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Asien

Chinas heimliche Heiratsmärkte

Viele junge Chinesen wollen zuerst Karriere machen und erst später eine Familie gründen. Ihre Eltern aber warten auf Enkel. Kurzerhand organisieren die Mütter und Väter Heiratsmärkte - aber heimlich.

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Heiratsmärkte gibt es in Parks im ganzen Land - wie hier in Shanghai

"26 Jahre alt, Hochschulabschluss, gutes Einkommen, arbeitet bei westlicher Firma." Mit dieser Zeile beginnt der Text auf einem kleinen weißen Zettel, den Frau Chen geschrieben hat. Die ältere Dame hat ihn fein säuberlich auf den Boden neben die anderen Zettel in einem sonnigen Park in Peking gelegt. Sie und die anderen Rentner, die gelassen im Park herumlaufen und quatschen, eint ein Ziel: Einen passenden Heiratskandidaten für ihr Kind zu finden.

Mit gedämpfter Stimme bittet sie, nichts zu verraten: "Mein Sohn weiß nicht, dass ich hier bin." Er soll nichts vom Treiben der Mutter erfahren. Wie die anderen Senioren kommt sie schon seit einiger Zeit fast jeden Tag in den Park. Bislang allerdings mit wenig Erfolg. "Es ist heutzutage sehr schwer, geeignete Kandidaten zu finden," sagt sie. Doch ans Aufgeben will sie nicht denken.

Eine Hochzeit kostet im Schnitt zwei Jahresgehälter

Der Informatiker Zhang Sheng aus Peking

Informatiker Zhang Sheng aus Peking zusammen mit einer Freundin

Denn Heiraten ist nicht nur eine wichtige, sondern auch eine sehr teure Angelegenheit in China. Und deshalb soll die Ehe auch möglichst ewig halten. Nach einer Statistik der Provinzregierung in Peking aus dem vergangenen Jahr wurden im Schnitt 56.000 Yuan, umgerechnet rund 5.500 Euro, für Hochzeiten ausgegeben. Bei einem jährlichen Durchschnittseinkommen von gerade einmal 22.000 Yuan muss ein normaler Pekinger über zwei Jahre auf eine solche Hochzeit sparen. Grund genug auch für die Eltern, die potenziellen Partner für ihr Kind genau auszusuchen.

"Heute haben die meisten Familien nur ein Kind. Daher sind die Eltern sehr besorgt, ob ihr Sprössling auch einen guten Partner finden und heiraten wird," sagt Zhang Sheng. Er ist Informatiker und arbeitet in Peking. Für ihn ist der Fall klar: Die Eltern konzentrieren ihre gesamte Aufmerksamkeit auf das eine Kind, das sie haben. Hinzu kommt, dass viele von ihnen bereits Rentner sind und viel Zeit haben, um sich Gedanken über die Heiratspläne der Kinder zu machen. Die Frage ist nur, ob die Kinder mit der Ansicht ihrer Eltern einverstanden sind.

Die Eltern wollen möglichst schnell Enkel

Zhang Sheng ist ebenfalls noch nicht verheiratet. Bislang wähnt er sich aber noch in Sicherheit vor Verkupplungsversuchen seiner Eltern. Schließlich leben diese einige hundert Kilometer weit weg im Süden des Landes. Außerdem hofft er, dass sie ihm mit seinen 24 Jahren noch ein bisschen Zeit lassen werden. "Aber in zwei bis drei Jahren werden sie bestimmt ungeduldig," befürchtet er. Denn auch er selbst kennt ein Pärchen, das verkuppelt wurde.

Für die Eltern scheint es dabei nicht immer nur um das Wohl ihres Kindes zu gehen, denn schließlich wollen sie selbst Enkelkinder. Und dieser Wunsch soll möglichst auch in Erfüllung gehen. Die Ehe ist der erste Schritt in diese Richtung. Im vergangenen Jahr ließen sich insgesamt 10,5 Millionen Paare trauen. Dafür wurden umgerechnet stolze 30 Milliarden Euro ausgegeben. Das entspricht der Gesamtsumme, die von der Regierung für die Olympischen Spiele und alle nötigen Umbaumaßnahmen in Peking ausgegeben wurden. Die junge Generation will zwar auch eine schöne Hochzeit, aber oft erst später, als ihre Väter und Mütter es gerne hätten.

Junge Akademikerinnen finden schwer einen Partner

Studentin Fan Jingyi beim Lernen in der Universität

Die 20-jährige Studentin Fan Jingyi beim Lernen - noch will sie keine Kinder

Für die Studentin Fan Jingyi sind Konflikte mit den Eltern vorprogrammiert. Die jungen Chinesen wollten zuerst beruflich eine gute Karriere machen. Eine Familie zu gründen und Kinder zu bekommen, wünschen sich die meisten erst später. Die 20-Jährige ist im dritten Semester ihres Wirtschaftsstudiums. Kinder haben in ihrem Leben vorerst keinen Platz. Sie versucht es zu überhören, wenn ihre Mutter immer wieder vom Heiraten anfängt. Gerade für junge Frauen in den großen Städten der Volksrepublik wird die Partnerwahl immer schwerer. Einige chinesische Männer hätten ein Problem damit, wenn ihre Freundin einen höheren Abschluss habe als sie selbst. "Das macht mir echt Sorgen. Ich denke, ich höre nach dem Masterabschluss auf," sagt die Studentin.

Auf dem Land suchen die Männer oft vergeblich eine Frau

Auf dem Land scheint sich das Problem in die andere Richtung zu entwickeln: Seit der Ein-Kind-Politik werden immer mehr Männer als Frauen geboren. Eine geeignete Frau zum Heiraten zu finden wird immer schwerer. Die Provinzregierung im südchinesischen Guangdong stellte in einer Befragung aus dem Jahr 2007 fest, dass 32 Prozent der befragten Erwachsenen ohne Partner waren. Die Statistiker gehen davon aus, dass es 2030 in China 25 Millionen mehr Männer als Frauen geben könnte, die dann vergeblich nach einer Heiratskandidatin suchen werden.

Frau Chen lässt sich unterdessen von den Schreckensmeldungen nicht beirren. Im Park in Peking hofft sie, früher oder später die Richtige für ihren Sohn zu finden. "Ich komme wieder, bis es endlich klappt," sagt sie selbstsicher. Hoffentlich sieht ihr Sohn das am Ende genauso.

Autor: Stephan Scheuer
Redaktion: Thomas Latschan

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