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Asien

China: Internetzensur als Eigentor

In China boomt die Internetbranche. Zugleich wird die Internetzensur verschärft, ausländische Chat-Dienste werden ausgebootet. Kritiker meinen: Das könnte letztlich der gesamten Volkswirtschaft Chinas schaden.

Laut Quartalsbericht des chinesische Internetkonzerns Tencent vom August dieses Jahres hat "WeChat" - das chinesische Pendant der vor allem bei Jugendlichen im Westen beliebten Nachrichtenapp "WhatsApp" - die 200-Millionen-Nutzergrenze außerhalb Chinas geknackt. Noch vor einem Jahr hatte diese App erst 100 Millionen Nutzer im Ausland. Nach

Unternehmensangaben

benutzen weltweit inzwischen 438 Millionen Smartphone-User den chinesischen Chat-Dienst. Zum Vergleich: Der derzeitige Marktführer WhatsApp hat zurzeit etwa 500 Millionen aktive User.

Während Chinas Internet-Branche auch nach außen expandiert, werden die politischen Regeln für die Internet-Kommunikation im Innern verschärft. Anfang August gab das chinesische Staatsamt für Internet und Information eine neue Regelung für Chat-Dienste bekannt. Demzufolge dürfen ausschließlich registrierte Medienorganisationen in China aktuelle Nachrichten per Chat-Dienst verbreiten. Außerdem müssen sich private Nutzer bei dem Anlegen eines Benutzerkontos mit ihrem echten Namen registrieren und diesen verifizieren lassen.

Nach Angaben der staatlichen chinesischen Nachrichtenagentur Xinhua sind bereits mehrere WeChat-User verhaftet worden. Sie sollen "Gerüchte aus ausländischen Medien verbreitet haben“. Der Bericht von Xinhua verweist ausführlich auf die neuen Regelungen für die Chat-Dienste und betont, diese schützten die "angemessene Meinungsfreiheit." Nach der Verkündung dieser neuen Regelung gab der Aktienkurs von Tencent leicht nach. Finanzexperten fürchten, schärfere Regulierungen könnten das boomende Geschäft von WeChat bremsen und Smartphone-User auf andere Dienste ausweichen lassen.

Ausländische Chat-Apps in China nicht erwünscht

Elektronische Anzeigetafel mit Finanzdaten in China (Foto: STR/AFP/GettyImages)

Internetzensur beschäftigt auch die Finanzmärkte in China

Nur: Was wären die Alternativen? Andere chinesische Chat-Dienste sind von der neuen Regulierung genauso betroffen wie WeChat. Ausländische Apps können nur mit Schwierigkeiten genutzt werden. Seit einigen Monaten sind in China beliebte Chat-Apps wie "Line" aus Südkorea oder "KakaoTalk" aus Japan nicht mehr nutzbar. Die chinesische Regierung rechtfertige die Sperrung mit dem Kampf gegen den Terror. Angeblich würden auch Terroristen die Dienste von "Line" und "KakaoTalk" nutzen. Die südkoreanische Nachrichtenagentur Yonhap will erfahren haben, dass China und Korea jetzt über diplomatische Kanäle über "Line" sprechen wollen. Möglicherweise könne die Sperrung bald aufgehoben werden, hofft Yonhap.

"Die Regierung will die User zu einheimischen Web-Diensten drängen", vermutet der Software-Entwickler Hao Peiqiang aus Shanghai. Gegenüber der Deutschen Welle erklärt Hao, chinesische IT-Unternehmen betrieben ihre Dienste in chinesischen Rechenzentren, die schon seit Jahren unter strenger Kontrolle der Regierung stehen.

Nicht nur Chat-Apps, auch andere ausländische Online-Dienste sind in China stark eingeschränkt oder sogar vollständig blockiert. Zum Beispiel ist Googles Email-Dienst in China in unregelmäßigen Abständen nicht erreichbar. In den Augen vieler User ist Gmail daher instabil, so dass sie zu chinesischen Email-Anbietern wechseln. Ein anderes Beispiel ist Youtube: Viele Chinesen kennen die in China blockierte Video-Plattform überhaupt nicht. Stattdessen nutzen sie täglich chinesische Video-Portale wie Youku oder Tudou, die streng über die Inhalte wachen.

Gefährliche Isolation

Chat-App KakaoTalk (Foto: dpa)

Beliebt, aber gesperrt: die japanische App "Kakao Talk"

Seit neuestem sind auch ausländische Cloudspeicher-Dienste unter Druck, das heißt immer wieder mal nicht zu benutzen, unter anderem Dropbox und Microsoft OneDrive. Zwar trieben solche Maßnahmen mehr User zu chinesischen Online-Diensten. Zugleich aber schädigten sie auch die IT-Industrie, betont Software-Entwickler Hao Peiqiang. “Früher hatte die chinesische Regierung noch Bedenken, zu scharfe Kontrollen könnten die junge Internet-Branche ruinieren. Aber mittlerweile können die meisten User-Bedürfnisse durch einheimische Online-Dienste erfüllt werden. Die Behörden glauben, die chinesische IT-Branche sei schon sehr stark und nicht mehr von ausländischen Diensten abhängig.”

Genau dieser Gedanken aber sei gefährlich, meint der Shanghaier IT-Experte. “Es herrscht zurzeit in China eine Euphorie, als wäre die Konjunktur unabhängig von der Außenwelt. Das könnte uns wieder in die Isolation führen”, warnt Hao Peiqiang. In der derzeitigen Phase eines Innovationsschubes in Internetbranche könne diese Isolation ein Problem für Chinas Wirtschaft werden, nicht nur für die IT-Industrie.

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