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Amerika

Chilenischer Zeitzeuge: Allende war zu naiv!

Am 4. September 1970 wurde Salvador Allende in Chile zum Präsidenten gewählt. Gustavo Toro archivierte damals seine Reden und merkte bald: Das kann nicht gut gehen, der Widerstand ist zu stark. Ein Zeitzeugenbericht.

Panzer und Soldaten am 13 September 1973 in Santiago (Foto: AP)

Allende war nur drei Jahre im Amt - dann putschten die Militärs

Gustavo Toro wuselte durch die Küche, rannte zwischendurch ins Wohnzimmer - er musste damals, als ich ihn 2006 besuchte, chilenische Empanadas backen und Texte vorbereiten für eine politische Lesung am nächsten Tag. Chile, Schreiben und Politik - dafür und davon lebte er, bis er im Juli 2007 überraschend starb. Gustavo Toro, ein "Poeta Popular".

Chile im Jahr 1970: Begeistert von den politischen Ideen Salvador Allendes kommt Gustavo nach Santiago. Dort unterstützt er zusammen mit Intellektuellen wie Víctor Jara und Hector Pavez den Wahlkampf des Bündnisses Unidad Popular. Viele linke Splitterparteien unterstützten Allendes Konzept des "Sozialismus in Freiheit". Sie alle verband die Hoffnung auf Verbesserung der sozialen und wirtschaftlichen Situation. Gustavo Toro, damals Mitglied in der Mapu Obrero Campesino, war einer von ihnen.


Alle Geschehnisse dieser Monate schreibt er auf. Publiziert sie in Zeitungen, rezitiert seine Poesía Popular - seine Soziallyrik - während der Kampagnen. Und am 4. September wird Allende zum Präsidenten gewählt. Gustavo erinnert sich ganz genau: "Alle Genossen strömten auf die Straße", sein Gesicht strahlt in Gedanken daran, "bis zwei Uhr morgens haben wir ein wunderschönes Volksfest gefeiert. Es war einfach fantastisch!"

Dann habe Allende selbst gesagt: "Liebe Genossen, bitte geht in Ruhe nach Hause, keine Provokationen gegen die 'Momios', die Konservativen. Demonstrieren wir, dass wir ein Volk mit politischem Niveau sind!" Genauso sei es dann auch gewesen, sagt Gustavo. Er sprang dann auf und legte eine alte Vinylplatte auf: Inti-Illimani: Canción del Poder Popular (Lied über die Macht des Volkes): "Dieses Mal ist es nicht das gewohnte Spiel, eben einen neuen Präsidenten zu wählen. Dieses Mal ist es das Volk selbst, das gemeinsam ein neues Land aufbaut!"

Die Widersacher sind stark und mächtig

Salvador Allende am 4. Dezember 1972 in New York (Foto: AP)

Allende versprach "Sozialismus in Freiheit"

2006 sagte Gustavo Toro: "Ich habe in dieser Nacht schon gewusst, was kommen wird." Allendes Politik - Bodenreform, Verstaatlichung, Preiskontrolle - wird von der Opposition nicht akzeptiert. Und die ist stark: Industrielle, Konservative und Großgrundbesitzer. Die Lebensmittelzufuhr wird blockiert und die Wirtschaft beginnt zu lahmen.

Der mächtigste Widersacher sitzt jedoch in Washington und mobilisiert von dort das Militär gegen die marxistische Regierung Allende. "Weißt du, warum ich immer schon meine Zweifel gegen das Militär hatte?", fragte Gustavo damals, "weil unsere Armee, genau wie das ganze Militär von Lateinamerika in der School of the Americas, der Kriegsakademie der USA in Panama, ausgebildet wurden." General Augusto Pinochet war nicht nur als Schüler in dieser Akademie, er war zwischenzeitlich auch Direktor.

Gustavo arbeitete ab 1970 beim staatlichen Rundfunk im Regierungspalast Moneda. Dort gestaltet er das Kulturprogramm und schreibt Nachrichten. Schon Monate vor dem Militärputsch werden alle Manuskripte, alle Ausstrahlungen vom Militär überprüft und zensiert. Einzelne Sätze aus Allendes Reden hat sein Volk nie gehört. Gustavo weiß das: Er hat alle Reden aufgezeichnet und in der Abteilung Dokumentation archiviert.

Brenzliges Material

"Das waren ungefähr vierhundert Tonbänder. Ich wollte sie immer nach Kuba schicken lassen und habe mit meinem Chef darüber gesprochen, ich sagte: Der Militärputsch kommt!" Das war sechs Monate vor dem Putsch, aber niemand glaubte ihm. Auch Allende nicht. "Er sagte, nein, die Militärs haben auf die Verfassung geschworen, darauf müssen wir vertrauen." Doch es kommt anders.

Am 11. September 1973, um acht Uhr morgens kann Gustavo nicht zur Arbeit gehen. Vor dem Präsidentenpalast ist eine Militärsperre errichtet. Schnell ruft er seinen Freund und Chef an, der schon dort ist: "Komm nicht, Gustavo, es ist zu gefährlich!" sagt der ihm. Und so versteckt er sich hundert Meter weiter im Agrarministerium. Dort kann er nicht sehen, was passiert, nur hören.

"Zuerst kamen die Panzer, die Panzer waren sehr laut. Dann schwirrten die Flugzeuge heran. Sie kamen ganz rasant, denn der Moneda-Palast ist kleiner als die umliegenden Gebäude, so dass die Flieger sich im Steilflug nähern mussten, um die Bomben abzuwerfen. Und dann mussten sie sofort wieder hochziehen. Das gab einen schrecklichen, schrillen Ton. Und dann kam das Bombardement, es war sehr laut und unser ganzes Gebäude hat angefangen zu zittern."

Während der ganzen Zeit läuft im Hintergrund ein Radio. Doch das Programm wurde unterbrochen, es kommt nur ein Lied, in Dauerschleife: "Die Hymne der Armee in Chile, das war zu dieser Zeit der Radetzkymarsch, und wir haben in dieser Zeit nur diesen Marsch gehört, aber tausend Mal, per Radio, wir haben keine andere Musik gehört, nur diese."

Der Traum geht in Flammen auf

Anhänger Allendes trauern am 30. Jahrestages des Putsches (Foto: AP)

Anhänger Allendes trauern am 30. Jahrestag des Putsches

Allende wird tot in seinem Büro gefunden. All seine Reden verbrennen im Regierungspalast, zusammen mit den Manuskripten und Gedichten von Gustavo. Zusammen mit dem Traum von einem sozialistischen Chile. "Ich war überwiegend wütend", erklärte Gustavo 2006, "ich habe nicht verstanden, warum wir so naiv waren." Auch Präsident Allende nannte Gustavo im Rückblick naiv, denn General Pinochet sei im Präsidentenpalast immer ein- und ausgegangen, doch: "Er war 'rastrero', wie wir in Chile sagen, immer ein freundliches und freundschaftliches Lächeln gegenüber dem Präsidenten und immer hat er ihm auf die Schulter geklopft, wie ein Freund, aber Pinochet war von Anfang an ein Verräter."

Leben in Angst

Gustavo lebt von nun an in ständiger Angst, festgenommen zu werden. Sein bester Freund flieht nach Moskau, sein Bruder wird vermisst. Beide sieht er nie wieder. Er selbst wechselt jeden Tag die Unterkunft, nicht aber seine Leidenschaft, sich zu engagieren. Im "Frieden Komitee" der katholischen Kirche kümmert er sich um Opfer der Militärdiktatur. Nimmt Meldungen auf über Vermisste, Gefangene, Mord und Folter.

"Ich wurde krank", erzählte Gustavo, der sich damals in psychologische Behandlung begeben musste, "ich konnte einfach nicht mehr, ich habe geweint, ohne Motiv, unkontrolliert, ganz tief." Etwa 3000 Menschen, schätzen Menschenrechtler, sind unter der Diktatur spurlos verschwunden, öffentliche Gebäude wurden zu Konzentrationslagern und Folterzentren umfunktioniert - allein im Nationalstadion Santiago de Chiles wurden 40.000 Gefangene auf engsten Raum zusammengetrieben. "Der Psychiater sagte mir: 'Gustavo, du kannst diese Arbeit, das Aufnehmen von Opferanzeigen, nicht weiter machen, denn entweder dein Gehirn explodiert oder du wirst verrückt.'"

Für sein Volk

Helmut Frenz, der damalige Bischof der Lutheranischen Kirche in Santiago, nimmt Gustavo irgendwann beiseite: "Gustavo", sagte er, "du musst weg hier, es ist zu gefährlich für dich!" Mit Hilfe von Amnesty International beantragt Gustavo Asyl in Deutschland. Er kam nach Dortmund, wo er mit anderen Exilchilenen bis zu seinem Tod literarische und politische Lesungen veranstaltete.

100 Euro Rente bekam er als Zusatz zur Rente für seine frühere Arbeit in Chile. Alles, was ihm von damals geblieben ist, ist eine kleine Sammlung von Gedichten. Darunter ein Quartett, das er in der Nacht des Militärputsches für Präsident Allende geschrieben hat: "Fue por el pueblo elegido, y al pueblo se consagró, vivió sirviendo a su pueblo, y por el pueblo murió!" - übersetzt: "Er lebte für sein Volk, er widmete ihm alles, diente dem Willen des Volkes. Und für sein Volk musste er sterben."

Autorin: Anne Herrberg
Redaktion: Ursula Kissel

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