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Asien

China braucht Amerika, Amerika braucht China

Das Treffen von Chinas Staatschef Hu Jintao und US-Präsident Barack Obama in Washington ist auch Thema auf den Kommentarseiten der deutschen und internationalen Tageszeitungen.

Titelseiten diverser Tageszeitungen (Foto: dpa)

Neue Osnabrücker Zeitung:

Großer Bahnhof in Washington. Salutschüsse und Bankett im Weißen Haus für Chinas Staatschef Hu. Viel wird anlässlich des Treffens vom Niedergang der USA und vom Aufstieg Chinas gesprochen. Aber das ist überholte Theorie. Vielmehr trifft zu, dass die USA und China ohne einander nicht mehr können. Das verdeutlichen schon die Milliarden-Aufträge, die Hu für US-Unternehmen mitbrachte. Sie kommen als Geschenk daher, dienen aber auch der chinesischen Wirtschaft. Die Verträge sind so umfangreich, dass sie wie ein kleines Konjunkturpaket wirken. Über 200 000 Arbeitsplätze sollen sie in den USA sichern. Davon profitiert auch China, weil eine starke US-Wirtschaft wieder mehr im Reich der Mitte produzieren lässt. Außerdem wird der Dollar aufgewertet - Peking hält Milliarden-Reserven. Weil die Volkswirtschaften so eng verflochten sind, ist auch der Handlungsspielraum in Militärfragen begrenzt. Die USA haben keinen Hebel, um gegen die ehrgeizigen Rüstungsprojekte Chinas vorzugehen. Im Westen löst das oft Sorgen aus. Doch eine militärische Konfrontation ist schon aufgrund der wirtschaftlichen Verflechtungen unwahrscheinlich. Die USA haben in den vergangenen Jahren eine kluge China-Politik betrieben. Sie haben den Aufstieg des Landes akzeptiert, weil er unvermeidlich ist. Sie haben China an sich gebunden - und dafür Handlungsfreiheit aufgegeben. Das ist kein Niedergang. Das ist gute Sicherheitspolitik.

Rheinische Post, Düsseldorf:

China kennt ein atemberaubendes demografisches und wirtschaftliches Wachstum. Es überholt seine Nachbarn, bringt die althergebrachte Machtbalance ins Wanken. Der neue Riese giert nach Anerkennung, will mehr Einfluss, lässt militärisch die Muskeln spielen. Ein Land, das Angst macht. China 2011? Nein, das wilhelminische Kaiserreich, dessen Streben nach einem "Platz an der Sonne" dazu beitrug, Europa 1914 in den Ersten Weltkrieg zu stürzen. Der Vergleich hinkt, zum Glück. Doch manches im Verhalten der aufstrebenden Großmacht weckt ungute Erinnerungen, vor allem in den USA. Die schwächelnde Weltmacht fühlt sich von der kraftstrotzenden Volksrepublik unter Druck gesetzt, von deren Staatskapitalismus an die Wand gedrängt. Die Amerikaner haben begriffen, dass keines der globalen Probleme noch ohne die Chinesen zu lösen ist. Doch vom Aufbau einer neuen Partnerschaft, einer "G-2", von der Obama noch unlängst träumte, ist bisher nichts zu sehen. Man wird sich irgendwie arrangieren, wirtschaftlich und politisch. Keine Kompromisse darf es dagegen bei den Werten geben. Dass chinesische Vorstellungen von Bürgerrechten und Volksdemokratie weltweit Schule machen, davor muss man wirklich Angst haben.

Neue Westfälische, Bielefeld:

Es liegt noch gar nicht lange zurück, dass die USA und China als neues Traumpaar der Weltpolitik galten. Vor allem Washingtons Denkfabriken schwärmten von "Chimerica", der Kombination von alter und neuer Supermacht, ohne deren abgestimmtes Zusammenspiel auf dem Globus nicht mehr viel geht. Längst ist diese Vision zerplatzt. Die letzten Monate haben die tiefen Risse im Verhältnis der beiden Mächte, die ohne Zweifel den Verlauf dieses Jahrhunderts prägen werden, offenbart. Misstrauisch und argwöhnisch belauern sich die USA und China. Erkennbar haben die USA dabei Mühe, sich mit dem rasanten Aufstieg Chinas zur neuen wirtschaftlichen Supermacht abzufinden, die dem krisengeschüttelten Amerika den angestammten Platz streitig macht. Der Staatsbesuch des chinesischen Präsidenten in den USA kommt daher zu einem kritischen Zeitpunkt. Aber Chinas Präsident Hu, der im nächsten Jahr abtritt, hat kein Interesse daran, seinem Nachfolger einen Scherbenhaufen im amerikanisch-chinesischen Verhältnis zu hinterlassen. Aufs engste verzahnt sind die beiden Volkswirtschaften. Das hochverschuldete Amerika braucht Chinas Geldspritzen, Chinas brummender Exportmotor braucht Amerikas Märkte. Hahnenkämpfe um den Platz an der Spitze können da nur schaden.

Neue Zürcher Zeitung, Zürich:

In den letzten zwei Jahrzehnten haben die wechselseitigen Abhängigkeiten noch eine zusätzliche Dimension erhalten. Chinas zunehmend marktwirtschaftliches und wettbewerbsorientiertes, ab trotzdem vom Staat und seiner "kommunistischen" Einheitspartei stark gelenktes System hat bewusst die billigen Löhne langsamer wachsen lassen als die Wirtschaftsleistung und zudem den Wechselkurs strukturell unterbewertet gehalten. Das generiert chronische Handelsbilanzüberschüsse. Diese haben es China erst ermöglicht, der Welt größte Devisenreserven anzuhäufen, die nun irgendwie im Ausland angelegt werden müssen. So ist die ziemlich paradoxe Situation entstanden, dass das relativ arme China zum größten Gläubiger des Schatzamts der reichen USA geworden ist.

Washington Post:

Auf die Frage, inwieweit Chinas rigider Umgang mit seinen Bürgern Einfluss auf die Beziehungen beider Länder hätten, antwortete einer der beiden Präsidenten nur oberflächlich. Er hatte Entschuldigungen für Peking im Gepäck und meinte, das die Meinungsverschiedenheiten in Menschenrechtsfragen "uns nicht davon abhalten, in anderen wichtigen Bereichen zusammenzuarbeiten". Der andere Präsident gab freimütig zu, das "in China im Bereich der Menschenrechte noch einiges getan" werden müsse. Leider handelte es sich beim ersten Redner um Barack Obama. Das vergleichsweise offene und ehrliche Statement stammte von Hu Jintao. (...) Zumindest formell hat Präsident Hu eingestanden, dass China sich bewegen und demokratischer werden muss. Die Tatsache, dass Obama es nicht schaffte, dasselbe zu tun, erweckte den Eindruck, dass er mehr Verständnis für eine Diktatur aufbringen kann als der chinesische Präsident.

zusammengestellt von Esther Felden
Redaktion: Mathias Bölinger