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Global Ideas

Chinas grüne Pläne

Die Volksrepublik China ist weltweit führend beim Ausbau der erneuerbaren Energien. Doch die Entwicklung läuft nicht so reibungslos wie gedacht. Großen Erfolgen stehen massive Probleme gegenüber. Ein Überblick.

Foto: Windräder des Donghai Bridge Offshore Windparks nähe Shanghai, China. (Foto: ddp images/AP Photo)

Großer Boom: Die Windkraft ist in China nach Wasserkraft und Biomasse die wichtigste erneuerbare Energiequelle. Bis 2015 will das Land seine Kapazitäten verdoppeln.

China investiert in erneuerbare Energien – diese Nachricht hat die globale Runde gemacht. Und wird dennoch immer wieder erneuert. Denn die Regierung in Peking überbietet sich mit neuen Ausbauzielen. Die aktuellen Pläne sehen vor, die Kapazitäten für Windkraft, Photovoltaik und Biomasse zu vervierfachen: von knapp 50 Gigawatt im Jahr 2010 auf 200 Gigawatt bis 2020. Ein Gigawatt – diese elektrische Leistung bezieht eine europäische Großstadt mit fünf Millionen Einwohnern im Jahresmittel.

Schon jetzt ist das Reich der Mitte, das 2005 sein erstes Gesetz für erneuerbare Energien auflegte, Weltmeister im Produzieren grüner Energietechnik: Laut Worldwatch Institute ist China führender Hersteller von Energiesparlampen, Windkraftanlagen und Photovoltaikmodulen. Durch frühe staatliche Förderung liegt die Volksrepublik auch bei Produktion und Einsatz energiesparender Herde und solarthermischer Kollektoren, die Wasser und Räume erwärmen, weit vorne.

Wasser vor Wind

Nicht nur die Technikgeräte-Produktion, sondern auch die eigenen Kapazitäten zur Erzeugung von grünem Strom entwickeln sich rasant; kein Land investiert soviel in den Ausbau der Erneuerbaren wie China. Priorität hat die Wasserkraft, die wichtigste regenerative Energiequelle nach der Biomasse, zu der traditionelle Brennstoffe wie Dung und Holz, aber auch Bio-Abfälle und Biogas gezählt werden.

China plant riesige Staudämme, die weitere 120 Gigawatt Strom liefern sollen – so viel wie 120 Atommeiler. Die Windenergie-Leistung soll bis 2015 auf 100 Gigawatt insgesamt anwachsen – doppelt so viel, wie China heute installiert hat. Die Photovoltaik-Technik steht klar an dritter Stelle. Die Leistung daraus soll in fünf Jahren auf 15 Gigawatt gesteigert werden.

Auch die Atomkraft gilt in China als saubere Energiequelle. Mit 25 neuen Reaktoren soll bis 2015 das Achtfache der heutigen Kapazität erreicht werden.

Foto: Ein Solarfeld vor einer Stadt (Foto: Wikipedia-Nutzer Wing, genutzt unter CC-BY-Lizenz)

Abhängigkeit: Statistisch betrachtet geht in China jede Woche ein neues Kohlekraftwerk ans Netz. Die klimaschädliche Kohle bleibt, trotz aller Wachstumsraten der Erneuerbaren, Chinas wichtigste Energiequelle

Bleibt noch die Kohle, die 80 Prozent der Elektrizität liefert. Statistisch gesehen geht jede Woche ein neues Kohlekraftwerk ans Netz – eine Entwicklung, die von der Regierung durchaus kritisch gesehen wird. „Und von der Bevölkerung!“, betont Susanne Langsdorf, China-Expertin beim Umweltinstitut Ecologic. „Die Luftverschmutzung ist ein fast täglich diskutiertes Problem, insbesondere in den Städten."

Vorrang für die Ökonomie

Der Boom der erneuerbaren Energien ist auch ein Weg aus der Abhängigkeit von der Kohle, auch zum Schutz der Bevölkerung, denn noch sterben jedes Jahr Tausende an Atemwegskrankheiten. Wichtiger ist aber ein anderes, ökonomisches Ziel: den Energieverbrauch der Industrie zu drosseln, der zu hoch ist und das Land bei steigenden Öl- und Gaspreisen große Summen kostet. China, das bis in die Neunziger Jahre Öl exportierte, muss heute mehr als die Hälfte des Rohstoffs importieren. „Der Ressourcenverbrauch muss entkoppelt werden vom Wirtschaftswachstum“, erklärt die Umweltökonomin Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in einem Interview. „Sonst wird es kaum aufrechtzuerhalten sein.”

Das Wirtschaftswachstum ist Chinas Segen und Fluch. Es soll mit erneuerbaren Energien sauberer, effizienter und damit kostengünstiger werden, keinesfalls aber durch verbindliche Klimaschutz-Zusagen gefährdet sein. Zwar will China, mittlerweile weltweit größter CO2-Emittent, seinen Ausstoß bis 2020 begrenzen, aber nur relativ: je Einheit des Bruttoinlandsprodukts um 40 bis 45 Prozent gegenüber 2005. In absoluten Zahlen wird der CO2-Ausstoß dadurch nicht schrumpfen – nur langsamer ansteigen. Das Anfang 2010 ausgegebene Ziel beinhaltet zudem schon 2005 beschlossene Schritte zum Klimaschutz. Ein Stück Etikettenschwindel steckt also dahinter.

Fragmentierte Zuständigkeiten

Es lohnt sich, hinter die Fassade zu schauen. Es werde viel getan, es gebe aber auch viele interne Probleme, erklärt Ecologic-Expertin Langsdorf, die in Shanghai für die Friedrich-Ebert-Stiftung zu Energiethemen gearbeitet hat. „Ein großes Problem sind die fragmentierten Zuständigkeiten“, sagt sie. Denn keineswegs setzt ein straff organisierter Zentralstaat ungestört seine Gesetze um. Viele Stellen sind zuständig, ein Energieministerium fehlt.

Da sind zunächst die korruptionsanfälligen Provinzverwaltungen, denen es oft an geschultem Fachpersonal und Geld fehlt. Abgesehen vom Staatsrat, dem mächtigsten politischen Organ, sind auf nationaler Ebene drei Stellen zuständig: Die mächtige Kommission für Reform und Entwicklung (NDRC) diktiert die Energiepreise. Ihr untersteht in Teilen die Nationale Energie-Verwaltung (NEA), die 2008 aus der Reformkommission hervorgegangen ist. Alles koordinieren soll die Nationale Energie-Kommission (NEC), die Premierminister Wen Jiabao leitet.

Problemfeld Effizienz

Abgesehen von diesen Abstimmungsschwierigkeiten ist die Energieeffizienz ein weiteres Problemfeld. Hier könnte das Riesenreich viel mehr erreichen; Studien sehen Einsparpotenziale von 50 Prozent. Um sie auszuschöpfen, müssten aber Millionen von alten Häusern saniert und Tausende von Kraftwerken erneuert werden. „Das geht nur sehr langsam voran“, sagt Susanne Langsdorf. „Ein weiteres Problem ist, wie auch in Europa, der langsame Leitungsausbau.“ Ein Drittel der Windkraftanlagen ist deshalb noch nicht am Netz. Umgerechnet hundert Milliarden US-Dollar investiert die chinesische Regierung nun, um das Stromnetz zu erweitern.

Foto: Zwei Arbeiter mit Schaufeln vor den rauchenden Schornsteinen eines Kohlekraftwerkes (Foto: ddp images/AP Photo/Oded Balilty)

Luft nach oben: Die Solarenergie hat noch ein großes Potenzial. Ein Einspeisetarif für Sonnenstrom soll die Entwicklung vorantreiben.

Profitieren wird davon mittelfristig auch die Solarbranche, die ihr Potenzial in China längst noch nicht ausgeschöpft hat; bislang sind nur wenige Solaranlagen installiert. Das Geschäft wird auch wachsen, weil die Regierung einen Einspeisetarif für Sonnenstrom festgelegt hat, wie ihn Deutschland vor einigen Jahren eingeführt hat: Wer Solarstrom ins Netz einspeist, erhält dafür eine festgelegte Vergütung. Die deutsche Solarbranche, die bisher führend war und nun wegen des Wettbewerbs mit China kriselt, ist angesichts des chinesischen Einflusses in Europa skeptisch. „Chinesische Unternehmen zeigen massives Interesse an deutschen Firmen, vor allem auch der Patente wegen“, sagt der Freiburger Energiejournalist Bernward Janzing. Sei es beim deutschen Photovoltaik-Unternehmen Sunways oder Portugals Stromgiganten EDP – Investoren aus Peking halten schon größere Anteile. Und schlagen so das nächste Kapitel in der chinesischen Erfolgsgeschichte auf. Seine Überschrift: „Europa“.

Autor: Torsten Schäfer
Redaktion: Jan Michael Ihl

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