinesen eines - wie man es für gewöhnlich nennt - "unnatürlichen Todes" gestorben. "Er war extrem egoistisch und handelte nach Lust und Laune. Alles, was er tat, tat er für sich selbst und nicht für das Wohl des chinesischen Volkes," fasst Jung Chang die Person Mao Tsetungs zusammen. "Herzlos war er und von Moral keine Spur. Gleichzeitig war er auch ein sehr, sehr kluger, langfristig und umsichtig denkender Stratege."

Nach der offiziellen chinesischen Geschichtsschreibung verhalten sich die Verdienste und Fehler von Mao im Verhältnis von 70 zu 30 Prozent. Zu seinen größten Fehlern zähle die 1966 von ihm eingeleitete Kulturrevolution, die erst zehn Jahre später mit seinem Tod ein Ende fand und heute auch von der Regierung als eine Katastrophe für die Nation bezeichnet wird.

Sehnsucht nach Gleichheit

Aber selbst von diesen 30 Prozent teilweise haarsträubenden Fehlentscheidungen will die breite Masse in China nichts wissen. Vergöttert wird der Bauernsohn immer noch: Millionen Chinesen pilgern zu seinem Geburtshaus in Shaoshan in der zentralchinesischen Provinz Hunan, wo auch das geplante Museum entstehen soll.

Für die Erklärung dieses Phänomens blickt der Sozialwissenschaftler Zhou Hongling in die Geschichte: "Vom Beginn der Öffnungspolitik 1978 bis Mitte der 1990er-Jahre lag der Schwerpunkt der Reform in der Entfesselung der chinesischen Gesellschaft. Es ging zuerst um mehr Freiheiten und mehr Effizienz. Seit Ende der 1990er Jahre wird mit der immer größer werdenden Schere zwischen Arm und Reich auch der Ruf nach Gerechtigkeit lauter, vor allem von Arbeitern und Bauern, die von den Reformen kaum profitiert haben. Mao ist in der Erinnerung der Menschen ein Symbol der Gerechtigkeit und des Gleichseins geblieben. Daraus hat sich dann eine Verklärung um ihn und eine Sehnsucht nach ihm entwickelt."

Patriotische Nachhilfe

Die Sehnsucht nach dem "Großen Vorsitzenden" wird von der Regierung genutzt, um dem neu entfachten Patriotismus zu frönen. Wo auch den Chinesen der Glaube an den Kommunismus abhanden gekommen ist, muss nun der Patriotismus als ein bindendes Element herhalten. So soll das geplante Mao-Museum, das umgerechnet 30 Millionen Euro verschlingen wird, zum Ort der patriotischen Erziehung werden.

Mit dieser Entscheidung der Zentralregierung schwindet auch die letzte Hoffnung, dass es in absehbarer Zukunft zu einer offiziellen Neubewertung von Mao Zedong kommen könnte. Dabei sei dies für China von essenzieller Bedeutung, meint die Mao-Biographin Jung Chang: "Ich kann nur hoffen, dass die führenden Politiker in China Maos Rolle neu bewerten. Ich hoffe, dass sie sich von Mao abwenden und sein ganzes Erbe ablehnen."

Chinas Wirtschaft entwickelt sich in einem rasanten Tempo. Da sei es doch kein Wunder, wenn die Weltgemeinschaft misstrauisch wird, weil China sich nicht von Mao distanziert, meint Chang. "Aus unserem Buch kann man auch erfahren, dass Mao bereit war, die Hälfte der chinesischen Bevölkerung zu opfern, um seine Projekte zu realisieren. Mao wollte unbedingt nach der Vorherrschaft in der Welt streben. Wie kann der Rest der Welt China vertrauen, wenn sich die Regierung weiterhin als seine Nachfolger sieht?"

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