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Politik

Chiles Wirtschaft weiter auf Erfolgskurs

Chile gilt als wirtschaftliches Erfolgsmodell in Lateinamerika. Die neue Präsidentin Michelle Bachelet hält den eingeschlagenen Kurs bei, will aber den vernachlässigten Nachbarn wieder mehr Aufmerksamkeit schenken.

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Chile profitierte vor allem von der Nachfrage nach Kupfer

Chile liegt anderswo. Das könnte denken, wer sich die Wirtschaftspolitik des südamerikanischen Landes der vergangenen Jahre ansieht. Chile sei eine Insel der Stabilität in Lateinamerika, sagt Hartmut Sangmeister vom Alfred-Weber-Institut für Wirtschaftswissenschaften in Heidelberg. Unbehelligt von den Krisen und Crashs seiner Nachbarländer wächst die Wirtschaft in Chile ungebrochen seit 1985, durchschnittlich um 6,5 Prozent pro Jahr.

Chile ist ein interessanter Standort für Auslandsinvestoren, sagt Mauro Toldo, Analyst für Lateinamerika bei der DekaBank. Es gebe kaum Korruption, die Inflation sei vergleichsweise gering, die Fiskalpolitik gesund und die politischen Verhältnisse stabil. Die jüngste wirtschaftliche Blüte verdankt Chile den Rekordpreisen für Kupfer auf dem Weltmarkt. Der Hunger nach Rohstoffen der angehenden Supermächte China und Indien scheint unstillbar. "Kupfer hat 2005 fast 50 Prozent der gesamten Ausfuhren Chiles ausgemacht", sagt Toldo.

Wirtschaftwachstum bedeutet nicht für alle Wohlstand

Chile Wahlen Michelle Bachelet

Michelle Bachelet, Kinderärztin und Präsidentin

Nach Ansicht Toldos wird sich der positive Trend der chilenischen Wirtschaft auch unter der neuen Präsidentin, der Sozialistin Michelle Bachelet fortsetzen. Bachelet stehe nicht für eine linke Wirtschaftspolitik. "Ihr Ansatz ist eher konservativ. Sie wird die Linie von ihrem Vorgänger Ricardo Lagos weiterführen".

Seit dem Ende der Diktatur 1990 habe sich laut Sangmeister in Chile eine "gemäßigte, sozialdemokratisch pragmatische Wirtschaftspolitik" etabliert. Die Regierungen bauten auf die Vorzüge der Marktwirtschaft, des Freihandels und der Weltmarktanbindung. "Dabei trat aber auch die soziale Kehrseite dieser Art von Politik zu Tage", sagt Sangmeister. Die Kluft zwischen Arm und Reich ist in Chile besonders krass. Zwar seien die Pro-Kopf-Einkommen in den vergangenen Jahren gestiegen. "Davon hat die Mittelschicht profitiert, allerdings nicht die unteren Einkommensklassen", sagt Sangmeister.

Erste Auslandsreise nach Argentinien

Bachelet hat im Wahlkampf versprochen, die sozialen Unterschiede zu bekämpfen. Und bereits wenige Tage nach ihrem Amtsantritt folgten die ersten "sozialen" Maßnahmen. Die 54-Jährige kündigte die kostenlose Behandlung für alle Menschen über 60 in öffentlichen Krankenhäusern an, versprach eine staatliche Mindestrente sowie bessere Kinderbetreuung. Sangmeister ist jedoch skeptisch, ob die soziale Politik nachhaltig sein wird. "Die Zusammensetzung des Kabinetts lässt daran zweifeln. Die wirtschaftlichen Schlüsselpositionen sind mit Technokraten besetzt oder Vertretern der alten Wirtschaftspolitik." Viel werde Rhetorik bleiben.

Schiff gefüllt mit Flüssigerdgas

Chile setzt auch auf Flüssigerdgas

Eines scheint jedoch festzustehen. Bachelet wird den Nachbarländern wieder mehr Aufmerksamkeit schenken. "Der chilenischen Außenpolitik war bislang eine gewisse Arroganz gegenüber den lateinamerikanischen Nachbarn nicht abzusprechen", sagt Sangmeister. Doch wenn die Integrationsbestrebung in Lateinamerika von Ländern wie Brasilien, Venezuela oder Argentinien vorangetrieben wird, muss Chile die Nähe zu seinen Nachbarn wieder suchen. "Sonst könnte es in eine Isolationslage geraten", warnt Sangmeister. Die erste Auslandsreise führt Bachelet am Dienstag nach Argentinien. "Das ist ein Zeichen von Bachelet, dass eine Vertiefung der Beziehung erwünscht ist", sagt Toldo. Außerdem ist Chile, das energiewirtschaftlich stark von Importen abhängig ist, vor allem am argentinischen Erdgas interessiert.

Suche nach neuen Produkten, neuen Märkten

Bei der Annäherung an die Nachbarn zeigt sich jedoch auch eine grundlegende Strategie der chilenischen Außenhandelspolitik. "Das Land setzt auf Diversifizierung der Handelsbeziehungen, um so eine zu starke Abhängigkeit von einem Partner zu verhindern", sagt Toldo. Ein Beleg dafür sind die zahlreichen bilateralen Freihandelsabkommen, die Chile ausgehandelt hat. Sie bestehen bereits mit den USA, der EU, Südkorea, Indien, Mexiko und - besonders wichtig - mit China. Das ist inzwischen zum zweitwichtigsten Handelspartner Chiles aufgestiegen.

Zudem ist man sich auch darüber bewusst, dass die hohe Abhängigkeit vom Kupferexport hohe Risiken birgt. "Der Nachfrage-Boom nach dem Rohstoff in China oder Indien wird nicht ewig anhalten", sagt Sangmeister. "Man nutzt deshalb derzeit die hohen Deviseneinkünfte, um die Exportpalette zu vergrößern." Chile setzt beispielsweise auf ökologische Landwirtschaft. Dafür gibt es große Abnehmermärkte in den USA, Kanada und Europa.

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