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Asien

Chinas KP kontrolliert die Vergangenheit

Am 1. Oktober feiert die Volksrepublik China den 60. Jahrestag ihrer Gründung. Gelegenheit auch für den Blick zurück. Aber welche Ereignisse erinnert werden und wie, das bestimmt in China noch immer die KP.

Ausstellung im Pekinger Palast der Nationalitäten (Foto:DW/Ruth Kirchner)

Ausstellungen wie diese in Peking zeigen China als harmonischen Vielvölkerstaat.

Im Palast der Nationalitäten im Westen Pekings drängen sich Besucher durch die neueste Ausstellung: 60 Jahre sozialer Fortschritt in den Minderheitenregionen ist das Thema. Auf bunten Bildern werden glückliche Menschen in Tibet, Xinjiang und der Inneren Mongolei gezeigt. Junge Frauen in bunten Trachten führen durch die Schau.

Die Ausstellung ist Teil eines gigantischen Veranstaltungsreigens zum 60. Jahrestag der Volksrepublik am 1. Oktober. Man will Harmonie und wirtschaftlichen Fortschritt präsentieren. Von den Autonomiebestrebungen in Tibet oder in Xinjiang ist in der Ausstellung nirgendwo die Rede.

Geschichtsschreibung ist hochpolitisch

Der kritische chinesische Journalist Li Datong (Foto:DW/Ruth Kirchner)

Der kritische chinesische Journalist Li Datong

Geschichtsschreibung ist in China immer noch eine hochpolitische Angelegenheit. Was nicht in das Bild der sozialen Harmonie passt, wird meist verschwiegen – in den Ausstellungen so wie in den Geschichtsbüchern. Zum Beispiel die blutige Niederschlagung der Demokratiebewegung 1989. Die zehn Jahre der Kulturrevolution (1966-76) werden – wenn überhaupt - meist nur am Rande erwähnt. Das selbe gilt für den "Großen Sprung nach vorn", der China Ende der 50er Jahre in eine katastrophale Hungersnot stürzte. Über 30 Millionen Menschen kamen damals ums Lebens. Bis heute sucht man in chinesischen Geschichtsbüchern vergebens nach der Zahl der Todesopfer.

Die offizielle Geschichtsschreibung Chinas bestehe nur aus Lügen, schimpft deshalb der kritische Journalist Li Datong. "Nicht eine einzige historische Darstellung ist wahrhaftig, alles ist gelogen." Bis vor drei Jahren war Li Chefredakteur des Magazins "Gefrierpunkt", einer populären Beilage des Zentralorgans der kommunistischen Jugendliga. Dann veröffentlichte er einen Essay, in dem ein Historiker die einseitige Darstellung des Boxeraufstandes vor über 100 Jahren in den chinesischen Schulbüchern kritisierte. Seitdem ist Li kaltgestellt – und wettert gegen die Partei, der er selbst jahrelang angehörte. Sie kontrolliere die geschichtlichen Darstellungen nicht nur in den Schulbüchern, sondern auch in allen anderen Medien einschließlich der Literatur- und Kunstproduktion, sagt er.

Kontrollierte Forschung

Professor Xiao Yanzhong aus Peking (Foto:DW/Ruth Kirchner)

Professor Xiao Yanzhong aus Peking

Eine ganze Reihe von Institutionen sorgen in China dafür, dass abweichende Geschichtsinterpretationen nicht gehört werden. Das zentrale Forschungszentrum für Parteigeschichte beispielsweise untersteht direkt dem Zentralkomitee der KP. Daneben gibt es die Dokumentenabteilung, die bestimmt, welche historischen Unterlagen eingesehen werden dürfen – und welche nicht. Eine Kommission im Bildungsministerium kontrolliert die Geschichtsbücher für die Schulen. Die zentrale Zensurbehörde GAPP (General Administration for Press and Publication) überwacht alle anderen Veröffentlichungen.

Dabei mache die GAPP-Behörde schon lange keine konkreten Vorgaben mehr, sagt Professor Xiao Yanzhong vom Marxismus-Institut an der Volksuniversität Peking sagt. Als Historiker wisse man aber sowieso, welche Themen tabu sind, zum Beispiel die Kulturrevolution. „Darüber schreibt man einfach nicht", so Xiao.

Selbstzensur der Historiker

Chinesische Soldaten bei der Besetzung Tibets (Foto:dpa)

Chinesische Soldaten bei der 'Befreiung' Tibets

Die selektive Geschichtsschreibung treibt kuriose Blüten – vor allem im Umgang mit Staatsgründer Mao Zedong. So hat beispielsweise die Volkszeitung auf ihrer Internetseite Meilensteine der letzten 60 Jahre aufgelistet. Da kommt zwar die so genannte "friedliche Befreiung Tibets" im Jahre 1951 vor. Aber alle innenpolitischen Ereignisse bis zwei Jahre nach Maos Tod im Jahre 1976 werden einfach ignoriert. Mit Geschichtsschreibung hat das nichts zu tun, sagt Professor Xiao. "Geschichte wird bei uns nicht erzählt, sondern gemacht", wettert er.

Gerade zum 60. Jahrestag der Volksrepublik wird das Volk auf Kurs gebracht. Nur wenige Wochen vor dem 1.Oktober lief im ganzen Land der Propagandafilm "Gründung einer Republik" an. Das bombastische Zweistundendrama portraitiert die KP als Retter des chinesischen Volkes und Mao Zedong nicht nur als geschickten Militärstrategen, sondern auch als lupenreinen Demokraten. Denn nach dem Sieg über die Nationalisten holte er schließlich alle Parteien an einen Tisch.

Partei kommt von Mao nicht los

Gemälde in einer China-Ausstellung in Peking (Foto:DW/Ruth Kirchner)

Ein China-Bild ganz nach dem Geschmack der KP

Der Streifen, in dem jede Menge chinesischer Filmstars auftreten, endet mit der Ausrufung der Volksrepublik am 1. Oktober 1949. Was danach mit Kritikern der KP passierte, bleibt wie immer unerwähnt. Der Film zeige einmal mehr, wie die Geschichte in China instrumentalisiert wird, sagen die Kritiker. Maos Rolle als Staatsgründer wird idealisiert, seine Verbrechen verschwiegen. Li Datong zu Folge dient all dies der Legitimation der Alleinherrschaft der KP. Von Mao kommt die Partei daher nicht los. "Sie können ihn nicht über Bord werfen - ob sie wollen oder nicht", ist sich Li sicher.

Kritische Diskussionen finden, wenn überhaupt, nur in kleinen Expertenkreisen statt. An den Hochschulen könne man relativ offen seine Meinung sagen, so Professor Xiao. Dennoch müsse man auch dort aufpassen, was man zu wem sagt. Und: am Alleinvertretungsanspruch der Partei darf man auch dort nicht rütteln. Xiao beispielsweise kann nur noch im Ausland publizieren, seitdem er unter Berufung auf Mao die Partei kritisiert hat.

Zum 60. Jahrestag soll das Land mit einer Stimme sprechen, dafür werden sogar die Schulkinder auf Linie gebracht. Allen Schulen wurde zusätzlicher Unterricht in Patriotismus verordnet. Aber eine Aufarbeitung der Geschichte findet nicht statt. Während das offizielle China sich zum 60. Jahrestag selbst feiert, fordern kritische Intellektuelle wie Li Datong endlich die große Geschichtsdebatte: "Wir brauchen eine Bewegung ähnlich der Renaissance im Westen, ähnlich dem Zeitalter der Aufklärung. Wir müssen die gesamte Geschichte hervorholen, um Lehren daraus ziehen zu können. Aber das bedeutet natürlich das Ende der Einparteienherrschaft."

Autor: Ruth Kirchner
Redaktion: Thomas Latschan

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