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USA

Chelsea Manning: Mann, Frau, Verräterin, Heldin

Seit 2010 war die US-Soldatin Chelsea Manning in Haft, sollte wegen Geheimnisverrats 35 Jahre eingesperrt bleiben. Wer ist die Wikileaks-Informantin, der Präsident Obama nun die Freiheit schenkt?

Sie hat die Wahrheit aufgedeckt, Kriegsverbrechen offengelegt, den Arabischen Frühling mit angestoßen. Ohne sie hätte Obama nicht den Rückzug der US-Armee aus Afghanistan und dem Irak befohlen. Eine Heldin - so sehen ihre Unterstützer Chelsea Manning. "Sie ist eine hochintelligente, sensible Frau, die es nicht verdient hat, Jahrzehnte im Gefängnis zu verbringen", sagt etwa Rainey Reitman vom Unterstützungs-Netzwerk Chelsea Manning.

"Er ist ein Verräter", sagen dagegen diejenigen, die die Weitergabe von US-Geheimdokumenten verurteilen und nicht anerkennen, dass Manning seit 2013 nicht mehr als Mann, sondern als Frau leben möchte. Die Taten von Bradley Manning, so Chelseas Geburtsname, hätten US-Soldaten das Leben gekostet, sagt etwa der ehemalige US-Kongressabgeordnete Joe Walsh und greift in die Schimpfwortkiste.

Hass und Kritik auf der einen, Jubel auf der anderen Seite also über Präsident Obamas Entscheidung, Chelsea Mannings Haftstrafe so drastisch zu kürzen, dass sie bereits im Mai dieses Jahres freikommt. Die Frau, die einst ein Mann war, 2010 über Nacht berühmt wurde und bald das Militärgefängnis Fort Leavenworth, Kansas, verlassen darf - sie sorgt auch sieben Jahre nach ihrer Tat noch für erhitzte Gemüter.

"Collateral Murder"

Ihre Kindheit und Jugend hatte Manning in Oklahoma und Wales verbracht. Dort hatte ihr Vater, ein Soldat der US Navy, Mannings Mutter, eine Britin, kennengelernt. 2007 bewirbt sie sich bei der US-Armee. Im Jahr 2010, damals als Soldat Bradley Manning in Bagdad stationiert, traf sie eine folgenschwere Entscheidung. Als IT-Spezialistin wertete Manning für die US-Armee Dokumente aus. Diesen Zugang nutzte sie, um etwa 700.000 als geheim eingestufte Dokumente herunterzuladen und an die Enthüllungsplattform Wikileaks weiterzugeben. Darunter Depeschen aus US-Botschaften in der ganzen Welt, Berichte über Folter der Besatzungstruppen im Irak oder die Haftbedingungen im US-Gefangenenlager Guantanamo.

USA Plakat für die Freilassung von Chelsea Manning (Reuters/E. Nouvelage)

Demonstration für die Freilassung Mannings in San Fransisco

Für besonders viel Aufmerksamkeit sorgt das Bordvideo eines US-Kampfhubschraubers, das den tödlichen Angriff auf elf Zivilisten, darunter zwei Reuters-Mitarbeiter, im Juli 2007 in Bagdad zeigt. "Collateral Murder", "Kollateral-Mord", betitelt Wikileaks das Video. Mannings Dokumente offenbaren der Welt das rücksichtslose Vorgehen der US-Armee, sie enthüllen, wie skrupellos einige US-Diplomaten Außenpolitik betreiben.

Warum macht sie das? Im Chat mit dem Hacker Adrian Lamo, der ihr später zum Verhängnis wird, erklärt sie am 25. Mai 2010 ihre Motive. "Ich möchte, dass die Menschen die Wahrheit sehen. Denn ohne Informationen kann die Öffentlichkeit keine informierten Entscheidungen treffen." Als "bradass87" hatte sie Lamo fünf Tage zuvor angeschrieben, sich dem jungen Mann schließlich im AOL-Chat anvertraut und ihm verraten, wer hinter den Wikileaks-Enthüllungen steckte.

Aus dem Chat-Protokoll wird deutlich, dass Manning sich allein und verlassen fühlt in einer Armee, in der sexuelle Beziehungen unter Männern zu dieser Zeit geheim gehalten werden mussten. Sie schreibt von ihrer Unsicherheit darüber, ob sie Mann oder Frau ist. Davon, dass sie diese Gefühle, "umgeben von schießwütigen, hypermaskulinen, ignoranten Proleten", in Schwierigkeiten bringen.

Nackt und isoliert

Nur wenige Tage später wird Manning festgenommen und in ein Gefangenenlager nach Kuwait gebracht. Lamo hatte sein Wissen über Manning mit FBI und US-Armee geteilt. Was folgt? Elf Monate in Isolationshaft in Virginia, ein Bett ohne Kissen und Decke, der Zwang, unbekleidet vor der Gefängniszelle anzutreten. Schließlich die Verlegung nach Kansas mit besseren Haftbedingungen. Im Sommer 2013 wird Manning dann in 19 von 21 Anklagepunkten schuldig gesprochen, darunter fünf Fälle von "Spionage". Freigesprochen wird sie vom Vorwurf der "Unterstützung des Feindes", der die Todesstrafe hätte nach sich ziehen können.

Bradley Manning vor Gericht (picture-alliance/AP Photo/P. Semansky)

2013: Manning vor Gericht

Militärrichterin Denise Lind entscheidet stattdessen: 35 Jahre Haft für Manning. Eine deutliche Warnung an alle Whistleblower: Wer verrät, was die US-Regierung geheim halten möchte, der darf nicht mit Gnade rechnen. Oder doch? Präsident Obama reduziert Mannings Strafe in den letzten Tagen seiner Amtszeit um 28 Jahre.

Aus Bradley, dem kleinen, schmalen Soldat in der etwas zu großen Uniform, ist während der Haftzeit auch offiziell Chelsea geworden. 2014 genehmigt ein Gericht die Namensänderung. Zudem erlaubt die US-Armee ihrer Gefangenen, sich einer Hormontherapie zu unterziehen. Aktivisten berichten jedoch auch davon, dass Manning im Gefängnis versucht hat, sich das Leben zu nehmen. Wenn Chelsea Manning am 17. Mai die Mauern von Fort Leavenworth hinter sich lässt, dann wird sie eine freie Frau mit einer fesselnden Geschichte sein.

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