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Wirtschaft

China über allen? Die Welt im Jahr 2030

Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen. Dass große Länder oder gar Kontinente gerade vor einem Scheideweg stehen, macht es nicht einfacher. Wir wagen dennoch einen Blick ins Jahr 2030.

Ein großer Drache schwebt über dem Traumzauberberg im Traumzauberland in Eberswalde

Der Drache vom Traumzauberberg

Die Welt ist derzeit voller Entwicklungen, deren Ausgang völlig offen ist. Trotzdem versuchen Wissenschaftler, die nahe Zukunft so präzise wie möglich vorauszusehen.

So haben der ehemalige Wirtschaftsweise Bert Rürup und der Handelsblatt-Chefökonom Dirk Heilmann in ihrem gemeinsamen Buch "Fette Jahre - Warum Deutschland eine glänzende Zukunft hat" auch ein Szenario "Weltwirtschaft 2030" gemalt. Demnach werden die USA in knapp 20 Jahren mit 21,2 Billionen Dollar zwar immer noch das höchste Bruttoinlandsprodukt aufweisen, doch folgen die Chinesen mit 19,4 Billionen Dollar den Amerikanern dicht auf den Fersen. Auch Platz drei und vier werden von Asiaten beansprucht, wobei Japan einen erkennbaren Vorsprung vor Indien hält. Deutschland - gegenwärtig die viertgrößte Volkswirtschaft - wird dann auf Rang sechs abrutschen, direkt hinter Brasilien. "Würde man eine neue G7-Gruppe formieren, dann wären alle vier BRIC-Länder, aber nur noch drei der alten G7 dabei", schreiben die zwei Ökonomen.

Ein nicht westlich dominiertes Jahrhundert

Prof. Dr. Dirk Messner, Direktor des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik (DIE) (Foto: DIE)

Prof. Dirk Messner, Direktor des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik (DIE)

Für Dirk Messner, Direktor des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik, wird das ganze 21. Jahrhundert vor allem ein nicht westlich dominiertes sein. Um in Jahrhundertdimensionen zu denken, muss man aber erst weit zurückblicken: "Zwischen 1840, dem Beginn der industriellen Revolution, und 1960 sind nur zwei Ökonomien weltweit schneller gewachsen als die westlichen Industrieländer", sagt Messner gegenüber der DW. Die industrielle Revolution sei also ein Prozess gewesen, der zum Aufstieg des Westens geführt und den Rest der Welt abgekoppelt hätte. "Von 1960 bis 1990 sind dann etwa 25 Länder schneller gewachsen als die westlichen Länder. Eine Gruppe von Entwicklungsländern konnte also aufschließen." In den letzten 20 Jahren seien 75 Entwicklungsländer doppelt so schnell gewachsen wie die alten Industrieländer.

Das bedeute, dass die Globalisierung zu einer Angleichung zwischen den OECD-Ländern und den früheren Entwicklungsländern geführt habe, so Messner weiter. So wenig Zweifel er hege, dass China bereits 2030 die größte Ökonomie der Welt sein würde, so groß sei das Fragezeichen, "ob in China eine politische sukzessive Liberalisierung gelingt". Das Reich der Mitte kommt langsam in eine Phase, wo die Bevölkerung wohlhabend wird und Mitspracherecht einfordert. "Historisch kann man beobachten, dass bis auf einige Wirtschaften, die auf Petroleum-Reichtum basieren, es keine Ökonomien gibt, die ein Bruttosozialprodukt von über 7000 Dollar pro Kopf realisierten und dennoch Autokratien bleiben", sagt der weltweit geachtete Bonner Experte.

Dirk Heilmann, Chefökonom vom Handelsblatt (Foto: Handelsblatt)

Dirk Heilmann, Chefökonom vom Handelsblatt

Auch über Europa schwebt eine Unbekannte: der Ausgang der Schuldenkrise. Das Szenario von Rürup und Heilmann setzt voraus, dass die Länder ihre Banken und Finanzen wieder in den Griff bekommen. Wenn es nicht so käme, wenn die Eurozone gar auseinanderbrächte? "Dann würde das für Europa einen sehr harten Einbruch auch der Wirtschaftsleistung bedeuten", sagt Buchautor Heilmann: "Das wäre ein Rückschlag, von dem wir uns frühestens in zehn Jahren erholen würden." Es würde aber auch den Rest der Weltwirtschaft beeinträchtigen.

Zwei Kontinente vor ähnlichen Herausforderungen

Dem afrikanischen Kontinent konnte die Schuldenkrise der alten Industrieländer bisher wenig anhaben. Ein jährliches Wachstum von fünf bis sieben Prozent wurde dort verzeichnet. Zwar werden auch für die nächsten Jahre hohe Wachstumsraten erwartet, doch daraus zu schließen, dass Afrika boomt, wäre ein Missverständnis, meint Heilmann: "Das Problem in Afrika ist, dass es der Kontinent ist, wo die Bevölkerung noch immer ungebremst wächst, eben auch mit solchen Raten von vier, fünf Prozent im Jahr." Afrika brauche dieses überdurchschnittliche Wachstum, um einfach auf dem jetzigen Stand zu bleiben.

Noch immer ist das Wachstum in Afrika ein ressourcengetriebenes Wachstum. "Wir haben in der Vergangenheit oft gesehen, dass Ressourcenboom und Einnahmen in dem Bereich zu mehr Korruption und oft gar zu Konflikten geführt haben. Ökonomen nennen das den Ressourcenfluch", sagt Dirk Messner vom Deutschen Institut für Entwicklungspolitik.

Seiner Meinung nach hat Lateinamerika ein ähnliches Problem, nur auf einem höheren Niveau. Auch dort basierte die wirtschaftliche Dynamik auf einem Ressourcenboom: "Die Frage ist, ob in Lateinamerika es jetzt gelingt, diese sprudelnden Einnahmen in soziale Entwicklung zu übersetzen." Denn Lateinamerika sei der Kontinent mit den größten Ungleichgewichten in der Verteilung der Einkommen weltweit.

Im Helikopter über Rio de Janeiro, zur Christusstatue auf dem Corcovado. Im Hintergrund der Zuckerhut (Foto: picture alliance/dpa)

Brasiliens zweitgrößte Stadt Rio de Janeiro

Auch 2030 werde Brasilien die dominierende Macht in der Region bleiben, erwartet Heilmann: "Lateinamerika entwickelt sich in unserem Szenario gar nicht mal schlecht, aber nicht so dynamisch wie Asien."

Klimawandel und andere Globalisierungseffekte

Alle Prognosen und Voraussagen könnten allerdings von einem anderen Faktor durchkreuzt werden, dem ungebremsten Klimawandel. "Wenn das so weiter geht, werden wir 2030 massive Auswirkungen haben, ob Wasserhaushalte weltweit, ob Nahrungsmittelverfügbarkeit, wir werden extreme Wetterereignisse sehen, die wir bisher als moderne Menschheit noch gar nicht gekannt haben", prophezeit Messner.

Wie lebenswert die Welt im Jahr 2030 sein wird, hängt seiner Meinung nach auch davon ab, ob die Regierungen es schaffen, Globalisierungseffekte durch internationale Kooperation im Zaun zu halten. Zu diesen Effekten zählt er neben dem Klimawandel auch den Welthandel, die internationalen Finanzmärkte und den Migrationsprozess. Wie schwer sich die Nationalstaaten tun, für mehr Kooperation Souveränität abzugeben, zeigt die aktuelle Schuldenkrise in Europa.