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Amerika

Chile will Tod von Allende aufklären

Über 37 Jahre nach dem Tod des chilenischen Präsidenten Salvador Allende soll geklärt werden, ob er während des Militärputsches unter Führung von Augusto Pinochet ermordet wurde oder sich das Leben nahm.

Die Leiche von Salvador Allende wird am 11. September 1973 aus dem Präsidentenpalast getragen (Foto: AP)

Die Leiche von Salvador Allende wird aus dem Präsidentenpalast getragen

Nach der bisher geltenden offiziellen Version hatte sich der Sozialist Allende am 11. September 1973 im Präsidentenpalast "La Moneda" in aussichtsloser Lage das Leben genommen, nachdem die Putschisten den Palast aus der Luft bombardiert hatten. Demnach soll Allende sich mit dem Sturmgewehr AK-47, das ihm einst vom kubanischen Revolutionsführer Fidel Castro geschenkt worden war, erschossen haben. An dieser Darstellung waren jedoch immer wieder Zweifel aufgekommen.

In dem Ermittlungsverfahren, das von Richter Mario Carroza geleitet werden wird, sollen die genauen Todesumstände des demokratisch gewählten chilenischen Präsidenten geklärt sowie mögliche Täter überführt werden. Das Verfahren geht zurück auf 726 Klagen von Opfern von Menschenrechtsverletzungen aus den Jahren 1973 bis 1990, die die zuständige Staatsanwältin Beatriz Pedrals bei Richter Carroza eingereicht hat und zu denen auch der Fall Allende zählt.

Allendes Tochter begrüßt Ermittlungen

Vertreter der Opposition und von Menschenrechtsorganisationen begrüßten die Entscheidung des Gerichts. Die sozialistische Abgeordnete Isabel Allende, Tochter des gestürzten Präsidenten, betonte in einer Erklärung, der Putsch vom 11. September 1973 sei ein "vorsätzlicher Anschlag der Streitkräfte" gewesen. "Sie haben konspiriert, um den verfassungsgemäß gewählten Präsidenten zu stürzen, indem sie den Regierungssitz bombardierten, während sich zahlreiche Personen in dem Gebäude aufhielten, unter ihnen Präsident Allende, seine Familie und mehrere seiner Berater", so Isabel Allende. Ihrer Überzeugung nach sei es das Ziel der Putschisten gewesen, "den Willen des Präsidenten zu brechen, ihn zu erniedrigen und ihn schließlich physisch zu eliminieren. So geht es eindeutig aus den aufgezeichneten Gesprächen zwischen (Augusto) Pinochet und den anderen Verschwörern hervor."

Der Regierungspalast La Moneda wird von putschenden Soldaten beschossen und aus der Luft bombardiert - Aufnahme vom 11. September 1973 (Foto: AP)

In diesem Gebäude soll sich Salvador Allende das Leben genommen haben

Die Regierung von Sebastián Piñera hat bereits angekündigt, sie werde "alle Entscheidungen der Gerichte respektieren. Als Regierung sind wir der Überzeugung, dass alles, was der Aufklärung bedarf, aufgeklärt werden muss", erklärte Regierungssprecherin Ena von Baer gegenüber der Presse.

Umstrittene These von Allendes Selbstmord

Jahrzehntelang hatten Anhänger von Allende die These seines Selbstmordes immer wieder angezweifelt und daran festgehalten, der chilenische Präsident sei "im Kampf gefallen". Doch nachdem die Ärzte Patricio Guijón und José Quiroga sich 1990, nach der Rückkehr Chiles zur Demokratie, zum ersten Mal öffentlich über die letzten Stunden im Regierungspalast La Moneda berichteten, schien die Version vom Heldentod Allendes in sich zusammenzufallen.

Wie die beiden Ärzte und Mitarbeiter von Allende berichteten, hatte der Präsident am Nachmittag des 11. September seinen Mitarbeitern befohlen, sich zu ergeben. Daraufhin hätten alle das Gebäude durch einen Seiteneingang verlassen. Allende soll sich dieser Darstellung zufolge zuvor noch von jedem einzelnen seiner Mitarbeiter mit Handschlag verabschiedet haben, um sich anschließend alleine in einen Salon im Nordwestflügel des Moneda-Palastes zurückzuziehen.

Patricio Guijón hat in Interviews wiederholt berichtet, er sei noch einmal in sein Büro zurückgekehrt, um eine Gasmaske als Erinnerung mitzunehmen, und hätte dabei die Tür zu dem Salon geöffnet, just in dem Moment als Allende sich erschoss. Auch der Arzt José Quiroga will diese Szene durch eine andere geöffnete Tür beobachtet haben.

Hinweise auf Mord

Für die These der Ermordung von Salvador Allende spricht hingegen ein forensischer Bericht, der auf Auffälligkeiten in der Autopsie des Präsidenten hinweist, die noch am Abend des 11. September 1973 auf Anordnung von Pinochet vorgenommen wurde. Darin werde nicht erwähnt, dass das Austrittsloch der Kugel nicht mit der angeblich benutzten Waffe übereinstimmt. "Die Eigenschaften des Austrittslochs der Kugel stimmen nicht mit einem Schuss aus einer Kriegswaffe überein, wie offiziell behauptet wurde", so der Autor der Studie, Luis Ravanal, der seinen Bericht an den zuständigen Richter Carroza übermittelt hat.

Putsch mit Unterstützung aus den USA

Der frühere chilenische Diktator Augusto Pinochet (Foto: AP)

Augusto Pinochet ist nie für die Menschenrechtsverbrechen während der Diktatur verurteilt worden

Salvador Allende war 1970 nach demokratischen Wahlen in Chile an die Macht gekommen und regierte an der Spitze einer Koalition aus Sozialisten und Kommunisten, Sozialdemokraten und Radikalen. Seine Politik der Verstaatlichung von Schlüsselbetrieben, Umverteilung von Land an Kleinbauern und der sozialen Reformen zugunsten der bis dahin unterprivilegierten Schichten der Bevölkerung stieß schnell auf wachsenden Widerstand nicht nur in konservativen und rechten Kreisen sowie bei Teilen des Militärs in Chile, sondern rief auch die USA auf den Plan, die nach der kommunistischen Revolution in Kuba keine zweite linke Regierung in der westlichen Hemisphäre dulden wollten. Am 11. September 1973 putschte General Augusto Pinochet, der erst wenige Wochen zuvor von Allende zum Oberkommandierenden des Heeres ernannt worden war.

Pinochet regierte Chile als Diktator bis 1990, als das Land zur Demokratie zurückkehrte. Während seiner Herrschaft wurden etwa dreitausend Regimegegner umgebracht und zehntausende gefoltert oder ins Exil gedrängt. Pinochet starb 2006 ohne je verurteilt worden zu sein. Von zweihundert früheren Mitgliedern der Streitkräfte oder des Polizeiapparats, die während der vergangenen fünfzehn Jahre wegen Verbrechen während der Diktatur verurteilt wurden, sitzen derzeit nach Angaben des Innenministeriums nur 65 tatsächlich hinter Gittern.

Autorin: Mirjam Gehrke
Redaktion: Oliver Pieper