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EU-Referendum

China für "starkes und vereintes Europa"

Nach Deutschland ist Großbritannien Chinas zweitgrößter Handelspartner in der EU. London ist Sitz vieler chinesischen Tochterfirmen. Ein "Brexit" käme China deshalb sehr ungelegen.

Die Stimmung im Schloss Windsor ist gut, ja euphorisch. Das britische Königshaus hat hohe Gäste aus China. Prinz Andrew, der zweite Sohn von Königin Elisabeth II., empfängt in seiner inoffiziellen Funktion als Handelsbeauftragter des Königreiches eine Gruppe privater Unternehmer aus China - Investmentbanker, Maschinenbauer, Milchproduktehersteller. Zuvor hatten die Gäste an einem Treffen britischer und chinesischer Wirtschaftsführer teilgenommen. Großbritannien sei Chinas enger Freund, "wir müssten nun die Wirtschafts- und Handelsbeziehungen der nächsten Generation schmieden", so Prinz Andrew bei seiner Tischrede laut der Webseite der chinesischen Firma Tencent.

Das Wirtschaftstreffen und der königliche Empfang fanden drei Wochen vor dem Referendum über den Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union statt. Bei dieser Gelegenheit äußerte die chinesische Seite sich diplomatisch verpackt über ihre Einstellung zum Thema Brexit. Wang Qinmin, Vorsitzender des chinesischen Unternehmerverbands ACFIC, gab dem "Wunsch Chinas nach einem starken und vereinten Europa" Ausdruck.

Xi Jinping und David Cameron (Foto: Reuters)

Xi Jinping und David Cameron

China als Großinvestor in Großbritannien

Bereits bei seinem Treffen mit dem britischen Premierminister David Cameron im vergangenen Oktober in London hatte Staatspräsident Xi Jinping Großbritannien indirekt aufgefordert, in der EU zu bleiben. Ein für die chinesische Politik ungewöhnlicher Schritt. Er steht doch im Gegensatz zum chinesischen Grundsatz der Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten anderer Länder.

Großbritannien ist als Standort für chinesische Auslandsinvestitionen sehr beliebt, unter anderem deshalb, weil die benötigten Unterlagen nur auf Englisch vorliegen müssen und die meisten Entscheidungsträger der englischen Sprache mächtig sind. Zu den größten chinesischen Investitionen beziehungsweise Investitionsvorhaben im Königreich gehört die Errichtung des Kernkraftwerks Hinkley Point C südlich von Bristol in Kooperation mit dem französischen Stromkonzern EDF.

Der chinesische Atomkonzern CNG will sich mit 7,6 Milliarden Euro an der Finanzierung beteiligen. Chinas staatlicher Eisenbahnbauer CSR erwarb 2015 die Mehrheit an der britischen Firma SMD, die auf Maschinen für die Tiefseeexploration spezialisiert ist. Der private Autohersteller Geely, der 2013 die London Taxi Company in Coventry übernahm, investierte 2015 umgerechnet über 300 Millionen Euro, um Elektrotaxis für London zu bauen.

Großbritannien will mit Chinas Kapital den wirtschaftlich angeschlagenen und strukturschwachen Norden unterstützen. Seit Mitte Juni besteht ein Direktflug zwischen dem nördlichen Industriestandort Manchester und Peking. Damit ist Manchester die zweite britische Stadt neben London mit einer Linienflugverbindung nach China.

Bankenviertel in London (Foto: dpa)

Bankenviertel in London

Viele Gründe sprechen aus Sicht Pekings gegen Brexit

Experten sagen, dass chinesische Investitionen auf der Insel bislang auch vom Zugang zum europäischen Binnenmarkt profitiert haben. Deshalb sei das Referendum über den "Brexit" am 23. Juni für China "ein Grund zur Besorgnis", sagt Jan Gaspers, Chinaexperte am Berliner MERICS-Institut, gegenüber dem WDR.

Auch Zhang Zuqian vom Shanghaier Ostasien-Institut bestätigt diese Einschätzung: "China und Großbritannien konnten deswegen so enge Wirtschaftsbeziehungen aufbauen, weil Großbritannien ein EU-Land ist." Aber für Peking gehe es um mehr als nur um günstige Rahmenbedingungen für Investitionen, sagt Zhang: "Die chinesische Europapolitik fußt darauf, dass selbstständige Staaten in einer starken Union vereint sind, als Element einer multipolaren Weltordnung."

Peking sieht in London einen zuverlässigen Rückhalt Chinas in der EU, vor allem bei heiklen Themen: "Gespräche über die Menschenrechte haben praktisch in den vergangenen zwei Jahren nicht stattgefunden", sagt Gaspers, der das Forschungsprogramm "Europäische Chinapolitik" am MERICS-Institut leitet.

Atomkraftwerk Hinkley Point in England (Foto: Simon Chapman/LNP)

Atomkraftwerk Hinkley Point in England

China setzt auf Finanzplatz London im EU-Rahmen

Chinas Wirtschaft setzt anscheinend darauf, dass die Briten am 23. Juni gegen den "Brexit" stimmen werden. Dafür sprechen verstärkte Londoner Aktivitäten im chinesischen Bankensektor. So übernahm Chinas Staatsbank ICBC im Mai von der britischen Bank Barclay's das physische Goldgeschäft, inklusive einen Tresor für die Aufbewahrung von bis zu 2000 Tonnen des Edelmetalls.

Spekuliert wird außerdem laut der Webseite des chinesischen Internet-Unternehemens Tencent über eine Großfusion von in London ansässigen Banken mit chinesischer Beteiligung. Damit wolle man das in der Londoner City konzentrierte Finanz-Knowhow für chinesische Investoren sichern.

Dong Wenbiao, einer der Investmentbanker, die in Schloss Windsor ebenfalls zu Besuch waren, will die Europazentrale für seine "China Minsheng Investment Group" (CMI) in London eröffnen. Der Finanzdienstleister verwaltet 7,1 Milliarden Euro, um vor allem Auslandsprojekte chinesischer Privatwirtschaft zu finanzieren. Zu seinen Beratern gehören laut Firmenangaben unter anderem Italiens Ex-Ministerpräsident Romano Prodi, der auch Präsident der EU-Kommision war, und Frankreichs Ex-Premierminister Dominique de Villepin. Beide dürften als gestandene Europäer wohl wissen, was sie dem chinesischen Investor empfehlen sollen.

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