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Wirtschaft

China verdrängt Deutschland

Chinas wachsende wirtschaftliche Präsenz in Lateinamerika geht auf Kosten Europas. Deutsche Unternehmen versuchen, verlorenes Terrain zurückzugewinnen. Aber das ist nicht so einfach.

In Lateinamerika ist, scheinbar unbemerkt von der Weltöffentlichkeit, ein Kampf um Marktanteile zwischen Europa und Asien ausgebrochen. Deutsche Unternehmen sehen sich zunehmend asiatischer Konkurrenz ausgesetzt. Auf dem Gipfel zwischen der EU und der Gemeinschaft der Lateinamerikanischen und Karibischen Staaten (CELAC) im chilenischen Santiago (26.-27. Januar 2013) suchte deshalb auch Bundeskanzlerin Angela Merkel den Schulterschluss mit der Region.

Günther Maihold, Stiftung Wissenschaft und Politik

Günther Maihold von der Stiftung Wissenschaft und Politik

"Die wichtigsten lateinamerikanischen Länder haben sehr dynamische Quoten im Handelsaustausch mit dem pazifischen Raum und China", erklärt Günther Maihold, stellvertretender Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik, der zurzeit am Humboldt-Lehrstuhl in Mexiko-Stadt lehrt. Das gehe natürlich auf Kosten der Präsenz Europas. "Die Europäer müssen sich überlegen, wie sie sich in Zukunft positionieren", rät Maihold. "Es wird von ihnen mehr erwartet, als nur Freihandelsabkommen."

China entdeckt Lateinamerika

Noch vor zehn Jahren war Asiens Präsenz in der Neuen Welt unerheblich. Autos aus China oder Südkorea galten dort als unvorstellbar, Schnellzüge und Straßenbau aus dem Reich der Mitte ebenso. Doch nun bauen nicht nur VW, Audi, Fiat und BMW Autos in Brasilien, sondern demnächst auch die chinesischen Hersteller JAC Motors und CN Auto sowie Ssangyong aus Südkorea.

Made in China oder made in Germany? Der Wettbewerb zwischen deutschen und chinesischen Firmen wird zunehmend schärfer. "Die chinesischen Unternehmen kommen manchmal mit ganz attraktiven Finanzierungsangeboten, mit denen wir nicht konkurrieren können", erklärt Rafael Haddad, Geschäftsführer von Brazil Board, in dem sich deutsche Unternehmen, die in Brasilien investieren, zusammengeschlossen haben. Außerdem versuchten chinesische Unternehmen, immer mehr lokale Unternehmen in Lateinamerika zu kaufen.

China meint es ernst: So steigerte das Land nach Angaben der UN-Konferenz für Handel und Entwicklung (UNCTAD) seine Direktinvestitionen in Lateinamerika und der Karibik von 621 Millionen US-Dollar im Jahr 2001 auf knapp 44 Milliarden US-Dollar in 2010 - die Investitionen in die karibischen Offshore-Finanzzentren sind hierbei mit einbezogen. Zum Vergleich: Die deutschen Direktinvestitionen in der Region stiegen im gleichen Zeitraum von 41 Milliarden Dollar auf 50 Milliarden US-Dollar.

Große Investitionen - große Probleme: Das Hüttenwerk von ThyssenKrupp in Rio de Janeiro.

Deutsche Großinvestition in Rio: Hüttenwerk von ThyssenKrupp

Oliver Parche, Koordinator der Lateinamerika-Initiative der deutschen Wirtschaft, betrachtet die wachsende Konkurrenz zwischen Asien und Europa nicht als Problem. "Wir werden die asiatischen Länder nicht einholen können", meint er, "aber wir werden unsere Stellung sicherlich in den nächsten Jahren verbessern". Der Referatsleiter Nord- und Lateinamerika bei der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK) sieht in der Kooperation des deutschen und lateinamerikanischen Mittelstandes "die große Zukunft".

Noch gehört Deutschland in Lateinamerika zu den bedeutenden ausländischen Investoren. Allein das Produktionsvolumen der deutschen Tochterunternehmen erreichte 2010 vor Ort 160 Milliarden US-Dollar. Nach der Umfrage der DIHK unter den deutschen Auslandshandelskammern vor Ort haben sich zudem die deutschen Direktinvestitionen in Lateinamerika zwischen 2001 und 2010 von 36 Milliarden US-Dollar auf 72 Milliarden US-Dollar verdoppelt.

Deutschland verliert Marktanteile

Doch im Vergleich zu den 90er Jahren ist Deutschlands wirtschaftlicher Einfluss in Lateinamerika zurückgegangen. "Als die Wiedervereinigung da war und sich das Tor Richtung Osten geöffnet hat, war der Mittelstand mit seinen Ressourcen dort sehr gebunden", erinnert sich Experte Parche. Bei der großen Privatisierungswelle in Lateinamerika in den 90er Jahren ließ Deutschland seinen europäischen Nachbarn den Vortritt. Während Deutschland Marktanteile verlor, stieg Spanien zum zweitgrößten Investor nach den USA auf.

In den Handelsbeziehungen mit der EU nimmt Lateinamerika trotz gegenteiliger Beteuerungen immer noch eine bescheidene Position ein. So exportierten 2010 die 27 Mitgliedsstaaten der EU mehr Waren in die Schweiz als nach Brasilien und Mexiko zusammen: In die Alpenrepublik flossen Exporte im Wert von 105 Milliarden Euro, nach Brasilien und Mexiko summierten sich die Ausfuhren auf 52 Milliarden Euro. Zu den zehn wichtigsten Handelspartnern der EU gehört nur ein einziges lateinamerikanisches Land, nämlich Brasilien.

Auf dem Gipfel in Santiago versuchte die EU nun, die zunehmende wirtschaftliche Distanz zwischen den beiden Regionen zumindest politisch zu überbrücken. Günther Maihold von der Stiftung Wissenschaft und Politik fordert "einen Neuanfang mit weniger Arroganz": "Der Gipfel ist eine Chance, auf Lateinamerika zuzugehen", erklärt er. Europa müsse sich aufgrund seiner Krise intensiver um Lateinamerika als Partner auf Augenhöhe kümmern. Maihold: "Wenn diese Chance nicht genutzt wird, wird das ermattete Verhältnis nicht bestehen können."

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