Charr holt Schwergewichts-WM gegen Ustinow | Sport | DW | 25.11.2017
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Boxen

Charr holt Schwergewichts-WM gegen Ustinow

Höhepunkt einer besonderen Boxkarriere: Als erster deutscher Boxer seit Max Schmeling darf sich Manuel Charr Weltmeister im Schwergewicht nennen. Der Außenseiter setzt sich gegen den Russen Alexander Ustinow durch.

Schon bevor das Urteil des Kampfgerichts ganz verkündet war, reckte Manuel Charr seine rechte Hand zur Hallendecke und konnte die Freude über seinen Sieg kaum zurückhalten. Dann hob der Ringrichter auch Charrs linken Arm, der Erfolg stand fest, und der 33-Jährige bekam den ersehnten Weltmeistergürtel umgehängt. Als erster deutscher Boxer nach Max Schmeling ist der gebürtige Libanese, der als fünfjähriger Kriegsflüchtling nach Deutschland kam, Weltmeister im Schwergewicht. 

Nachdem Charr sich zu Beginn des Kampfes gegen den zehn Zentimeter größeren und 20 Kilogramm schwereren Russen Alexander Ustinow erst einmal finden musste, kam er anschließend immer besser in den Fight und gewann Runde um Runde. In der achten Runde schickte er Ustinow sogar kurzzeitig auf die Bretter. Ein wuchtiger Schlag an den Kopf des Russen hinterließ einen tiefen und langen Riss unterhalb des Auges. Auch die folgenden Runden gewann Charr, bevor er in der elften und zwölften Runde vorsichtiger wurde, um keinen harten Schläge mehr einstecken zu müssen. So schaffte es Ustinow nicht mehr, Charr in Gefahr zu bringen - er hätte den Deutschen schon K.o. schlagen müssen, um noch zu gewinnen.

Gruß an die Kanzlerin, Küsschen für Mama

Boxen: Profis WBA-WM Schwergewicht Charr Weltmeister (picture-alliance/dpa/Guido Kirchner)

Klarer Sieg nach Punkten

"Deutschland wir sind Weltmeister!", rief er anschließend beim Siegerinterview in die Kamera. "2006 hatten wir das Sommermärchen, jetzt haben wir auch das Wintermärchen", so Charr, der gegen den 40-jährigen Alexander Ustinow als krasser Außenseiter in den Kampf gegangen war. "Ich widme diesen Titel Deutschland. Das Land hat mir ein Dach über dem Kopf gegeben und mich aufgebaut. Das ist mein Geschenk an euch alle."

Und auch für die Bundeskanzlerin hatte er einen Gruß: "Frau Merkel, wir haben es geschafft. Wir sind Weltmeister." Und neben "Mutti" vergaß Charr auch seine eigene Mutter nicht: "Mama, ich liebe dich", sagte er in die Kamera. "Beim letzten Mal hast du eine Einbauküche bekommen - diesmal bekommst du ein Küsschen."

Es war der 31. Sieg in Charrs Profikarriere. Die zurückliegenden Erfolge seiner insgesamt 35 Kämpfe (17 durch K.o.) hatte der Kölner meist gegen zweitklassige Gegner errungen, ohne dabei nennenswerte Titel geholt zu haben. 2012 hatte er in Moskau den WM-Kampf gegen Witali Klitschko verloren. Möglich wurde der Kampf gegen Ustinow nur, weil Charr von den Sperren der im WBA-Weltranking höher gelisteten Dopingsünder Luis Ortiz (1) und Shannon Briggs (4) profitiert hatte, deren jeweilige WM-Kämpfe platzten.

Zahlreiche Schicksalsschläge

Charrs Lebensgeschichte ist außergewöhnlich: Neben seiner Flucht nach Deutschland nach dem Tod des Vaters im libanesischen Bürgerkireg gab es weitere Schicksalsschläge: Vor zwei Jahren wurde Charr in einem Imbiss angeschossen und lebensgefährlich verletzt.

Boxen Pressetraining Manuel Charr und Alexander Ustinow (Imago/Marianne Müller)

Kriegsverletzungen, Messerstechereien als Jugendlicher, Bauchschuss vor zwei Jahren - Manuel Charr hat viel erlebt

Erst vor sieben Monaten ließ er sich zwei künstliche Hüftgelenke einsetzen. Er hatte unter einer angeborenen Fehlstellung gelitten, die aber erst spät diagnostiziert worden war. Auch danach bewies er seine Kämpfernatur. "Ich hatte den Bewegungsradius eines Achtzigjährigen", sagte Charr. "Und während andere Patienten nach sieben Monaten gerade erst die Krücken wegstellen, kämpfe ich um die Box-Weltmeisterschaft."

Nun will er erstmal Urlaub machen und anschließend mit seinem Manager - dem laut Charr "verrückten Österreicher" Christian Jäger - die Sau rauslassen. Man darf davon ausgehen, dass Manuel Charr auch dabei wie immer alles geben wird. 

Die Redaktion empfiehlt