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Europa

Charlie lebt und lästert

Die Pariser Satire-Zeitung "Charlie Hebdo" erscheint pünktlich, obwohl die halbe Redaktion durch Terroristen ausgelöscht wurde. Ein Triumph für die Pressefreiheit und den Humor.

Charlie Hebdo Pressekonferenz 13.01.2015, Foto: Getty

Chefredakteur Biard (re.) stellt "Charlie Hebdo" vor

Wenn die islamistischen Terroristen mit ihrem Massaker an zwölf Menschen in und vor der Redaktion das Magazin "Charlie Hebdo" zum Schweigen bringen wollten, dann sind sie total gescheitert. Sie haben das Gegenteil erreicht. Die Satire-Zeitung kommt mit einer Auflage von drei Millionen Exemplaren auf den Markt. Das sind 50 mal so viele Hefte wie vor den Anschlägen. Der Prophet Mohammed, von dem laut konservativer Muslime kein Bild gemacht werden darf, prangt auf dem Titel. "Charlie Hebdo", das traditonell die Religionen aufs Korn nimmt, wird diesmal sogar in verschiedene Sprachen übersetzt, auch ins Arabische.

Gedenken an die Opfer der Terroranschläge in Paris 13.01.2015 , Foto: DW

"Das Delikt Blasphemie wurde 1789 abgeschafft": Polizeiposten vor "Liberation"

"Wir bleiben komisch"

Die Überlebenden des Terrors haben zwei Tage danach bereits wieder an der neuen Nummer gearbeitet. Ganz Frankreich wartete auf "Charlie Hebdo", denn das pünktliche Erscheinen der Zeitung gilt auch als Beleg dafür, dass

die Pressefreiheit stärker ist als der Terror.

Das Recht auf Gotteslästerung müsse verteidigt werden, hatte Chefredakteur Gerard Biard gesagt. "Wir wollen natürlich, dass dies ein komisches Heft ist. Wir werden euch zum Lachen bringen, denn etwas anderes können wir nicht. Das sagt doch auch, dass sie Charlie nicht getötet haben", so Biard nach einer Redaktionssitzung, an der auch Frankreichs Regierungchef Manuel Valls demonstrativ teilnahm.

"Ich musste weinen"

Charlie Hebdo Pressekonferenz 13.01.2015, Foto: DW

Zeichner Luz (Mi.) braucht Trost bei der Pressekonferenz

Auf dem Titelbild der neuen "Charlie Hebdo"-Ausgabe ist Prophet Mohammed zu sehen. Er weint und hält das Schild "Ich bin Charlie", das in den letzten Tagen zum Symbol des Widerstands gegen den Terror wurde. Über Mohammed steht die Schlagzeile: "Alles ist vergeben." Selbst der Pophet weint über die Terroristen, erläutert der Zeichner des Titelbildes, Luz, seine Idee: "Es gab also diese Idee von 'Ich bin Charlie'. Ich habe den weinenden Mohammed gezeichnet. Dann habe ich geschrieben 'Alles ist vergeben'. Dann musste ich auch weinen. Und fertig war die Titelseite!" Luz erzählt, man habe hart gearbeitet, um das Heft rechtzeitig fertig zu stellen. Für Trauer war nicht viel Zeit. Es habe sich immer so angefühlt, als seien die getöteten Freunde noch da. Auch Material und Ideen der getöteten Cartoonisten wurde verwendet, so Chefredakteur Gerard Biard: "In dieser Ausgabe ist niemand gestorben. Sie sind noch da. Sie werden im Heft sein, weil sie immer dabei waren."

Die Satire-Zeitung hat diesmal nur acht statt der gewohnten 16 Seiten, besteht aber wie immer aus Comic-Strips und beißenden Texten. Die Attentate und der Terror sind Thema, aber trotzdem sei die Nummer ganz normal, erklärt Gerard Biard. "Wir machen keine Gedenk-Nummer. Wir machen auch keine Nachrufe. Wir machen, was wir mittwochs immer machen."

Arbeiten unter Polizeischutz

Die "Charlie Hebdo"-Redaktion hat bei den Kollegen der Tageszeitung "Liberation" Unterschlupf gefunden. Andere Medien haben Computer und Geräte gespendet. "Die hatten ja nichts mehr. Die blutverklebten Bleistifte und die Laptops sind am Tatort versiegelt", sagte ein Mitglied der Geschäftsleitung von "Liberation", Pierre Fradidenraich. Das Gebäude der "Liberation", die Druckerei und das Vertriebszentrum werden von der Polizei schwer bewacht. Es herrscht Angst vor weiteren Anschlägen.

Frankreichs Regierung will das Blatt mit rund einer Million Euro unterstützen. Wird die gesamte Auflage, die weltweit Aufsehen erregt, verkauft, hätte die "Charlie Hebdo"-Redaktion so viel eingenommen wie sonst in knapp einem ganzen Jahr.

Charlie Hebdo 1. Ausgabe nach Anschlag, Foto: EPA

Alles vergeben: Ich bin Charlie

Ruhe bewahren! Warum?

Die islamischen Verbände in Frankreich haben die muslimischen Franzosen aufgerufen, Ruhe zu bewahren und die Veröffentlichung des Heftes hinzunehmen. Diese Aufregung kann der Zeichner des aktuellen Titelblattes mit dem weinenden Mohammed nicht verstehen. "Das ist keine Titelseite mit einem Terroristen. Da ist gar kein Terrorist. Da ist nur ein Mann, der weint. Ein guter Mann, der weint. Es tut mir leid, wenn jemand anderes erwartet hat. Das ist unsere Wahl", sagte Luz in einer improvisierten Pressekonferenz. Chefredakteur Gerard Biard kündigte an, dass sein Blatt auch künftig keine Religion verschonen werde. Das Recht auf Gotteslästerung müsse verteidigt werden: "Säkularismus ist nicht nur ein vages Konzept. Es ist ein System von Werten. Wir müssen uns klar sein, dass die Trennung von Staat und Kirche das wichtigste Prinzip unserer Republik ist. Ohne sie sind Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit nicht möglich."

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