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Asien

"Chinas Komplexität geht verloren"

Die Berichterstattung über China hat in Deutschland in den letzten Jahren stark zugenommen. Aber welches China-Bild wird dabei eigentlich transportiert? DW-WORLD.DE sprach darüber mit Kai Hafez von der Uni Erfurt.

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Wird das China-Bild in den deutschen Medien auf wenige Stereotype reduziert?

China spielt in der Welt eine immer wichtigere Rolle. Und so hat auch die Berichterstattung über China in den deutschen Medien in den letzten Jahren stark zugenommen. Aber wie wird China in den deutschen Medien eigentlich dargestellt? Die Heinrich-Böll-Stiftung hat darüber zusammen mit den Universitäten Duisburg-Essen und Erfurt eine Studie erstellt. Der Erfurter Medienwissenschaftler Kai Hafez ist einer der Autoren dieser Studie.

DW-WORLD.DE: Herr Hafez, was ist die zentrale Aussage Ihrer Untersuchung?

Symbolbild Wirtschaft in China

Oft wird über China vor allem als globale Handelsmacht berichtet

Kai Hafez: Es ist natürlich schwierig, so eine dicke Studie auf eine Aussage zu bringen, aber ich würde mal sagen, das Glas ist je nach Betrachtung halb voll oder halb leer. Die China-Berichterstattung weist durchaus einige sehr positive, interessante und von anderen Auslandsberichterstattungskulturen abweichende Merkmale auf: Eine starke Beachtung von Wirtschaftsfragen, eine starke Beachtung von Alltags- und Kulturfragen Chinas.

Es gibt aus meiner Sicht da kein eindeutiges Feindbild Chinas, so weit würde ich nicht gehen, auf der anderen Seite gibt es deutlich erkennbare Defizite. Es gibt eine sehr interessengeleitete Sicht in unserem China-Bild. Wir interessieren uns für manche Themen, manche Sichtweisen, doch deutlich stärker als für andere, und gelegentlich geht da auch so die Komplexität Chinas, dieses großen Landes mit seiner extremen Dynamik, im Moment so ein ganz klein wenig verloren.

Die Chinesen fühlen sich ja oft missverstanden: China werde nur auf fehlende Menschenrechte und auf unterdrückte Minderheiten reduziert. Die großen Errungenschaften des Landes würden dabei aber zu selten berücksichtigt. Das ist eine Kritik, die man sehr oft hört. Ist das Ihrer Meinung nach berechtigt?

Kai Hafez (Foto: Universität Erfurt)

Der Erfurter Medienwissenschaftler Kai Hafez

Ich würde sagen, die Klage ist nicht vollständig berechtigt. Wir haben sehr viel Berichterstattung über Menschenrechtsverletzungen, das kann man nicht umgehen. China ist ein autoritärer Staat. Wir haben allerdings keine wirkliche, gute Berichterstattungslage über die Veränderung des politischen Systems in China. Nun kann man sagen: Das System ist nicht sehr zugänglich, das ist nicht sehr auskunftsfreudig. Wir haben uns aber im Zuge dieser Forschung ja auch mit vielen deutschen Korrespondenten unterhalten, und das Bild bei den Korrespondenten selbst war durchaus heterogen. Viele sagen, es gibt Quellen, auch über das politische System Chinas, die heute von vielen Journalisten noch gar nicht genutzt werden. Viele Akteure sind sehr viel gesprächsfreudiger als man das denkt.

Berechtigte Klagen gibt es möglicherweise auch im Bereich der internationalen Politik. Wir haben eine Falluntersuchung gemacht über Chinas Außenpolitik: Wie wird sie dargestellt in den deutschen Medien? Da haben wir etwa die Afrikaberichterstattung untersucht und es war schon sehr deutlich so, dass das Bild Chinas das eines Akteurs ist, der in Afrika mit Schurkenstaaten kooperiert. Nun tut China das. China kooperiert mit Diktaturen. Nur muss man der Ehrlichkeit halber sagen, auch westliche Staaten tun das, und nicht zu wenig. Insofern ist die Frage, ob man Chinas Außenpolitik immer gerecht wird, wenn man sie nur an den diktatorischen Pranger stellt, ohne sozusagen die 'diktatorischen Facetten 'der eigenen Außenpolitik mit zu nennen.

Haben Sie denn das Gefühl, dass bei der Berichterstattung über China auch oft Klischees und Stereotype verwendet werden?

Um es nochmal ganz deutlich zu sagen: Es wird China durchaus gerecht, wenn man China für die Kooperation mit Diktaturen kritisiert. Auf der anderen Seite sind wir heute in der Politikwissenschaft soweit, nicht mehr nur Demokratien für Modernisierung und Entwicklung verantwortlich zu machen. Wir erkennen, dass auch autoritäre Systeme teilweise erheblich zur Modernisierung beitragen können. Das stimmt für China an sich. Das stimmt möglicherweise auch für den Beitrag, den China zum Beispiel für die Modernisierung Afrikas leisten kann.

Werbung für einen Afrika-China-Gipfel in Peking (Foto:ap)

Ist das chinesische Engagement in Afrika verwerflicher als das westliche?

Es gibt also überhaupt keinen sachlichen Hintergrund dafür, das Handeln Chinas in Afrika nur zu verurteilen. Außerdem, und das ist der Hauptdiskussionspunkt, an dem wir uns abzuarbeiten haben: Inwieweit ist das eigene außenpolitische Handeln Europas und der USA in Afrika so viel anders gestrickt. Auch Europa, auch der Westen, verkauft Waffen nach Afrika. Die Frage ist, ob hier immer mit dem gleichen Maß gemessen wird, ob wir nicht tatsächlich eine leichtfertige Verurteilung chinesischer Außenpolitik vornehmen, wo unsere eigene Außenpolitik fragwürdig ist. Ich erinnere an Zeiten noch in den 1970er und 1980er Jahren, als die Selbstkritik weitaus fortgeschrittener war als das heute der Fall ist.

Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989 haben wir uns ein klein wenig angewöhnt, westliche Demokratien für den Nabel der politischen Entwicklung zu halten. Dabei gehen wir außerhalb Europas und der USA doch gelegentlich sehr schwierige politische Kooperationsverhältnisse ein. Ich denke, hier muss ein wenig mehr Fairness herrschen: Kritik an China ja, aber auch möglicherweise dann im selben Atemzug sinnvolle Formen der Selbstkritik.

Das Interview führte Thomas Latschan
Redaktion: Esther Broders