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Sport

Charly Gabl, Wetter-Guru wider Willen

Exakte Wettervorhersagen können bei Expeditionen über Erfolg oder Misserfolg, manchmal auch über Leben oder Tod entscheiden. Viele der besten Bergsteiger der Welt vertrauen einem Meteorologen aus Innsbruck.

Karl Gabl (Foto: DW)

Der österreichische Meteorologe Karl "Charly" Gabl

"Ich möchte mich nicht als Guru bezeichnen. Eigentlich interpretiere ich nur die Wettermodelle", sagt Karl Gabl bescheiden. Die Berichte der Extrembergsteiger, für die der Österreicher das Wetter im Himalaya, Karakorum, in Patagonien oder in der Antarktis vorhersagt, sind jedoch voll von Lobeshymnen auf den 62-Jährigen. Auf dem Schreibtisch Gabls in der Wetterdienststelle Innsbruck stapeln sich die Postkarten der Expeditionen und auch telefonisch melden sich die Bergsteiger bei ihm: "Da gibt es ganz berührende Momente, wenn zehn Leute ins Satellitenhandy schreien: Danke Charly!"

Ralf Dujmovits und Gerlinde Kaltenbrunner auf dem Gipfel des Lhotse (Foto: R. Dujmovits)

Kaltenbrunner und Dujmovits auf dem Gipfel des Lhotse

Ralf Dujmovits, der als erster Deutscher alle 14 Achttausender bestieg, vertraut Gabl fast hundertprozentig. "Charly hat uns über die Jahre immer gut beraten. Er hat uns zum Teil halbe Tage herausgefischt, an denen das Wetter gut war und wir tatsächlich als Einzige auf dem Gipfel standen." Erst wenn der Leiter der Wetterdienststelle Innsbruck per Telefon oder Email grünes Licht gegeben hat, steigen Dujmovits und seine Frau Gerlinde Kaltenbrunner auf.

Patient Atmosphäre

Warum liegt Gabl häufiger richtig als seine Kollegen, die doch dieselben Wettermodelle interpretieren wie er? Wettervorhersagen über einen Zeitraum von mehreren Tagen seien für die entlegenen Gebirgsregionen extrem schwierig, sagt der Meteorologe. "Wir sind ja wie die Ärzte. Wir messen den Blutdruck bzw. den Luftdruck und die Temperatur. Wir schauen, wie es dem Patienten Atmosphäre geht. Aber dort haben wir keine Klinik." Messstellen fehlen, die Wetterforscher sind also auch auf Beobachtungen der Bergsteiger vor Ort angewiesen. Dabei kommt Gabl zugute, dass er selbst über reichlich Erfahrung in den Bergen verfügt. "Meine Fragestellung ist ganz eine andere. Angefangen vom Wolkenzug, den Schneefahnen bis hin zu den Schneeverhältnissen. Da tut sich ein Golf spielender Meteorologe schon schwerer."

Windfahne am Mount Everest (Foto: DW/Stefan Nestler)

Schneefahne am Mount Everest

Haus an der Lawinenzone

15 Mal war Gabl selbst im Himalaya unterwegs, hat sich dort zweimal an Achttausendern versucht, ohne den Gipfel zu erreichen. Er ist vom 7492 Meter hohen Noshaq, dem höchsten Berg Afghanistans, mit Skiern abgefahren und hat eine Route am 6768 Meter hohen Huascaran in den Anden erstbegangen. Bergsteiger-Profi ist er dennoch nicht geworden. Als Vater zweier Kinder war ihm das Risiko zu hoch. Das Wissen, wie gefährlich die Berge sein können, wurde Gabl geradezu in die Wiege gelegt. Sein Heimathaus in St. Anton am Arlberg stand nur zehn Meter entfernt von der roten Lawinen-Gefahrenzone. Seine Cousine Gertrud Gabl, die erste Ski-Weltcupgesamtsiegerin aus Österreich, kam 1976 in einer Lawine ums Leben. Karl Gabl ließ sich vor über 30 Jahren zum Bergführer ausbilden. "Von den 25, die damals die Prüfung gemacht haben, sind schon acht tot."

Nur ein Mosaikstein

Blick auf die Wetterdienststelle am Innsbrucker Flughafen (Foto: DW/Stefan Nestler)

Gabl leitet die Wetterdienststelle am Innsbrucker Flughafen

Karl Gabl gehört nicht zu den Menschen, die ihre Arbeit zurücklassen, wenn sie die Bürotür abschließen. "Ich bin 24 Stunden im Dienst. Manchmal schlafe ich auch schlecht, weil ich mitfiebere." Gabl beruhigt sich erst, wenn die Bergsteiger wieder heil ins Basislager zurückgekehrt sind. Das ist alles andere als selbstverständlich. Immer wieder geschieht es, dass Bergsteiger, die Gabl seit Jahren gekannt und beraten hat, in einer Lawine oder durch Absturz ums Leben kommen. "Das setzt mir schon zu", räumt Gabl ein. Auch wenn seine Wettervorhersagen mit hoher Wahrscheinlichkeit eintreffen, bleibt eben ein Restrisiko beim extremen Bergsteigen. "Ich bin nur ein Mosaikstein zum Gelingen einer Expedition", sagt Gabl. Die Leistungsfähigkeit müsse stimmen, Glück gehöre dazu "und vielleicht auch eine gewisse Demut, die z.B. Gerlinde Kaltenbrunner hat." Mit seiner österreichischen Landsfrau, die schon zwölf Achttausender bestiegen hat, verbindet ihn eine besondere Freundschaft. "Ich rühme mich immer, ihr Zeltnachbar zu sein; leider mit Ärmelschonern, 3000 Kilometer entfernt im Büro sitzend."

Freundschaftsdienst

Karl Gabl am Schreibtisch (Foto: DW/Stefan Nestler)

Gabl an seinem Arbeitsplatz

Geld nimmt Karl Gabl im Gegensatz zu vielen Kollegen für seine Wettervorhersagen prinzipiell nicht. "Für mich ist das ein Freundschaftsdienst", sagt der 62-Jährige. Und schließlich werde er ja vom österreichischen Staat bezahlt. Einen großen Wunsch hat Gabl noch für die Zeit bis zum Ruhestand: Dass Gerlinde Kaltenbrunner ihre Achttausender-Sammlung vollendet. "Sie muss alle 14 haben, vorher gehe ich nicht in Pension. Sie muss es allerdings in zweieinhalb Jahren schaffen. Dann schmeißt mich ja der Bund hinaus."

Autor: Stefan Nestler
Redaktion: Wolfgang van Kann

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