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Wirtschaft

Chinas Autoindustrie gibt Vollgas

Anfang August hat der chinesische Autobauer Geely dem amerikanischen Autokonzern Ford die schwedische Automarke Volvo abgekauft – für rund eineinhalb Milliarden US-Dollar. Gehört die Zukunft der Branche den Chinesen?

China Auto Show 2010 in Peking: Geely präsentiert Hybrid-Fahrzeug (Foto: AP)

China Auto Show 2010 in Peking: Geely präsentiert Hybrid-Fahrzeug

Stau auf Straße in Peking (Foto: AP)

"Automarkt noch lange nicht gesättigt" - Verkehr in Peking

Warum China ein wahres Dorado für Autobauer und –verkäufer ist, zeigt dieser Vergleich: Etwa jeder 50. Chinese besitzt ein Auto, in Deutschland ist es mehr als jeder Zweite. Vor dem Hintergrund, dass es gerade mal 80 Millionen Deutsche gibt aber weit mehr als eine Milliarde Chinesen, dann lässt sich erahnen, welche Möglichkeiten sich in China ergeben. Die Automärkte in Europa und Nordamerika sind fast gesättigt, der in China aber noch lange nicht, und zwar auf Jahrzehnte hinaus.

Diesen Markt haben die westlichen Autokonzerne längst für sich entdeckt. Vor allem deutsche Autohersteller hatten die Zeichen der Zeit erkannt und profitieren jetzt vom Auto-Boom im Reich der Mitte. Die hervorragenden Absatzzahlen auf dem chinesischen Markt haben Audi, BMW, Mercedes und vor allem Volkswagen durch die aktuelle Absatzskrise auf den europäischen und nordamerikanischen Märkten gerettet.

Die Deutschen vorn dabei

Deutsche Autos genießen bei den Chinesen einen ausgezeichneten Ruf. VW-Modelle sind besonders bei der urbanen Mittelschicht beliebt, die meisten staatlichen Dienstwagen haben die vier Ringe der Firma Audi auf dem Kühlergrill und auch die Luxuskarossen der Marken Mercedes und BMW sind sehr erfolgreich.

Der neue BMW X6 Active Hybrid (Foto: AP)

Neuvorstellungen von BMW: Deutsche Premiummarken sind bei wohlhabenden Chinesen sehr gefragt

Es sind aber nicht nur die großen Autokonzerne aus Europa, Japan und den USA, deren Autos in China gebaut und gefahren werden. Im Gegenteil: Während die Zahl der Autobauer auf den westlichen Märkten recht überschaubar ist und durch Fusionen und Übernahmen auch immer kleiner wird, tummeln sich in China sehr viel mehr Autoproduzenten. Das Wochenmagazin "Euro am Sonntag" hat für die USA und Europa 39 Autobauer gezählt, in China allein seien es dagegen 49, die den Kunden 69 verschiedene Marken anböten.

Chinesische Autos immer besser

Autoexperte Willi Diez (Foto: ifa)

Autoexperte Willi Diez

Professor Willi Diez, Direktor am Institut für Automobilwirtschaft, hat beobachtet, dass es auf dem chinesischen Markt zwei Arten von Autoproduzenten gibt. Das seien "zum einen die renommierten Hersteller aus Nordamerika, aus Europa, insbesondere auch aus Deutschland, die in Joint Ventures für den chinesischen Markt fertigen. Andererseits gibt es da die chinesischen Hersteller selbst, die immer stärker den Zugang zu westlicher Technologie suchen."

Bislang haben Chinas Autobauer auf dem internationalen Markt noch nicht Fuß gefasst – ihre Autos sind einfach nicht gut genug. Aber das scheint sich zu ändern. Professor Diez ist überzeugt, dass die Chinesen schnell aufholen. Die Zeiten, in denen sie Autos vorgestellt haben, bei denen das Lenkrad nicht mittig vor dem Fahrer platziert war, sind vorbei. Auch, dass ein Luxusauto schon beim Crash-Test durchfällt, dürfte sich nicht wiederholen. "Trotzdem", sagte Diez in einem Interview mit DW-World, "wird es natürlich noch eine Weile dauern, bis chinesische Autos das Sicherheitsniveau von europäischen Fahrzeugen haben, aber sie sind auf dem Weg."

Batterien statt Benzin

Die Mittel, die angewendet werden, um den technologischen Rückstand aufzuholen, sind nicht unumstritten. Immer wieder werden Vorwürfe laut, die Chinesen betrieben im großen Maßstab Industriespionage und würden sonst einfach nur kopieren, was andere entwickelt hätten. Professor Diez hält diese Befürchtungen für berechtigt und weist darauf hin, dass das geistige Eigentum in China ganz offensichtlich nicht denselben Schutz genießt wie in Europa. "Die Gefahr ist nach wie vor groß, dass Technologien übernommen werden, dass Patente genutzt werden. Aber wir sehen natürlich auch eigenständige Bemühungen der Chinesen, das betrifft vor allem das Thema Elektromobilität."

Auf diesem Gebiet könnten die Chinesen den etablierten Autobauern in der Tat bald den Rang ablaufen. Im März dieses Jahres unterzeichneten der Stuttgarter Automobilkonzern Daimler und der chinesische Batteriehersteller BYD ein Kooperationsabkommen. BYD baut seit 2003 Autos und ist jetzt bereits einer der zehn größten chinesischen Autobauer. Auch Konkurrent VW will seine Bemühungen auf diesem Feld ausweiten und prüft seinerseits eine Partnerschaft mit einem asiatischen Batteriehersteller. VW-Vorstandschef Winterkorn hat das Ziel ausgegeben, in den nächsten Jahren die Marktführerschaft im Bereich E-Mobilität zu übernehmen.

Sollte der Autoverkehr in China tatsächlich in dem Maße zunehmen, wie es prophezeit wird, dürfte dem Elektroantrieb eine große Bedeutung zukommen. Die Unternehmensberatung McKinsey erwartet, dass der Autoabsatz in China rasant steigen wird. Im Jahr 2020 würden dann rund 20 Millionen Autos verkauft und in Betrieb genommen werden – mehr als doppelt so viele wie heute. Die Luftverschmutzung in den Metropolen Chinas ist aber bereits jetzt so schlimm, dass der Anteil an Autos mit Verbrennungsmotor in zehn Jahren so gering wie möglich sein sollte.

Das Auto als Statussymbol

Professor Diez hat festgestellt, dass das Angebot der chinesischen Autohersteller hauptsächlich zwei Klassen umfasst: Kleinwagen und Luxusautomobile. "Wir haben natürlich im chinesischen Markt eine große Gruppe von sogenannten Billigautos, aber wir finden in China auch einen wachsenden Absatzmarkt für hochwertige Fahrzeuge also sogenannte Premium-Automobile. Denn es bildet sich in China auch eine Käuferschicht heraus, die über eine hohe Kaufkraft verfügt."

Diese neu heranwachsende Oberschicht in der Volksrepublik China, will aber die teuren Autos nicht nur kaufen, um sie zu besitzen, sie wollen damit auch fahren – und dabei gibt es Probleme. In den Millionenstädten Chinas werden oft Fahrverbote ausgesprochen. In Peking gibt es seit den Olympischen Spielen diese Regelung: An bestimmten Tagen dürfen nur Autos fahren, deren Nummernschild ein gerade Zahl hat. An anderen Tagen jene, die eine ungerade Nummer haben. Damit wollen die Behörden die Luftverschmutzung bekämpfen, die in den chinesischen Metropolen ein großes Problem darstellt.

Wo sollen die ganzen Autos fahren?

Aber nicht nur aus Umweltschutzgründen kommt es zu Fahrverboten. "Das Problem liegt in der Infrastruktur", sagt Professor Diez. "Wenn man in Peking oder in Shanghai zu ganz normalen Zeiten unterwegs ist, dann ist das kein 'Auto fahren' sondern ein 'Auto stehen'. Die Probleme in den großen Ballungszentren nehmen immer mehr zu und ich glaube, das wird das eigentliche Problem der nächsten Jahre, dass die Infrastruktur nicht mit dem Fahrzeugbestand mithält."

Die Mobilisierung des bevölkerungsreichsten Landes dieser Erde hat gerade erst begonnen, und die chinesische Automobilindustrie scheint dafür gewappnet. Was diese Entwicklung im Moment am nachhaltigsten stört: Es gibt in China einfach nicht genug Straßen für so viele Autos.

Autor: Dirk-Ulrich Kaufmann

Redaktion: Klaus Ulrich

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