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Amerika

Chiles Bergleute kurz vor der Rettung?

Die Rettung für die 33 eingeschlossenen chilenischen Bergleute rückt näher. Schon in Kürze könnten sie befreit werden. Die Generalprobe für die Befreiung ist für Samstag vorgesehen.

Drei Bergleute in der dunklen Höhlen lachen und zeigen Daumen hoch. (Foto: ap)

Die Bergleute freuen sich über jedes Zeichen, dass die Bergung voran geht

Im besten Fall könnte die Rettung bereits am Sonntag (10.10.2010) beginnen. "Mit viel Optimismus lässt sich sagen, dass es das nächste Wochenende sein wird", zitierte die Zeitung "El Comercio" den Chef des Unternehmens Mining Parts, Eugenio Fierro. Etwas weniger optimistisch hatte sich Chiles Bergbauminister Laurence Golborne geäußert. Er schätzt, dass die Bergleute "in der zweiten Oktoberhälfte" herausgeholt werden.

Chiles Präsident Sebastián Piñera hält in der einen Hand ein Megafone und in der anderen einen Zettel mit dem ersten Lebenszeichen der Bergleute in der Hand. Er wird von den Angehörigen gefeiert. (Foto: ap)

Chiles Präsident Sebastián Piñera hält einen Zettel mit dem ersten Lebenszeichen der Bergleute in der Hand

Der chilenische Präsident Sebastián Piñera hofft, dass die Bergung vor Mitte Oktober abgeschlossen sein wird. Dann bricht er zu einer Europareise auf. "Für mich ist es sehr wichtig, in diesem Augenblick bei den Arbeitern und ihren Angehörigen zu sein", so Piñera. Er glaubt, dass die Rettung in Kürze beginnen kann. So hatte er erst vor wenigen Tagen in einem Rundfunkinterview gesagt: "Wir stehen kurz vor der Bergung."

Der Zeitplan und die möglichen Verzögerungen

Der schnellste der drei Bohrer hatte am Mittwoch eine Tiefe von 519 Metern erreicht. In weniger als 24 Stunden hatte er 53 Meter zurückgelegt. Er könnte am Freitagabend oder Samstagmorgen einen Werkstattraum in 628 Metern Tiefe erreichen. Zu diesem Raum haben die Eingeschlossenen Zugang. Dann muss allerdings erst mit Videokameras überprüft werden, ob die Innenwände des Schachtes stabil genug sind. Wenn sich dort Steine oder gar größere Felsbrocken lösen würden, wäre das sehr gefährlich.

Kameraleute und Fotografen stehen am Eingang der Mine neben einem großen Foto des eingeschlossenen Bergmanns Richard Villarroel (Foto: ap)

Die Kameraleute und Fotografen warten bereits auf die Bergleute

"So ein Brocken käme mit einer Geschwindigkeit wie ein Geschoss unten an, als ob er von einem 210 Stockwerke hohen Gebäude heruntergefallen wäre", sagt Bergbauexperte Miguel Mellardo. Zudem könnten kleinere Steine die Rettungskapsel in dem engen Schacht blockieren, fürchtet André Sougarret, der Leiter der Rettungsaktion. Um das auszuschließen müssten Stahlröhren in den Schacht geschoben werden. Viele dieser jeweils 12 Meter langen Röhren würden dann übereinander gesetzt. Sie liegen auch schon bereit. "Wenn sie größtmögliche Sicherheit wollen, dann müssen sie die Röhren einschieben", sagte der Chef des Unternehmens Geotec, das einen der drei Bohrer gestellt hat. Allerdings würde sich dadurch die Rettung um vier bis acht Tage verzögern.

Wenn der Schacht fertiggestellt ist, werden Pedro Rivero von der Feuerwehr und Christián Bugueño von der Marine mit der speziell für die Rettung konstruierten Stahlkapsel "Phönix" nach unten fahren. Sie werden dann den Bergleuten behilflich sein, die einzeln einer nach dem anderen mit der Stahlkapsel nach oben gezogen werden. Bis alle Kumpel herausgeholt sind, werden rund 24 Stunden vergehen.

Lazarett, Hubschrauberlandeplatz, Ruheräume und Brillen

Die Vorbereitungen für die Empfangnahme der 33 eingeschlossenen Bergleute laufen auf Hochtouren. Das Lazarett für die Bergleute ist so gut wie fertig. Ein Hubschrauber-Landeplatz für den schnellen Transport ins Krankenhaus von Copiapó wurde angelegt - genauso wie Ruheräume. Damit sollen die Kumpel vor dem Ansturm der Medien abgeschirmt werden. Rund 2000 Journalisten aus aller Welt werden erwartet. Bereits jetzt werden die Bergmänner auf den Journalistenansturm vorbereitet. Chefpsychologe Alberto Iturra sagte, die Bergleute lernten den Umgang mit kritischen, aufdringlichen und das Privatleben betreffende Fragen.

Journalisten drängen sich um Angehörige der Bergleute bei einer kleiner Zeremonie 60 Tage nach dem Mineneinsturz (Foto: ap)

Kleiner Vorgeschmack: Nach der Rettung wird der Medienrummel noch deutlich größer sein. Hier umringen Journalisten die Angehörigen bei einer kleinen Zeremonie 60 Tage nach dem Mineneinsturz

Am Mittwoch trafen an der Mine Spezialbrillen eines US-amerikanischen Herstellers ein. Die Brillen kosten 450 Dollar pro Stück und wurden von dem Unternehmen gestiftet. "Die Brillen entsprechen den medizinischen Anforderungen, um die Netzhaut der Minenarbeiter zu schützen", erklärte der Direktor der örtlichen chilenischen Sicherheitsbehörde, Alejandro Pino. Da sich die Augen der Bergleute an die Dunkelheit unter Tage gewöhnt haben, zählen Verletzungen der Netzhaut zu den medizinischen Risiken bei der Rettung von Bergleuten. Auch besteht die Gefahr, nach der Rückkehr an die Oberfläche an Infektionen oder einem posttraumatischen Stresssymptom zu erkranken. Fünf Helikopter stehen bereit, um die Kumpel zur ärztlichen Behandlung in ein Krankenhaus der Stadt Copiapó zu bringen.

San José - die Unglücksmine

Die Mine San José in der chilenischen Atacama-Wüste ist bereits seit dem 19. Jahrhundert in Betrieb und war in der Vergangenheit mehrfach wegen Arbeitsunfällen in die Kritik geraten. 2007 wurde sie wegen mehrerer Arbeitsunfälle und genereller Sicherheitsmängel geschlossen. Ein Jahr später hatte die Aufsichtsbehörde allerdings die Betriebserlaubnis wieder erteilt. Dabei habe man sich auf den "guten Willen" der Eigentümer verlassen, sagte der frühere Vizedirektor der Aufsichtsbehörde, Exequiel Yanes. Bei einem Steinschlag im Juli dieses Jahres hatte ein Mann ein Bein verloren, woraufhin die Mine erneut geschlossen wurde. Am 28. Juli, also eine Woche vor dem aktuellen Minenunglück, war die Inbetriebnahme wieder genehmigt worden. Die Familienangehörigen hatten angekündigt, von dem Minenbetreiber und dem Staat eine Million Dollar (rund 770.000 Euro) Schadenersatz für jeden Bergmann einzuklagen.

Das Minenunglück produziert Helden

In Chile gelten alle 33 eingeschlossenen Bergmänner als Helden. Zumindest einem der Kumpel könnte demnächst noch eine Karriere als TV-Moderator bevorstehen.

Auf einem Fernseher sieht man den eingeschlossenen Mario Sepúlveda mit einem Mikrofon in der Hand (Foto: ap)

Mario Sepúlveda fühlt sich wohl mit dem Mikrofon in der Hand

Sein Name ist Mario Sepúlveda. Eigentlich ist er Elektriker. Bei den vielen Videos, die die Bergmänner produzieren, um der Außenwelt ihren Alltag näher zu bringen, führt Sepúlveda meist als eine Art Reporter durch die Sendung. Eloquent und mit viel Humor berichtet er von dem harten Leben unter Tage. Meist beendet er seine Reportagen mit den Worten: "Ich gebe zurück in die Sendezentrale". Viele TV-Sender wollen den 39-Jährigen in ihre Sendungen als Interviewgast einladen. Wenn er über Tage so witzig und sympathisch rüber kommt wie unter Tage, dann könnte ihm eine Zukunft beim Fernsehen offenstehen, wird zumindest spekuliert.

Durch das Grubenunglück ist auch der chilenische Bergbauminister Laurence Golborne ins Zentrum der Öffentlichkeit gerückt. Im Frühjahr war er noch weitgehend unbekannt. Inzwischen ist er laut Umfragen der beliebteste Politiker Chiles. 87 Prozent der Befragten äußerten sich positiv über den immer freundlich lächelnden Minister. In Zeitungskommentaren wird bereits spekuliert, ob der 49-Jährige für das Amt des Präsidenten kandidieren könnte.

Autor: Marco Müller (dpa, afp)
Redaktion: Mirjam Gehrke

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