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Wirtschaft

China widerwillig auf der Überholspur

Nachdem China kürzlich Japan als zweitgrößte Wirtschaftsmacht verdrängt hat, soll es laut neusten Prognosen bereits 2016 die USA von Platz Eins stoßen. Eine Aussicht, die vor allem in China Widerspruch erregt.

Die chinesische Fahne vor Hochhausfronten (Foto: AP)

Chinas rasanter Aufstieg steckt voller Chancen - und Gefahren.

„China überholt 2016 die USA“ - Diese Schlagzeile der US-amerikanischen Zeitung „The Wallstreet Journal“ elektrisierte kürzlich chinesische Medien. China werde in weniger als fünf Jahren, so das Blatt, der größten Wirtschaftsmacht der Welt den Rang ablaufen.

Das zumindest legen Zahlen des Internationalen Währungsfonds (IWF) nahe. Der hatte in seinem jüngsten „World Economic Outlook“ zwar nicht Chinas Aufstieg zur Supermacht prophezeit. Aber die für den Bericht verwendeten Zahlen geben eine solche Interpretation her. Demnach werde Chinas nach Kaufkraft bemessene Wirtschaftsleistung in fünf Jahren höher sein als die Kaufkraft der US-Amerikaner. Dann, so die Berechnungen, werde China den größten Anteil an der gesamten Weltwirtschaftsleistung haben.

Chinas Präsident Hu Jintao vor amerikanischer und chinesischer Fahne. (Foto: AP)

Chinas Führung ist nicht glücklich über Supermacht-Prognosen

Das bleibt nicht unwidersprochen. Deutsche und chinesische Wirtschaftsexperten stellen sich die Frage, ob sich mit einem nach Kaufkraft bemessenen Bruttoinlandsprodukt tatsächlich die Wirtschaftsstärke einer Nation messen lässt.

Ein nach Kaufkraft bemessenes Bruttoinlandsprodukt, im Fachjargon "Kaufkraftparität" genannt, beschreibe die Kaufkraft eines Staates innerhalb seiner Landesgrenze, erklärt Jürgen Matthes vom Institut der deutschen Wirtschaft im DW-Gespräch. Will ein Staat aber Güter auf den internationalen Märkten kaufen, müsse seine Wirtschaftsleistung in einer Einheitswährung, meistens dem US-Dollar, berechnet werden.

Die Berechnungsbasis muß stimmen

Auf noch absehbare Zeit, so Matthes, würden die Preise in China jedoch niedriger bleiben als die der westlichen Industrieländer. „Das bedeutet, dass man mit einem erwirtschafteten chinesischen Yuan in China mehr kaufen kann als auf dem internationalen Markt“, erklärt der Experte. Dies führe dazu, dass von der Kaufkraftparität her gesehen „Entwicklungsländer wie China, in denen die Preise relativ niedrig sind, reicher sind, als wenn auf Basis von laufenden Wechselkursen“ verglichen werde.

Chinesische Hochhausfassade mit Festerputzern (Foto: AP)

Ist wirklich alles Gold was glänzt?

Insbesondere die chinesische Regierung ist nicht glücklich über die nun immer öfter erfolgenden Supermacht-Prognosen, wie die des Internationalen Währungsfonds. Chinas Führung lehne die Bemessung nach Kaufkraftparität sogar ab, unterstreicht Ökonom Zhang Hanlin vom Pekinger Forschungsinstitut der Welthandelsorganisation.

Einerseits ja, andererseits auch nicht, sagen dazu deutsche Wirtschaftexperten. Immer deutlicher werde, dass China zunehmend mit seinem wachsenden Anteil an der Weltwirtschaft argumentiere. Vor allem wenn es darum gehe, sich international mehr Einfluss zu verschaffen, verweise China gerne auf die eigene Kaufkraftparität, erläutert Matthes. So geschehen im letzten Herbst: Bei der Stimmrechtvergabe des internationalen Währungsfonds hatte China unter Verweis auf die Kaufkraft Deutschland als drittgrößten Anteilseigner abgelöst.

China will nur gelegentlich die Nr. 1 sein

Kasse mit chinesischen Geldscheinen (Foto: AP)

Was ist die chinesische Währung tatsächlich wert?

Aber auch jenseits der Expertendiskussionen um Bemessungsgrundlagen bezweifelt Zhang Hanlin, dass der Vorsprung der US-amerikanischen Wirtschaft bald schwinden wird. Ein solcher Spurt sei für China schon allein deshalb nicht denkbar, weil es im Riesenreich selbst sehr große Entwicklungsunterschiede gäbe.

In China wird heftig debattiert, ob die boomende Volksrepublik im vergangenen Jahr tatsächlich Japan überholt hat. „Angesichts der Qualität der chinesischen Wirtschaftsentwicklung ist China immer noch ein Entwicklungsland. Der Abstand zu anderen Industrieländern ist enorm”, beharrt Zhang. Der tatsächliche Lebensstandard der chinesischen Bevölkerung sei daher der entscheidende Gradmesser, findet er. Chinesen „sehen eher ihre Lebensrealität und sagen: Uns geht es nicht so gut wie ihr vielleicht denkt.”

Nach Zhangs Berechnungen wird Chinas Bruttoinlandsprodukt in US-Dollar umgerechnet erst in 10 bis 15 Jahren das der USA übersteigen. Selbst dann seien Schlagzeilen wie "China überholt USA!" falsch, meint er. Und Jürgen Matthes vom Institut der deutschen Wirtschaft mahnt, es werde generell zu viel in Rankings gedacht. Die Prognose, dass China eines Tages die USA überholen werde, sei nicht grundsätzlich sensationell, meint er. Selbstverständlich werde ein Land mit 1,3 Milliarden Einwohnern irgendwann die Nation sein, die global am meisten produziert.

Autor: Jun Yan

Redaktion: Adrienne Woltersdorf / Alexander Freund