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Wirtschaft

Chinas Investoren besser als ihr Ruf

Unternehmen aus China haben seit Anfang des Jahrtausends über sieben Milliarden Euro in Deutschland investiert, Tendenz steigend. In Deutschland weckt das Ängste. Aber sind die begründet? Das hat eine Studie untersucht.

Allen Vorurteilen zum Trotz: "Die Chinesen kommen oft als Retter in der Not", meint Martin Franz, Professor an der Uni Osnabrück. Zusammen mit Sebastian Henn, Uni Jena, und Jörg Weingarten, PCG Projectconsult, hat er die Investitionen aus Brasilien, Russland, Indien und China (den BRIC-Ländern) in Deutschland untersucht. Der Osnabrücker Wirtschaftsgeograf konzentriert sich dabei auf Investoren aus China und Indien.

"Wir haben beim Start unseres Forschungsprojekts erwartet, häufig auf negative Folgen für die übernommenen Firmen zu stoßen", sagt er. Im Nachhinein jedoch bewerteten sowohl die Manager als auch die Betriebsräte und Gewerkschaftsvertreter den Investor recht positiv. Er habe ein Wachstum ermöglicht, das vorher kaum möglich war. In über 60 Prozent der Fälle steckten die Firmen vor der Übernahme in finanziellen Schwierigkeiten oder bereits in der Insolvenz.

Mitarbeiter und deutsche Führung gehalten

Auch für die Belegschaften brachten die Käufer erst einmal keine Nachteile. Oft wurden Standort- und Beschäftigungssicherungen vereinbart, Azubis übernommen, die Mitgliedschaft im Arbeitgeberverband fortgeführt. "Die chinesischen Investoren wollen nicht negativ auffallen, niemanden vergraulen", sagt Franz. "Es besteht auch eine relativ hohe Wertschätzung für deutsches Management, gleichzeitig fehlt es dem chinesischen Management an internationaler Erfahrung."

"Viele erwarten, dass übernommene Unternehmen aus China quasi ferngesteuert werden und dass das deutsche Management nichts mehr zu sagen hat", so Franz. "Das können wir nicht bestätigen. In den meisten Fällen laufen die Unternehmen unter deutscher Führung weiter, und es ändert sich im Alltagsgeschäft relativ wenig". Auch die Stammkunden würden nach anfänglicher Skepsis sehen, dass es ein deutsches Unternehmen mit deutschen Standards bleibe.

Zwei-Marken-Strategie

Am Knowhow aus Deutschland seien die chinesischen Mutterkonzerne zweifelsohne interessiert. Aber das hieße nicht, dass die Patente einfach in die Zentrale transferiert und fortan das Gleiche in China produziert werde, so der Wissenschaftler. Falls Mutter und Tochter vorher Konkurrenten im gleichen Segment waren, werde nun eine Zwei-Marken-Strategie verfolgt. Das deutsche Produkt werde als hochwertige Marke aufgebaut, das chinesische laufe daneben als Billigvariante.

Dass Produktionsstätten im Inland belassen und Forschung und Entwicklung sogar ausgebaut werden, sieht auch Oliver Emons als eine neue Strategie der chinesischen Investoren. Er ist Experte für betriebliche Mitbestimmung in der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung und hat die Aufkäufe mittelständischer Betriebe bis 2015 untersucht. Die Strategie beruhe auf der zweifachen Erkenntnis, "einerseits, dass aufgrund des inländischen und internationalen Wettbewerbs chinesische Firmen mehr als eine gute und günstige Kostenstruktur brauchen; und zweitens, dass Unternehmen nicht einfach in ein anderes Land wie China "verpflanzt" werden können. Die Unternehmenskultur, das Verfahren und die Mitarbeiter machen den eigentlichen Erfolg deutscher Unternehmen aus".

Eine typische Lernkurve

Die gut gefüllten Geldbeutel der fernöstlichen Investoren lassen sich mit der "Going-Global"-Direktive der chinesischen Führung erklären. Für das Ausschwärmen in die Welt stellt sie vergünstigte Kredite zur Verfügung. Den Zukauf in bestimmten Ländern und Branchen fördert sie zudem durch Zoll- und Steuervorteile. In Deutschland gelten etwa die Elektrotechnik, die Autoindustrie, der Maschinenbau, Umwelt- und Energietechnik und neue Materialien als staatlich definierte attraktive Ziele. Außerdem konnten manche chinesische Unternehmen in ihrer Heimat sehr stark wachsen und hohe Gewinne einfahren, die sie nun zum Teil im Ausland investieren - auch, um das Risiko besser zu streuen.

Zunächst galt ihr Interesse den weniger entwickelten Ländern, bevor sie sich den Industriestaaten zuwandten. Am Beispiel Midea, dem chinesischen Haushaltsgeräteproduzenten, der nun den deutschen Hersteller von Industrierobotern, Kuka, übernehmen will, erläutert Franz eine typische Lernkurve: "Midea ist zuerst in Vietnam, Weißrussland, Ägypten, Brasilien, Argentinien, Chile und Indien eingestiegen und wagt sich erst jetzt an Investitionen in Industriestaaten".

Noch keine Nagelprobe

Warum gerade in Deutschland? Emons führt jede Menge guter Gründe auf: den hohen technologischen Stand, die Rechtssicherheit, die Qualität der Arbeitskräfte, eine große Marktkraft und die zentrale Lage innerhalb der EU plus harte Währung und ein positives Image des Landes. Und umgekehrt gilt, einige deutsche Mittelständler haben sich ihren Investor selbst gesucht: Für sie wird der chinesische Markt immer wichtiger, aber ohne einen starken einheimischen Partner könnten sie dort nicht bestehen.

Im Gegensatz zu den befürchteten "Heuschrecken" fallen die chinesischen Investoren dadurch auf, dass sie langfristige Ziele setzen und zunächst einmal viel Geld ins Unternehmen pumpen. Eine Nagelprobe gab es allerdings bislang noch nicht, schränkt Emons ein, etwa ein schwerer Konjunktureinbruch, der die deutsche Tochter oder die chinesische Mutter straucheln ließe. Erst dann würde sich zeigen, ob die Vereinbarungen Bestand haben.