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Asien

China im Fußballfieber

Die Chinesen sind fußballverrückt, aber China spielt im internationalen Fußball keine Rolle. Und das wird sich auch nicht ändern, meint DW-Kolumnist Frank Sieren.

Dass eine politische Weltmacht auch eine erfolgreiche Fußballmannschaft haben muss, ist natürlich nicht selbstverständlich. Das beste Beispiel dafür sind die USA. Unter Nationalcoach Jürgen Klinsmann ging es in den vergangenen Jahren zwar ein bisschen Berg auf. Immerhin haben sich die US-Soccer für die WM in Brasilien qualifiziert. Doch wenn sie die Gruppenphase überstünden, wäre das schon einer Überraschung. Die USA werden wohl auch immer ein Fußballzwerg bleiben, was dort aber auch niemanden stört. Die Volkssportarten in den USA sind bereits vergeben: Wer in den USA ein hohes politisches Amt anstrebt, muss stets in der Lage sein, mit einen sauberen First-Pitch ein Baseballspiel zu eröffnen. Und auch Präsident Barack Obama hätte wohl für Kopfschütteln gesorgt, wenn er nach seinem Amtsantritt eine Torwand statt einen Basketballcourt im Garten des Weißen Hauses aufgebaut hätte. Fußball? Forget about it.

Millionen verfolgen nachts die WM

In China ist die Lage anders: Die Chinesen wollen, aber können nicht. Zuletzt hat sich die Volkrepublik vor zwölf Jahren für eine Weltmeisterschaft qualifiziert. Doch anders als in den USA schlägt den Chinesen diese schlechte Leistung ihrer Mannschaft kräftig aufs Gemüt. Denn in ganz Asien gibt es kein Land, in dem die Begeisterung für Fußball größer ist. Allein das Eröffnungsspiel zwischen Brasilien und Kroatien verfolgten wieder Millionen Chinesen live vor dem Fernseher - obwohl sie schon um 4 Uhr morgens dafür aufstehen mussten. Ganz nach dem Vorbild der Krake Paul, wird ein Panda vor jedem Spiel als Orakel befragt. Und seit Wochen werden auf Chinas eBay, der Handelsplattform Taobao, gefälschte Arztatteste gehandelt. Eine Krankschreibung bis zum Finale am 13. Juli kostet dort umgerechnet 150 Euro.

Das Fußballfieber ist nicht nur ein WM-Phänomen: Wenn in Pekings Arbeiterstadion die lokale Mannschaft Beijing Guoan auf einen der Gegner der chinesischen Superliga trifft, dann liegt der Ostteil der 21 Millionen-Stadt regelmäßig für Stunden lahm. Zwischen den Busladungen von Fans, hupenden Autos und schimpfenden Taxifahrern gibt es kein Durchkommen mehr. Auch bei Heimspielen der Guangzhou Evergrandes in Südchina oder der Shanghai Shenhua sieht es nicht anders aus.

Buchautor Frank Sieren

DW-Kolumnist Frank Sieren

Diese Begeisterung reicht weit zurück. Schon Mao Zedong stand in seiner Universitätsmannschaft im Tor. Sein Nachfolger Deng Xiaoping soll als Auslandstudent sein letztes Geld zusammengekratzt haben, um sich ein Ticket für ein Fußballmatch während der Olympischen Spiele 1924 in Paris zu leisten. Fußball steht sogar auf der To-Do-Liste von Chinas Präsident Xi Jinping. Der sagte bereits im Jahr 2011, zwei Jahre vor seinem Amtsantritt also, dass er in Bezug auf den Fußball drei Herzenswünsche hätte. Erstens: mal wieder an einer WM teilnehmen. Zweitens: eine WM im eigenen Land ausrichten. Drittens: eine WM gewinnen.

Doch selbst wenn es Xi ernst mit diesem Plan meint. An dieser Stelle ist wohl ein Punkt erreicht, an dem selbst die Macht der Kommunistischen Partei erschöpft ist. Die Chinesen werden auf absehbare Zeit Fußballnieten bleiben. Denn in der Logik Pekings ist ein sportlicher Erfolg zwar ebenso planbar wie ein politischer. Und dafür scheinen auf den ersten Blick die Olympischen Spiele 2008 im eigenen Land, in denen chinesische Athleten einen neuen Goldmedaillenrekord aufstellten, auch der beste Beleg zu sein. Es mag zwar funktionieren, wenn das Riesenreich die 3000 besten Gewichtheber, die 3000 besten Turner und die 3000 besten Schwimmer des Landes jahrelang hart trainieren lässt und dann einfach die Besten ins Turnier schickt. Fußball allerdings ist ein Mannschaftsport. Für die chinesische Generation der Einzelkinder ein Riesenproblem. Zuhause haben sie nicht gelernt zu teilen. Und auf dem Platz werden sie wohl nicht mehr lernen, im richtigen Moment den Pass zu spielen. Für dieses Problem gäbe es natürlich eine Lösung: Die großen Vereine des Landes müssten ihre Nachwuchsarbeit auf den Kopf stellen.

Vereine schwimmen im Sponsorengeld

Doch das ist unwahrscheinlich. Denn sie haben für ihren Erfolg längst eine viel bequemere Lösung gefunden. Weil die Wirtschaft boomt, werden die Clubs in der chinesischen Super League zwar mit Sponsorengeldern überhäuft. Erst vergangene Woche kaufte der größte Onlineplattformanbieter Alibaba 50 Prozent Anteile des amtierenden chinesischen Fußballmeisters Guangzhou Evergrande. Doch bislang legen sie das Geld nicht besonders weise an. Statt gute Nachwuchsabteilungen aufzubauen, werden ausschließlich ausländische Stars gekauft. Bei diesen Voraussetzungen scheint es aussichtlos, dass Chinas Nationalteam jemals konkurrenzfähig wird. Das ist ein wenig so wie in der Autoindustrie: die chinesischen Autohersteller haben sich VW, Audi, BMW und Daimler geholt. Mit Ergebnis dass Audi & Co erfolgreich sind und die Chinesen immer noch keine Autos bauen können.

Gut bezahlte Trainer aus dem Ausland wie der Jugoslawe Bora Milutinović oder der italienische Marcello Lippi haben zwar geschafft, die chinesische Nationalelf 2002 für die Endrunde der WM zu qualifizieren oder Fußballmeister innerhalb Chinas zu schaffen. Doch danach ist Schluss. Es ist ein Rätsel, aber Sie können es einfach nicht. Selbst Otto Rehhagel, der sogar den Griechen das Fußballspiel beibrachte, würde in China haushoch scheitern.

Unser Korrespondent Frank Sieren lebt seit 20 Jahren in Peking.