1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Amerika

Chemiekonzern verdient Millionen an Ölpest

Mit der Chemikalie Corexit versuchte BP bislang, den Ölteppich am Golf von Mexiko einzudämmen. Dieses Mittel ist hochgiftig. Aber BP sitzt im Aufsichtsrat der Firma, die Corexit produziert. Ein Millionengeschäft...

Ölfilm (Foto: ap)

Tausende Tonnen Öl sind im Golf vom Mexiko

Es ist eine gigantische Geschäftemacherei mit einer Umweltkatastrophe: Der Ölkonzern BP hat nach dem Untergang der Bohrinsel "Deepwater Horizon" sämtliche Bestände der Chemikalie Corexit von der Firma Nalco aufgekauft. Corexit, in dem unter anderem der schwere Alkohol Butoxyethanol enthalten sein soll, spaltet schweres Rohöl an der Wasseroberfläche in viele kleine Teile auf. Der Ölteppich zerflockt, senkt sich ab und verteilt sich gleichmäßig im Meer. Dort würden Mikroorganismen die Ölflocken verspeisen - so beschreibt es jedenfalls die Chemie-Firma Nalco in einem Werbespot. "Harmlos wie Spülmittel" sei Corexit, biologisch abbaubar, völlig ungiftig, nahezu ein Geschenk der Chemieindustrie an die Natur.

Hoch giftig!

Exxon Valdez (Foto: ap)

Exxon Valdez war bislang die größte Ölkatastrophe der Geschichte

Ein Vorgänger-Produkt von Corexit war 1989 bei der Ölkatastrophe Exxon-Valdez einsetzt worden, bei den Aufräumarbeiten erlitten Helfer dadurch gesundheitliche Schädigungen, unter anderem am Nervensystem, an Leber und Nieren.

Die neue Version von Corexit soll zwar wesentlich weniger giftig sein, dennoch sind Wissenschaftler und Umweltschützer kritisch: Die Chemikalie sei auch jetzt noch extrem gesundheitsschädlich, die Folgen für die Natur nicht absehbar. "Giftiges Zeug" sei Corexit, das nicht nur Fischen schade, sondern auch in die Nahrungskette gelange, warnt Meeresbiologe Professor Rick Steiner, der die UNO berät.

Ölpest unter Wasser

Öl an der Küste (Foto: ap)

Große Teile der Küste Louisianas sind ölverseucht

Dennoch: In den vergangenen Tagen versprühte BP 2,2 Millionen Liter von "Corexit 9500 A" mit Flugzeugen über dem Golf von Mexiko. Außerdem wurde das Schwesterprodukt "Corexit 9527A" zum ersten Mal bei einer Ölpest unter Wasser eingesetzt. Mehr als 300.000 Liter wurden untermeerisch direkt an die Lecks gepumpt. Und das obwohl eine derart intensive Corexit-Anwendung noch völlig unerforscht sei, wie BP-Manager Bob Dudley einräumte.

Der Vorteil von Corexit aus Sicht von BP: Die medienwirksamen Bilder eines gigantischen Ölteppichs könnten langsam Geschichte werden. Teile des Öls sind bereits zu einer unsichtbaren - aber nicht minder großen - Sauerei unter Wasser geworden. Gigantische Mengen von Öl befinden sich unter der Wasseroberfläche, wabern in Schwaden von mehr als 16 Kilometern Länge durch die Tiefe, töten Fische, Delfine und Korallen. Im BP-Heimatland Großbritannien ist Corexit seit zehn Jahren zur Ölbekämpfung verboten.

Probleme für die Helfer

Helfer (Foto: ap)

Helfer versuchen verzweifelt, an der Küste Tiere zu retten

Da es keinen klar begrenzten Ölteppich an der Wasseroberfläche mehr gibt, haben die Helfer große Probleme, die Seuche überhaupt einzudämmen. Das Öl verteilt sich diffus in alle Richtungen. "Im Grunde genommen versuchen wir, die gesamte Küste auf einmal zu schützen", schilderte Thad Allen, der Chef der US-amerikanischen Küstenwache, die Mammutaufgabe seines Teams.

Jetzt rechnen Wissenschaftler damit, dass das Öl in eine untermeerische Golf-Strömung kommt - und zerflockt in viele Einzelteile - Kurs auf die Strände Floridas und Kubas nimmt.

Wirtschaftliche Interessen gingen vor

All das interessierte BP offenbar wenig. Der britische Ölkonzern sitzt im Aufsichtsrat der Chemie-Firma Nalco - und hatte damit ein wirtschaftliches Interesse, möglich viele Liter der Chemikalie in den Golf von Mexiko zu sprühen. Nalcos Aktienkurs schoss seit der Ölpest um mehr als zehn Prozent in die Höhe. Durch die Umweltkatastrophe hat die Firma einen Umsatz von mehr als 40 Millionen Dollar gemacht.

Und die Studie, dass die Chemikalie Corexit ökologisch undenklich sei, kommt aus dem hauseigenen Institut der Öl-Firma Exxon. Die hat seit den 90er Jahren ein Joint Venture mit Nalco und sitzt ebenfalls im Aufsichtsrat.

Bessere Alternativen

Lamar McKay (Foto: ap)

Lamar McKay, BP-Amerika-Chef

Klare wirtschaftliche Interessen gingen bei der Ölbekämpfung offenbar vor. Denn es ist wissenschaftlich erwiesen, dass Corexit längst nicht der beste Wirkstoff gegen einen Ölfilm ist. Die US-Umweltbehörde EPA hat insgesamt 18 verschiedene Mittel getestet, zwölf davon wurden als wesentlich effektiver eingestuft als Corexit. So erreichten zwei Wirkstoffe eine Effektivität von 100 Prozent, während Corexit gerade mal bei 56 Prozent liegt. Manche der zwölf Wirkstoffe waren nicht nur effektiver, sondern zehn oder sogar zwanzigmal weniger giftig für die Natur als Corexit.

Trotzdem entschied sich BP blitzschnell für den Einsatz von Corexit - und verteilte mehr als zwei Millionen Liter der giftigen Substanz im Golf von Mexiko. BP-Amerika Chef Lamar McKay gab sich vor dem Untersuchungsausschuss des US-Senats unschuldig: "Wenn es bessere Mittel gibt, werden wir sie natürlich einsetzen." Er wüsste allerdings nicht, ob es bessere Präparate überhaupt existierten. Die Senatoren listen ihm daraufhin die zahlreichen anderen, wesentlich weniger giftigen Mittel auf.

"Wir kämpfen gegen einen Giganten", sagte Bruce Gebhardt, Inhaber eines Produkts, das erwiesenermaßen doppelt so effektiv und nur halb so giftig ist wie Corexit. Als wir damit auf den Markt kamen, dachten wir, jetzt haben wir den Durchbruch. Aber BP hält an Corexit fest."

Verbot von Corexit

Der verschärfte Protest von Kongressmitgliedern und Umweltschützern ließ jetzt die Washingtoner Umweltbehörde handeln: Sie verbot - entgegen einer ersten Erlaubnis - am Freitag (21.05.2010) den Einsatz von Corexit unter Wasser. BP wurde eine Frist von 72 Stunden eingeräumt, um sich für ein weniger giftiges Präparat zu entscheiden.

BP-Schild (Foto: ap)

'Damn BP!' - in den USA wächst die Wut auf den Öl-Konzern

Außerdem forderte die US-Regierung BP auf, alle Informationen und Daten zur Ölpest sofort zu veröffentlichen. Das sei ein absolutes "Muss", hieß es im Heimatschutzministerium und bei der nationalen Umweltbehörde. Die Öffentlichkeit habe einen Anspruch auf völlige Transparenz.

So vermuten Wissenschaftler, dass wesentlich mehr Öl ausläuft, als vom Ölkonzern angegeben. BP hatte immer von 700 Tonnen gesprochen – sich jetzt aber damit gerühmt, täglich 700 Tonnen aus den Lecks abpumpen zu können. Gestoppt ist damit die Ölkatastrophe noch lange nicht. Vermutlich fließen weiterhin zwischen 2.800 und 14.000 Tonnen Rohöl täglich ins Meer. Genaue Zahlen hält BP geheim - oder weiß sie einfach nicht.

Autorin: Anna Kuhn-Osius (ap, dpa, afp, rtr, ard, ny-times)

Redaktion: Anne Herrberg