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Asien

China – Ende vom Billiglohnland?

In China steigen die Löhne im Durchschnitt über 20 Prozent pro Jahr. China schüttelt seine Rolle als Billiglohnland Nummer eins ab. Jetzt werden aus Produzenten mehr und mehr Konsumenten.

Von solchen Lohnsteigerungen können deutsche Arbeitnehmer nur träumen: Am 1. Januar hat die Pekinger Stadtregierung den Mindestlohn um 8,6 Prozent erhöht. Am 1. Februar folgt die Sonderwirtschaftszone Shenzhen im Süden Chinas dem Beispiel der Hauptstadt. Die Lohnuntergrenze für einfache Arbeit wird dort auf 1500 Yuan pro Monat angehoben, das sind rund 185 Euro.

Chinesische Arbeiterin in einer Textilfabrik (Foto: newscom picture alliance)

Ausgebildete Arbeitskräfte sind in China heiß begehrt

Die Löhne in China steigen rasant. Nach Statistiken des Ministeriums für Arbeit und soziale Sicherheit stiegen die Löhne im vergangenen Jahr landesweit um gut 20 Prozent. Hauptgrund für diese Entwicklung sei der zunehmende Arbeitskräftemangel in China, sagt der chinesische Arbeitsmarktexperte Liu Kaiming vom Institute of Contemporary Observation in Shenzhen. "Man sieht, dass seit dem Jahr 2004 die Menschen, die nach 1980 geborenen sind, die Hauptarbeitskraftgruppe ausmachen. Aber wegen der Geburtenplanung schrumpft die Zahl der Arbeitskräfte."

Der Arbeitskräftemangel macht sich besonders im Niedriglohnsektor bemerkbar. In der Textilbranche aber auch in der Spielzeugindustrie zieht es wegen steigender Löhne immer mehr Unternehmen nach Vietnam, Kambodscha oder Bangladesch. China als Billiglohnland Nummer eins – diese Zeiten sind offenbar vorbei. Die chinesische Führung fördert Lohnsteigerungen aktiv. Sie will Unruhen vermeiden und den Druck zur Einführung höherwertiger Technologien erhöhen.

"Made in America – again"

Sogar der jahrelange Exodus amerikanischer Industrieunternehmen nach China ist gestoppt. Die Boston Consulting Group veröffentlichte im Dezember letzten Jahres einen Bericht unter dem Titel "Made in America, again". Darin schreiben die Autoren, dass US-Industrieunternehmen für den heimischen Markt zunehmend wieder in Nordamerika produzieren. Hauptgrund dafür sei, dass der Produktivitätszuwachs in China die stark steigenden Löhne nicht kompensieren kann. In den USA hingegen sinken die Löhne; gleichzeitig steigt dort die Produktivität. Hinzu kommen die Aufwertung des chinesischen Yuan und der schwache Dollar.

Hal Sirkin, einer der Autoren der Studie rechnet damit, dass bis 2015 die Produktionskosten in China bei einem Großteil der Produkte nur noch 10 Prozent geringer sind als in den USA. "Wenn sie dann noch die Kosten hinzufügen für den Transport, für das Risiko von Produktpiraterie, für die drei Monate, bis die Produkte verschifft sind und für die Tatsache, dass sie 8000 bis 10.000 Kilometer von den Kunden entfernt sind, dann spielen diese 10 Prozent keine Rolle mehr." Dann sei es egal, ob man in China oder in den USA produziere.

Steigender Konsum

In der deutschen Industrie lässt sich ein Trend wie in den USA nicht beobachten, sagt Alexandra Waldmann vom Asien-Pazifik-Ausschuss des Bundesverbandes der deutschen Industrie. Im Gegenteil: Die Investitionssummen steigen. Deutsche Unternehmen produzieren in China hauptsächlich im Hochtechnologiesektor und müssen dementsprechend ohnehin hohe Gehälter zahlen. Für diese Firmen spiele die Qualifizierung der Mitarbeiter eine größere Rolle als die Frage des Lohnniveaus, so Waldmann.

Arbeiter am Fließband bei Ford in Chonqing, China (Foto: Jing aiping/Imaginechina)

Der amerikanische Autohersteller Ford produziert in Chonqing, China

Hinzu komme, dass deutsche Unternehmen in China zum größten Teil Mittelständler seien, die Standortentscheidungen langfristig treffen, so Waldmann. Schon, weil die Aus- und Fortbildung der Mitarbeiter ein langwieriger Prozess ist. "Wenn man erst einmal qualifizierte Kräfte ausgebildet hat, die Hochtechnologieprodukte herstellen können, ist es auch nicht so einfach, dort wieder wegzugehen und sich das woanders aufzubauen", erläutert Waldmann gegenüber DW-WORLD.DE.

Aber Lohnsteigerungen in China können sich für ausländische Unternehmen durchaus positiv auswirken. Steigende Löhne sorgen für Kaufkraft in den Taschen chinesischer Konsumenten und machen den chinesischen Markt noch interessanter. Aus den einstigen Produzenten werden Konsumenten.

Deshalb bedeute eine Rückkehr US-amerikanischer Industrieunternehmen in die Heimat nicht zwangsläufig, dass Fabriken in China geschlossen werden, so Hal Sirkin von der Boston Consulting Group. Die US-Fabriken in China würden künftig eben den asiatischen Markt bedienen. Die USA hingegen würden in Zukunft zunehmend wieder zum Produktionsstandort für den nordamerikanischen Markt, prognostiziert der Analyst.

Autor: Christoph Ricking
Redaktion: Matthias von Hein

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