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Asien

China stellt sich auf niedrigeres Wachstum ein

Das Wachstum der chinesischen Wirtschaft schwächt sich weiter ab. In Peking ist man darüber nicht beunruhigt, könnte darin doch sogar eine Chance für wirtschaftspolitische Reformbemühungen bestehen.

Zweistellige Wachstumszahlen der chinesischen Volkswirtschaft, wie im Rekordjahr 2007 mit 14,2 Prozent, gehören nach Einschätzung der meisten Experten der Vergangenheit an. Dennoch schaut man immer noch auf China als Wirtschaftsmotor in Zeiten der globalen Flaute.

Dieser Rolle sind aber Grenzen gesetzt, wie die chinesischen Zahlen zum 2. Quartal 2013 sowie die Prognose für 2013 bestätigt haben. Das Wirtschaftswachstum von 7,5 Prozent für das 2. Quartal 2013 setzt einen Trend des Abschwungs fort. Im 1. Quartal betrug der Wert noch 7,7 Prozent, lag aber damit unter den 7,9 Prozent, die im 1. Quartal des Vorjahres (2012) erreicht wurden. Das gesamte Wachstum 2012 von 7,6 Prozent war das niedrigste seit 13 Jahren. Für 2013 werden 7,5 Prozent prognostiziert, nachdem Finanzminister Lou Jiwei bei einem Besuch in Washington kurzfristig für Erstaunen an den Finanzmärkten gesorgt hatte: Er könne sich auch ein Wachstum von sieben Prozent oder "sogar darunter" vorstellen.  

Gelassene Reaktion in Peking

Chinas Premier Li Keqiang in Nanning (Foto: imago/Xinhua)

Chinas Premier Li Keqiang will weg vom nur exportgetriebenen Wachstum

Sind diese Zahlen Grund zur Sorge? Für Peking nicht: Die Daten wiesen auf Stabilität hin und entsprächen den Erwartungen, teilte das staatliche Statistikamt mit. Auch die meisten chinesischen Ökonomen bleiben gelassen und sehen eine langfristige Entwicklung, die durch niedrigeres Wachstum gekennzeichnet sei. "Im Moment sehe ich noch keine Krise", sagt Xu Jin, Kolumnistin des Online-Ablegers der Financial Times, FT Chinese, und fügt hinzu: "Mehr hat der Markt auch nicht erwartet." 

Die chinesische Führung unter Premier Li Keqiang will an ihrer Kursänderung in der Wirtschaftspolitik (für die bereits der Begriff "Liconomics" geprägt wurde) festhalten, eine Kursänderung, die zumindest das Potential für eine weitere Abschwächung der Wirtschaft enthält. So soll es eine Abkehr von massiven Investitionsprogrammen wie 2008/9 geben, als mehr Geld in die Wirtschaft gepumpt wurde als ökonomisch sinnvoll verwendet werden konnte. Die exorbitante Kreditexpansion der vergangenen Jahre soll eingedämmt werden, auch von einer Reform des Finanzsektors ist die Rede.

Auf Reformkurs

Chinesische Autofertigung (AFP/Getty Images)

Chinas Automobilsektor soll Nachfrage im In- und Ausland ankurbeln

China-Expertin Doris Fischer von der Universität Würzburg sagte gegenüber der Deutschen Welle, dass die Reformkräfte innerhalb der Führung "die Tatsache nutzen wollen, dass der Motor stottert." Allerdings sein noch kein schlüssiges Gesamtkonzept erkennbar. "Allein dass man bestimmte Fehler der Vergangenheit nicht wiederholen will, ist noch kein Wirtschaftsprogramm", so die Sinologin.  Auch Wirtschaftsjournalistin Xu Jin konstatiert: "Bis jetzt haben wir noch keinen deutlichen Reformschritt gesehen."

Dazu müssten Steuererleichterungen zur Ankurbelung der Binnennachfrage gehören, meint Wei Sen, Wirtschaftsprofessor der Fudan-Universität in Shanghai. Der Anteil, den der Konsum zum Wachstum Chinas beiträgt, sinke seit Mitte der 90er Jahre, weil das reale Einkommen der Menschen nicht steige. Umso gravierender wirke sich jetzt die schwache Nachfrage aus den Industrienationen, besonders aus Europa, aus.

Industrielle Überkapazitäten

Schiffswerft in Zhejiang (Foto: Xinhua)

Ein Beispiel für Überkapazitäten: Chinas Werftenindustrie

"Das schnelle Wachstum in den letzten Jahrzehnten war vom Export getrieben. Seit der Finanzkrise 2008 aber verlieren die chinesischen Produkte auf dem internationalen Markt zunehmend an Wettbewerbsfähigkeit", so Wei Sen gegenüber der Deutschen Welle. Die Gründe lägen in der Aufwertung des Yuan, in gestiegenen Lohnkosten in China und in der drückenden Steuerlast der Unternehmen. Die Folge: "Überkapazitäten in der Produktion werden ein Riesenproblem für China."

Nach offiziellen Angaben ist davon etwa ein Drittel der gesamten chinesischen Industrieproduktion quer durch alle Branchen betroffen. Der Abbau von Überkapazitäten und das Herunterfahren von großen Investitionsprojekten werden zu einer weiteren Abkühlung der Wirtschaft führen. Wann ist die rote Linie erreicht, fragen sich Beobachter, die die Regierung wegen drohender Unzufriedenheit und Unruhen entlassener Arbeitskräfte zwingt, mit Konjunkturprogrammen zu intervenieren?

"Mit sieben Prozent kommt man gut zurecht"

Junge Chinesen auf Jobmesse in Hefei (Foto: AFP/Getty Images)

Noch herrscht Entspannung auf dem chinesischen Arbeitsmarkt

Lange Zeit galt in China eine Wachstumsrate von acht Prozent als Garantie gegen eine zu hohe Arbeitslosigkeit. Diese Annahme sei aber längst überholt, sagt die Journalistin Xu Jin: "Die Zahl der Jobsuchenden, die neu auf den Arbeitsmarkt drängen, sinkt seit 2012. Die Zahl der Einwohner im arbeitsfähigen Alter ist 2012 gegenüber dem Vorjahr um 3,45 Millionen gesunken." Dadurch verliere China zwar seinen Vorteil billiger Arbeitskräfte, habe aber Entlastung auf dem Arbeitsmarkt. "Mit sieben Prozent Wachstum kommt man also gut zurecht", meint Xu Jin. 

Seit ungefähr zwei Jahren halten immer mehr chinesischen Ökonomen ein Wachstum von sieben Prozent für die kommenden Jahre für realistisch. In spätestens in zehn Jahren sei nur noch fünf bis sechs Prozent Wachstum zu erwarten.

Dies sei die kritische Marke, die man im Auge behalten müsse, um nicht in eine Rezession zu schlittern, sagt Xu Jin. Um ein Mindestniveau zu gewährleisten, meint der Ökonom Wei Sen, werde die Regierung nicht auf staatliche Investitionen verzichten können. Davon ist sie bislang auch noch weit entfernt. So haben die staatlichen Anlageinvestitionen noch offiziellen Angaben im ersten Halbjahr 2013 um über 20 Prozent zugenommen. 

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