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Amerika

Cheney rechnet ab

Dick Cheney war nicht nur einfach Bushs Vertreter. Er war der Architekt des Kampfes gegen den Terror und einer seiner loyalsten Mitarbeiter. Doch damit ist jetzt Schluss. Cheney kündigt eine enthüllende Biografie an.

Ex-Vizepräsident Dick Cheney (Archiv), Foto: ap

Will auspacken: Dick Cheney

Acht Jahre lang waren sie enge Partner: George W. Bush als Präsident der Vereinigten Staaten und Richard B. Cheney als sein Stellvertreter. Jetzt sind noch keine acht Monate vergangen, seit die beiden ihre Büros im Weißen Haus räumen mussten, da beginnt Cheney offenbar, abzurechnen. In der Öffentlichkeit lästert er über seinen früheren Chef als "linken Politiker" und kündigt weitere Enthüllungen über die Amtszeit Bushs an, die er in seiner Biografie offenzulegen gedenkt. Den Vertrag hat er bereits bei dem Verlag Simon & Schuster unterschrieben, das Buch soll 2011 auf den Markt kommen.

Derzeit trifft sich Cheney mit Autoren, Beratern, Diplomaten und Politik-Experten, um über dieses Buch zu sprechen. Bei einem dieser Treffen soll er vom Frust über seinen Vorgesetzten berichtet haben und darüber geklagt haben, dass sich Bush in seiner Amtszeit immer weiter von ihm entfernt habe. Ein Teilnehmer der Runde gab diese Information danach an die "Washington Post" weiter.

Der eingeschüchterte Bush

"Bush wurde eingeschüchtert durch die öffentlichen Reaktionen und die Kritik an ihm. Er hatte kein Rückgrat mehr, Bush wurde ihm zu weich", zitiert die Washington Post diesen Teilnehmer. Er habe sich plötzlich gegen Cheneys Politik der harten Hand gewandt, die vorsah: keine Erklärungen, keine Entschuldigungen - und Bush schlug versöhnliche Töne an, habe sich Cheney beklagt.

Ex-US-Präsident Bush (r.) und der ehemalige Vizepräsident Dick Cheney, (Foto: AP)

Will sich nicht länger im Hintergrund halten: Dick Cheney (mit Ex-US-Präsident George W. Bush)

Zahlreiche Maßnahmen blieben auf der Strecke, die für Cheney unerlässlich für die Sicherheit der Nation waren. Bush ließ das "Waterboarding" bei Terrorverdächtigen stoppen, er ließ geheime CIA-Gefängnisse schließen und suchte plötzlich die Zustimmung des Kongresses für geheime Überwachungsmaßnahmen. Der schwindende Einfluss des Vizepräsidenten sei auch an den Verhandlungen der Bush-Regierung mit Iran und Nordkorea deutlich geworden, zwei Länder, die nach Cheneys Ansicht "reif für einen Regimewechsel" waren, wie die "Washington Post" berichtet. Stattdessen Dialog - Cheney war enttäuscht.

Persönlich beleidigt

Persönlich übel genommen habe er Bush den Rausschmiss von Donald Rumsfeld 2006, Cheneys Mentor, den er für einen der "fähigsten Verteidigungsminister" hielt. Auch Irving Lewis "Scooter" Libby war ein enger Freund Cheneys. Der Stabschef wurde verurteilt, nachdem der Name einer CIA-Agentin in der Presse öffentlich geworden war und dieser die Untersuchungen zu der undichten Quelle in der Bush-Regierung behinderte. Bush sträubte sich gegen eine Begnadigung Libbys - was Cheney ihm nicht verzeihen wollte. Er habe einen "unschuldigen Mann fallen" gelassen, soll er nach einem Bericht der "Time" in einem wütenden Brief an Bush geschrieben haben.

Trotz Herzproblemen und eingeschränkter Mobilität ist der 68-Jährige immer noch ein eifriger Arbeiter: Er steht früh auf, arbeitet hart und erlaubt sich nur von Zeit zu Zeit einige Schwächen, wie seine Tochter jüngst berichtete: einen koffeinfreien Kaffee, den er sich jeden Morgen bei Starbucks kauft. Er begleitet die Enkel zum Fußball und verbringt seine Zeit mit Angeln in seinen Ferienhäusern in Wyoming und Maryland. Noch im Februar lieferte er US-amerikanischen Satirikern und Polit-Kommentatoren eine Steilvorlage, als er bei der Wachteljagd statt einer Wachtel seinen Freund anschoss.

Nichts mehr verschweigen

Sein jetziges Vorhaben, die Karten offenzulegen, überrascht viele politische Beobachter. Jahrzehntelang war Verschwiegenheit Cheneys Maxime gewesen. Immer wieder hatte er gesagt, eine interne Debatte werde unmöglich gemacht, wenn der Präsident und seine Berater nicht auf Diskretion zählen könnten. Jene, die Interna in der Öffentlichkeit breit treten, verachtete er. "Wenn er jetzt seine Biografie schreibt und ankündigt, über Dinge zu schreiben, die sich hinter verschossenen Türen abspielten, dann passt das nicht zu seinem Charakter", sagt Ari Fleischer, der Sprecher des Weißen Hauses in Bushs erster Amtszeit.

Aber offenbar hat Cheney genau das vor. Robert Barnett, der für Cheney die Vertragsverhandlungen mit dem Verlag übernahm, kündigte bereits an, dass dieses Buch "viele Neuigkeiten" zu Tage fördern werde. Und Cheney selbst sagte, die Zeit des Schweigens sei jetzt zu Ende: "Wenn der Präsident Entscheidungen traf, mit denen ich nicht einverstanden war, habe ich ihn trotzdem unterstützt und bin ihm nicht in den Rücken gefallen", soll er laut seinem Biografen Stephen Hayes gesagt haben. "Aber jetzt reden wir über die Zeit nach dem Weißen Haus. Ich habe eine klare Meinung, und ich habe nicht vor, diese weiter zu verschweigen."

Autorin: Ina Rottscheidt
Redaktion: Oliver Pieper

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