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Asien

Chinas geraubte Kinder

Jedes Jahr werden in China tausende Kinder entführt. Sie werden Opfer von Menschenhändlerringen. Zwar sind die Strafen für den Kinderhandel drakonisch, doch das Geschäft ist zu lukrativ.

An einem Februartag 2007, kurz vor dem chinesischen Frühlingsfest, zerbrach das Leben von Xiao Chaohua. Bis dahin war Xiao glücklicher Vater von zwei Kindern, einem Jungen und einem Mädchen. Die Familie betrieb einen kleinen Bekleidungsladen in Huizhou in der Nähe von Hongkong. An diesem Schicksalstag änderte sich das Leben des damals 32-Jährigen schlagartig: Sein Sohn Xiaosong, damals fünf Jahre alt, verschwand spurlos. Einfach so, am hellichten Tag. "Wir haben damals sofort Anzeige erstattet", sagt Xiao gegenüber der Deutschen Welle. "Die Polizei ist vorbeigekommen, hat eine kurze Runde gedreht und ist wieder weggefahren. Erst zwei Monate später wurde ein Protokoll aufgenommen. Sie haben gesagt, sie helfen uns, aber noch immer fehlt jede Spur." Die Polizei vermutet, dass der Junge entführt wurde.

Blühendes Geschäft

Seit diesem Februartag vor acht Jahren sucht Xiao Chaohua seinen Sohn: Zunächst fuhr er mit dem Motorrad durch die ganze Provinz Guangdong und hängte Poster mit Fotos von Xiaosong an öffentichen Plätzen auf. Schließlich verkaufte er seinen Laden Vom Erlös erstand er einen Bulli und fährt seitdem durch das ganze Land, in der Hoffnung eine Spur von Xiaosong zu finden.

In China sind tausende Eltern auf der verzweifelten Suche nach ihren Kindern. In dem Land blüht der Kinderhandel wie nirgendwo sonst auf der Welt. Offizielle Zahlen gibt es nicht, chinesische Medien sprechen von etwa 20.000 Entführungen im Jahr. "Generell kann man sagen, dass Kinder aus armen Wanderarbeiter-Familien oder aus armen ländlichen Regionen besonders gefährdet sind", sagt die Sprecherin des Chinabüros einer internationalen Kinderhilfsorganisation gegenüber der DW. Da das Thema Kinderhandel in China sehr sensibel ist und sie die Zusammenarbeit mit den chinesischen Behörden nicht gefährden will, möchte sie anonym bleiben.

Jungen bevorzugt

Plakat mit dem Xiao Chaohua seinen Sohn sucht

Xiao Chaohua sucht seit sechs Jahren seinen Sohn

Die wesentlichen Gründe für das Ausmaß des Kinderhandels in China stehen in engem Zusammenhang mit der

Ein-Kind-Politik

. Die Regierung in Peking führte sie 1979 ein, um das rasante Bevölkerungswachstum zu bremsen. Besonders auf dem Land werden männliche Nachkommen immer noch bevorzugt. Demenstprechend groß ist die Nachfrage nach Jungen. Manche Eltern sind eher bereit einen Jungen zu kaufen, als ein Mädchen zu bekommen und für ein zweites Kind – möglicherweise wieder ein Mädchen - Strafen zu bezahlen. Ein lohnendes Geschäft für Kinderhändler, die für einen männlichen Säugling bis zu 100.000 Yuan, etwa 15.000 Euro kassieren. Umgekehrt können sich arme Familien mit mehreren Kindern die Strafe nicht leisten und sehen sich gezwungen ein Kind gegen Geld zur Adoption freizugeben.

Da im Zuge der Ein-Kind-Politik weibliche Embryos häufiger abgetrieben wurden, gibt es heute in China zudem einen Männerüberschuss. "Die unausgeglichene Geschlechterverteilung sorgt dafür, dass die Nachfrage nach Prostitution und nach Ehefrauen gestiegen ist", so die Sprecherin der Kinderhilfsorganisation. Auch davon profitieren Kidnapper: Vor allem entführte Mädchen im Teenager-Alter werden an Männer verkauft, die keine Frau finden, oder sie werden zur Sexarbeit gezwungen. Mittlerweile hat die Regierung die Ein-Kind-Politik gelockert, noch ist unklar, welchen Einfluss das auf das Problem haben wird.

Schwerer Kampf

Die chinesischen Behörden haben dem Kinderhandel den Kampf angesagt. Kinderhändlern droht die Todesstrafe. 2008 trat der erste Aktionsplan gegen Menschenhandel in Kraft, 2013 der zweite. Der jüngste Plan fordert Maßnahmen zur Prävention, zur Strafverfolgung und Rettung und Rückführung der Opfer.

Eltern mit einem Kind auf dem Arm

Die Ein-Kind-Politik hat zwar das Bevölkerungswachstum gebremst, aber viele unbeabsichtigte Nebenwirkungen

Im jüngsten

Menschenhandelsreport

des US-Außenministeriums wird der chinesischen Regierung zwar zugute gehalten, Fortschritte erzielt zu haben. Jedoch erfülle China "nicht vollständig die Mindeststandards zur Beseitigung des Menschenhandels". "Die Umsetzung der Regeln variiert, je nach Fähigkeit der lokalen Regierungen und dem Ausmaß von Armut in den jeweiligen Provinzen", sagt Shantha Bloemen von

UNICEF

in China. "Aber um China gegenüber fair zu bleiben: Es ist ziemlich schwierig sicherzustellen, dass die Regeln in einem Land von solch einer Größe einheitlich umgesetzt werden."

Zumindest hin und wieder gibt es Erfolge: Im Jahr 2011 wurden nach offiziellen Angaben 8660 Kinder befreit. Zuletzt konnte die Polizei im April 2015 bei Razzien in sechs Provinzen 64 Babys retten und 170 Verdächtige festnehmen. Doch die organisierten Kinderhändlerringe arbeiten mit allen Tricks, verwischen ihre Spuren oder zahlen Bestechungsgelder an Beamte. Die Geschäfte werden hauptsächlich im Internet abgewickelt und lassen sich so schwerer verfolgen.

Bewusstsein schaffen

Xiao Chaohua arbeitet mittlerweile für eine chinesische Hilfsorganisation, die Eltern bei der Suche ihrer Kinder hilft. Sein Auto ist von oben bis unten beklebt mit Bildern von vermissten Kindern, darunter auch das Bild seines Sohnes. "Wir fahren hauptsächlich in die Dörfer. Da ist das Problem mit den Entführungen besonders schwerwiegend. Das Bewusstsein der Eltern für den Schutz ihrer Kinder ist nicht ausreichend. Die lokalen Regierungen unterstützen uns relativ gut. Und viele Menschen helfen uns, geben uns Unterkunft oder Verpflegung." Tausende Kilometer hat Xiao innerhalb Chinas mittlerweile zurückgelegt. Erst wenn er seinen Sohn gefunden hat, will er seine Reise beenden.

Unter Mitarbeit von Juan Ju

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