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Wirtschaft

China-Böller zünden in Europa

Chinesische Unternehmen machen munter weiter mit ihrer Einkaufstour durch Deutschland und Europa. Daran ändern auch Börsenturbulenzen und rückläufige Wachstumszahlen nichts, sagt eine neue Studie.

Zu Jahresbeginn schwappte eine neue Welle chinesischen Kapitals nach Europa: Allein in den vergangenen Wochen wurde eine Reihe chinesischer Übernahmen bekannt, die vom Aufkauf des schweizerischen Agrarkonzerns Syngenta bis zum Erwerb des niedersächsischen Müllverbrennungsspezialisten "Energy from Waste" reichen.

"Die Finanzturbulenzen der vergangenen Wochen und auch der Umbau der chinesischen Wirtschaft haben auf die Investitionen keinen Einfluss", weiß Mikko Huotari, der zusammen mit Co-Autor Thilo Hanemann für das Mercator Institute for China Studies in Berlin (MERICS) die neuesten Trends bei chinesischen Direktinvestitionen analysiert hat. "Im Gegenteil: Die schwierigen Bedingungen zuhause sorgen dafür, dass chinesische Unternehmen verstärkt bestrebt sind, im Ausland zu investieren", so Huotari zur DW.

Bei der Übernahme Syngentas durch das chinesische Staatsunternehmen ChemChina handelt es sich um die bislang größte Auslandsinvestition eines chinesischen Unternehmens, die mit 43 Milliarden US-Dollar zu Buche schlagen wird. Im vergangenen Jahr hatten chinesische Übernahmen in Europa mit einem Volumen von rund 20 Milliarden Euro einen neuen Rekord erreicht. Dies entspricht einer Steigerung um 44 Prozent im Vergleich zu 2014.

Keine Heuschrecken

Auffallend ist: Die chinesischen Käufer sind fast ausnahmslos am Fortbestehen der Unternehmen und am Erhalt von Standorten und Arbeitsplätzen interessiert. "Wir beobachten in der Regel sehr langfristig orientierte, ernsthafte Investitionen", bestätigt Huotari. Von Heuschreckenmentalität ist fast nie die Rede. Zwar erwerben die Investoren auch technisches Wisssen und oft auch einen traditionsreichen deutschen Markennamen, dafür aber können die neuen Eigner eine große Hilfe beim Zugang zum chinesischen Markt sein.

China ist zu einer treibenden Kraft globaler Kapitalströme geworden, und die MERICS-Forscher sind sicher, dass China innerhalb der nächsten fünf Jahre hunderte von Milliarden US-Dollar im Ausland investieren wird. "Europa ist zu einer der Haupt-Zielregionen geworden, der Trend geht weg von den Entwicklungs- und Schwellenländern in Richtung Industrieländer", so Huotari.

Der enorme Zuwachs von Investitionen in Europa um 44 Prozent im Vergleich zum Vorjahr geht größtenteils auf die Übernahme des italienischen Reifenherstellers Pirelli durch ChemChina für sieben Milliarden Euro zurück. In den vergangenen fünf Jahren hat China durchschnittlich zehn Milliarden Euro pro Jahr in Europa investiert. In den fünf Jahren zuvor war es erst eine Milliarde pro Jahr.

Investitionsabkommen werden immer wichtiger

Dies unterstreicht den Autoren zufolge, dass es sich nicht nur um einen vorübergehenden Trend handelt. Umgekehrt stagnieren bzw. sinken die Investitionen europäischer Unternehmen in China. Dies dürfte mittelfristig zu einem deutlichen Ungleichgewicht führen, glauben die Autoren der Studie. Umso dringlicher ist es ihrer Ansicht nach, einseitige Investitionsbarrieren abzubauen, beispielsweise durch das Investitionsabkommen, über das China und die EU seit etwa zwei Jahren verhandeln.

Der Umbau der chinesischen Wirtschaft in Zeiten rückläufiger Wachstumszahlen wirkt sich zwar nicht auf das Volumen, wohl aber auf die Zielbranchen chinesischer Investoren aus. Gekauft wird alles, was China nach vorne bringt, könnte man salopp formulieren - von Technologie über Dienstleistungen bis zu Marken und Konsumgütern. Den größten Anteil machten 2015 Investitionen in den Automobilsektor aus, gefolgt von Immobilien, Hotels, IT und Finanzdienstleistungen.

Auffällig ist, dass chinesische Investitionen insbesondere auch in den Bereichen ansteigen, die in China für ausländische Investoren nicht frei zugänglich sind. Dazu gehören auch Finanzdienstleister, wie es der Kauf der Hauck & Aufhaeuser Privatbank durch die Fosun International Holdings Ltd. Gezeigt hat - umgekehrt wäre so ein Deal bislang undenkbar. "Das sollte die Regierungen in Europa darin bestärken, gleiche Bedingungen für den Marktzugang in China zu fordern", so Mikko Huotari zur DW.

Deutschland beliebtes Investitionsziel

Auch 2015 floss der Großteil aller chinesischen Investitionen innerhalb Europas nach Großbritannien, Frankreich und Deutschland. Diese Länder verzeichneten in den vergangenen fünf Jahren durchschnittlich vier bis acht Milliarden Euro pro Jahr. Deutschland hat nichts von seiner Anziehungskraft auf chinesische Investoren verloren. Allein die Automobilindustrie und die Industrie- und Anlagentechnik zogen im vergangenen Jahr 400 Millionen Euro an. Zu den größten Deals gehörte die Übernahme des Automobilzulieferers WEGU Holding sowie Weichais erneute Steigerung seiner Anteile am Hersteller von Gabelstaplern und Lagertechnik KION.

Seitdem die US-Notenbank begonnen hat, die Zinsen wieder vorsichtig anzuheben, fließt aus den Schwellenländern enorm viel Kapital ab - auch China ist davon betroffen. Unter anderem auch deshalb hat die Regierung in Peking die Kapitalverkehrskontrollen verstärkt. Dies trifft auch chinesische Unternehmen, die im Ausland investieren wollen. Gleichzeitig aber steigt der Druck auf chinesische Unternehmen, sich zu internationalisieren. Sollte Chinas Premier Li Keqiang mit seiner Ankündigung Recht behalten, dass China in den nächsten fünf Jahren eine Billion US-Dollar im Ausland investiert, dann würde China nach den USA zum zweitgrößten Investor der Welt aufsteigen.