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Asien

"Chinas Präsenz in Deutschland ist wichtig"

Ausgerechnet China wird in diesem Jahr Gastland bei der Frankfurter Buchmesse. Eine gute Gelegenheit zum Diskurs, meint Peter Ripken vom Internationalen Zentrum der Frankfurter Buchmesse im Interview mit DW-WORLD.DE.

Frankfurter Buchmesse 2009(dpa)

China zu Gast in Frankfurt

DW-WORLD.de: In der vergangenen Woche wurde der chinesische Bürgerrechtler und ehemalige Präsident des unabhängigen chinesischen Schriftstellerverbandes PEN, Liu Xiaobo, festgenommen. Nicht nur China, sondern auch die Frankfurter Buchmesse muss sich jetzt Kritik gefallen lassen. War es aus Ihrer Sicht ein Fehler, China zum Gastland der Buchmesse zu machen?

Peter Ripken: Die Entscheidung, China zum Gastland zu machen, hatte natürlich damit zu tun, dass wir zu wenig über China wissen. China ist eine Weltmacht geworden und hat in den letzten Jahrzehnten einen phänomenalen Aufstieg in der Ökonomie und auch in der politischen Bedeutung hingelegt. Und das ist Grund genug China einzuladen. Das Prinzip bei Ehrengastauftritten ist allerdings, dass diskutiert wird: Das Land hat die Gelegenheit, sich zu präsentieren, aber es herrscht auch die Freiheit der Auseinandersetzung. Wir legen großen Wert auf den Diskurs über kritische Konflikte und heikle Probleme, die mit China assoziiert werden und die sich jetzt auch wieder bestätigt haben.

Inwieweit passt das denn zusammen: China als Gastland ausgerechnet bei einer Veranstaltung, bei der freie Meinungsäußerung im Vordergrund steht?

Genau da zeigt sich, dass auch die Chinesen viel zu wenig über uns wissen. Sie nehmen überhaupt keine Rücksicht auf die Empfindungen der kritischen Weltöffentlichkeit, reagieren nach Gesichtspunkten, die ihnen selbst wichtig erscheinen. Menschenrechte spielen dabei überhaupt keine Rolle. Das Interessante ist aber, dass der Diskurs auch in China in den letzten Jahren in Gang gekommen ist. Es gibt kritische Intellektuelle, die Gesellschaft bewegt sich, und genau das kann für uns in in der Zukunft von großer Bedeutung sein. Dass die Regierung und die Partei dagegen vorgeht, zeigt, dass sie die Zeichen der Zeit vielleicht gar nicht erkannt hat und dass die Einheit von Staat, Wirtschaft und Kultur gar nicht mehr funktioniert.

Ein Kommentator der Tageszeitung "Die Welt" hat die Tatsache, dass China als Gastland der Buchmesse auftritt, wörtlich als "Skandal" bezeichnet. Wie stehen Sie zu dieser Einordnung?

Das Wort "Skandal" ist häufiger gebraucht worden. Diese Einladung steht aber in Verbindung mit einer Einladung zum kritischen Diskurs - und zwar für alle Beteiligten. Der Ehrengastauftritt ist dazu da, dass eine Diskussion in Gang kommt, die nicht nur unser westliches Bild von China beeinflussen kann. Dahinter steht auch die Hoffnung, dass sich auch China selbst differenzierter sieht und seine Rolle in der Welt überdenkt – das ist zumindest die Vorstellung.

Könnte man diese Debatte auch führen, indem man China als Ehrengast wieder auslädt?

Die Vorstellung, man könne einen Ehrengast wieder ausladen ist ziemlich unpraktisch und unzivilisiert - würde ich sagen. Die kritische Auseinandersetzung darüber, was China heute in der Welt darstellt und wie die chinesischen Entwicklungen verlaufen, braucht gerade auch diesen Reibungspunkt. Denn die chinesische Präsenz in Deutschland und Europa ist wichtig, damit diese Diskussion überhaupt geführt werden kann.

An genereller Kritik mangelt es ja nicht. So hat unter anderem das deutsche PEN-Zentrum die Festnahme Lius in einer Presseerklärung scharf kritisiert. Aber: Reicht das aus, um tatsächlich etwas zu bewirken oder bräuchte es aus Ihrer Sicht andere – sprich greifbarere und konkrete– Konsequenzen?

Ich habe nach der Festnahme mit dem PEN gesprochen und wir waren uns einig, dass wir bei einem großen internationalen Symposium "China und die Welt – Wahrnehmung und Wirklichkeit“, zusammenarbeiten wollen. Denn auch der PEN weiß trotz seiner kritischen Haltung, wie wichtig es ist zu diskutieren und einer ernsthaften Diskussion nicht aus dem Wege zu gehen. Das ist gerade das Erfreuliche, dass auch die Kritiker, die von "Skandal“ reden, dieser Diskussion nicht ausweichen wollen. Das Ganze wird letztendlich erst rund, wenn man es vor dem Hintergrund der doch etwas besonderen Situation Chinas in der Welt betrachtet. Und da ist in letzter Zeit doch einiges in Bewegung gekommen.

Peter Ripken betreut das Internationale Zentrum bei der Frankfurter Buchmesse und ist Vorstandsvorsitzender der Organisation "Städte der Zuflucht", die sich für verfolgte Autoren einsetzt.Das Gespräch führte Klaus Jansen
Redaktion: Esther Broders

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