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Asien

China dominiert "Bollwerk gegen den Westen"

Der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SCO) ist die US-Präsenz in Afghanistan ein Dorn im Auge. Doch zurzeit begrüßt sie das westliche Engagement, sagt Afghanistan-Experte Conrad Schetter gegenüber DW-WORLD.DE

Portrait Conrad Schetter (Foto: DW)

Das Gewicht Chinas in Zentralasien wächst, meint ZEF-Afghanistan-Experte Conrad Schetter

DW-WORLD.DE: Die Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SCO) wurde vor zehn Jahren gegründet. Ziel der Mitgliedstaaten China, Russland, Usbekistan, Kirgistan, Kasachstan und Tadschikistan war, den Einfluss der USA in Zentralasien einzudämmen. Zurzeit stehen aber mehr als 100.000 US-Soldaten vor den Toren der zentralasiatischen Staaten, in Afghanistan. Wie steht die Shanghaier Organisation heute zum Einsatz der NATO und der USA in Afghanistan?

Conrad Schetter: Die eine Ebene ist das militärische Engagement: Die Russen und auch die Chinesen, also die starken Kräfte in der Shanghaier Organisation, werden sich aus dem militärischen Engagement in Afghanistan heraushalten. Man ist eigentlich ganz froh darüber, dass die Amerikaner gegenwärtig sozusagen "die heißen Kohlen aus dem Feuer holen". Gleichzeitig ist man bemüht, eine Art "Cordon Sanitaire“, also eine Art Barriere in Zentralasien aufzubauen und den Amerikanern sehr deutlich zu machen, dass ein weiteres Engagement in Zentralasien nicht gewünscht wird.

DW-WORLD.DE: Demnach sollen die Amerikaner die Fundamentalisten und Terroristen in Afghanistan besiegen, dann aber das Feld räumen und Afghanistan den Chinesen, Russen und anderen Regionalmächten überlassen - ist das das Kalkül der Shanghaier Gruppe?

Das ist tatsächlich die Kalkulation. Die NATO oder die Amerikaner sollen in Afghanistan die Drecksarbeit leisten und danach will man die Region kontrollieren - hier sind vor allem die Chinesen zu nennen.

DW-WORLD.DE: Wie schätzen Sie die Aussichten dieser Taktik ein?

Ich denke, diese Rechnung wird nicht aufgehen. Die Amerikaner machen schon lange deutlich, dass sie eine langfristige Stationierung in Afghanistan beanspruchen. Ich gehe davon aus, dass die USA auch nach 2014 mit einem begrenzten Kontingent von bis zu 30.000 Mann in Afghanistan präsent sein werden. Geopolitisch gesehen ist Afghanistan ist außerordentlich wichtig für die Region: Es grenzt an so viele Atommächte wie kein anderes Land. Hinzu kommt der enorme Energie- und Ressourcenreichtum in Zentralasien, und wir haben mit Pakistan ein sehr schwaches Nachbarland. Vieles spricht dafür, dass die Amerikaner ein Interesse haben, sich langfristig in der Region einzunisten.

DW-WORLD.DE: Die Mitglieder der Shanghaier Organisation sind untereinander zum Teil verfeindet. Jetzt sollen noch Pakistan, Indien und der Iran dazu kommen – Staaten, die alle eigene Ziele in der Region verfolgen. Kann die Organisation mit so vielen verschiedenen Interessen eine eigene und einheitliche Politik für Afghanistan entwickeln?

Zurzeit kann sie das nicht. Ich denke, die Shanghaier Organisation war bisher vor allen Dingen ein symbolischer Zusammenschluss, um gerade den Amerikanern gegenüber ein Gegengewicht zu bilden. Was wir gegenwärtig erleben, ist eine Ausbalancierung innerhalb des Bündnisses, wer das Sagen hat und wer nicht. Es stellt sich heraus, dass China immer stärker in Führung geht. Die verschiedenen Regierungschefs, die zum 10-jährigen Jubliäumstreffen der Organisation nach Kasachstan gereist sind, haben alle zuerst den chinesischen Präsidenten hofiert. Daran zeigt sich deutlich, wie stark das Gewicht Chinas ist. Ich denke, es wird noch einige Jahre dauern, bis die Shanghaier Organisation wirklich arbeiten kann. Aber dann wird die Politik der chinesischen Regierung für Afghanistan und Zentralasien ausschlaggebende Bedeutung für diese Region gewinnen.

Dr. Conrad Schetter ist Afghanistan-Experte im Zentrum für Entwicklungsforschung (ZEF) an der Universität Bonn.

Das Interview führte Ratbil Shamel
Redaktion: Ana Lehmann