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Asien

China save the Queen

China ist für Großbritanniens Zukunft wichtiger, als man es sich auf der Insel eingesteht, meint DW-Kolumnist Frank Sieren.

Li Keqiang in London 17.6.2014

Chinas Premierminister Li Keqiang wurde am 17. Juni 2014 von der britischen Königin Elizabeth II. empfangen

Pünktlich zum zehnjährigen Jubiläum der strategischen Partnerschaft zwischen China und Großbritannien reiste Chinas Premierminister Li Keqiang vergangene Woche zum ersten Mal in seiner Amtszeit nach England. Das Timing könnte kaum besser sein, denn von der Bockigkeit der Briten gegenüber der EU können die Chinesen durchaus profitieren. Und dafür müssen sie nur das tun, was sie am besten können: Investieren und Infrastrukturprojekte finanzieren.

Chinesische Schnellzüge für die Insel

Im Fall von Großbritannien soll eine Hochgeschwindigkeitsstrecke London ab 2026 mit dem Norden des Landes auf Schienen verbinden. Gut 53 Milliarden Euro kostet das Projekt. Ein Highlight für die Insel, hatten doch 1825 die Engländer die Eisenbahn erfunden und waren Welttechnologieführer, bis ihnen die Technik von den Deutschen und Amerikanern geklaut wurde. Im 20. Jahrhundert übernahmen dann die Japaner, Franzosen und Deutschen die Technologieführerschaft. Nun machen die Chinesen den Japanern, Franzosen und Deutschen diese Führung streitig.

Frank Sieren Kolumnist Handelsblatt Bestseller Autor China

DW-Kolumnist Frank Sieren

Dass die Chinesen ins Spiel kommen, liegt nicht unbedingt daran, dass sie die besseren Züge herstellen, sondern vor allem daran, dass sie in der Lage sind, ein solches Projekt zu finanzieren. In dieser Frage kann Cameron nicht mehr auf die Londoner City zählen und aus eigener Kraft kann der britische Staat solche Projekte längst nicht mehr finanzieren. Das Königreich ist mit 89 Prozent vom Bruttoinlandsprodukt verschuldet und die Infrastruktur gammelt vor sich hin. Bei den Europäern will Cameron nicht um Geld bitten.

Und so ist China ein wenig wie früher der reiche Onkel aus Amerika, der einem aus der Patsche hilft. Die von Li unterschriebenen Verträge im Wert von gut 22 Milliarden Euro haben den Schatzminister George Osborne aufatmen lassen, der sich schon seit längerem fragt, wie das verarmte Land die anti-europäischen Eskapaden finanzieren soll, wenn es hart auf hart kommt. Die Chinesen jedenfalls versprechen, dass das Handelsvolumen der beiden Länder im nächsten Jahr von zurzeit 62 Milliarden auf 75 Milliarden Euro steigen soll, auch zugunsten von Großbritannien.

Wechselvolle britisch-chinesische Beziehungen

Ein neuer Bogen in der geschichtlichen Achterbahnfahrt, die England und China hinter sich haben. 1792 wurde George Macartney als Gesandter des britischen Königs vom chinesischen Kaiser wie ein Hausierer abgewimmelt, als dieser die Aufnahme gleichberechtigter Handelsbeziehungen mit China vorbereiten sollte. 1839 dann zwang Großbritannien China mit ein paar Kanonenbooten in die Knie und machte sich als Kolonialmacht in Chinas Hafenstädten breit. Die Letzte, Hongkong, gaben sie erst 1997 an China zurück. Und eineinhalb Dekaden später hängt die finanzielle Zukunft des Landes mehr und mehr am Wohlwollen der Chinesen. Und dabei geht es nicht nur um Infrastruktur, sondern auch um die Frage, ob Frankfurt oder London der Handelsplatz für die neue Weltwährung Yuan ist. Und generell um die Frage, wie wettbewerbsfähig der Bankenplatz London - das letzte wirtschaftliche Asset Englands gegenüber Hongkong und Singapur - bleiben wird.

Und sollte der unwahrscheinliche Fall eintreten, dass Großbritannien aus der EU austritt, wird es jedenfalls noch abhängiger von chinesischem Geld sein. Dass für die Chinesen im Zweifel Europa wichtiger ist als England, haben sie bereits protokollarisch deutlich gemacht: Der Staatspräsident Xi Jinping ist vor einigen Wochen nach Deutschland gereist und nicht nach Großbritannien. Das erledigt nun der Premierminister. Dass eine solche Abhängigkeit von China ebenso große Nachteile wie Vorteile haben kann, zeigt sich am Beispiel Russlands. Wladimir Putin musste vor einigen Wochen regelrecht darum betteln, noch eine Chance zu bekommen, um den Gasdeal mit China abzuschließen.

China wird in Zukunft auf jeden Fall profitieren

In welche Richtung David Cameron auch marschiert, für China ist es eine Win-Win-Situation: Denn wenn der Inselstaat in der EU bleibt, hat China auch an Einfluss in Brüssel gewonnen. Die Briten haben bereits zugesagt, dass sie dafür kämpfen, dass es ein Freihandelsabkommen zwischen Europa und China gibt. Eine Idee, gegen die sich Festlandeuropa bisher wehrt.

Cameron jedenfalls tut fast alles, um Peking bei Laune zu halten. Als das chinesische Protokoll darauf bestanden hat, dass Premier Li auch mit Queen Elisabeth II. zusammentrifft, machten sie das möglich. Obwohl das Protokoll der Monarchin eigentlich vorsieht, dass sie jedes Jahr nur zwei internationale Gäste empfängt. Mit dem chinesischen Besuch ist ihr Kontingent für dieses Jahr also ausgebucht, denn sie hatte im Frühjahr bereits Besuch: Aus Deutschland, als Angela Merkel zum Staatsbesuch auf die Insel reiste.

Die königliche Besucherliste ist ein Abbild der neuen weltpolitischen Machtverhältnisse. China wird immer wichtiger. Und Deutschland ist der mächtigste Gegenspieler in Europa. Dass die Deutschen auf ihre Sparpolitik bestehen und auf engere Zusammenarbeit in Europa drängen, ärgert die Briten. Als Wirtschaftsmacht abgehakt, hängt man immer noch an alten Zeiten, in denen für alle auf der Welt die Vorwahl für Europa 0044 war.

Das hat sich mittlerweile geändert. Wer etwas von Europa möchte, der geht - noch bevor er in Brüssel aufschlägt - erst einmal die deutsche Kanzlerin besuchen. Und die USA, die alten Widersacher, die den Briten den Weltmachtstatus abgeluchst haben, und neuen Freunde, wenn es um die Schwächung Europas geht. Die aber nicht mehr in der Lage sind, wie in den vergangenen 70 Jahren, das Königreich finanziell und politisch genug zu unterstützen. Mit den USA geht es nicht, mit Deutschland passt es nicht - bleibt also nur China.

Unser Korrespondent Frank Sieren gilt als einer der führenden deutschen China-Spezialisten. Er lebt seit 20 Jahren in Peking.