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Europa

Charkiw befürchtet russische Invasion

Trotz der Waffenruhe in den Regionen Luhansk und Donezk bereitet man sich im angrenzenden Gebiet Charkiw auf ein mögliches Eindringen prorussischer Separatisten vor. Auch die Grenze zu Russland wird gesichert.

Am ukrainischen Grenzübergang Pleteniwka herrscht reges Treiben. Freiwillige legen dort Gräben und Schießstände an. Die meisten der Aktivisten kommen aus der nahegelegenen Millionenstadt Charkiw. Dort herrscht Sorge, dass der Konflikt nicht auf die Nachbarregionen begrenzt bleibt.

Sie seien einem Aufruf in sozialen Netzwerken gefolgt, bei der Befestigung der Staatsgrenze zu Russland zu helfen, berichtet Dmytro Makowezkyj von der "Hromadska warta" (Bürgerwehr). Über soziale Netzwerke werde auch Geld gesammelt für Schaufeln, Handschuhe, Werkzeug und die Miete von Fahrzeugen. "Die Grenzbeamten haben uns einen Bagger zur Verfügung gestellt. Aber wir bräuchten einen größeren, mit dem wir an einem Tag das schaffen könnten, wofür wir jetzt eine Woche brauchen", sagt Makowezkyj. Doch dafür fehle noch das Geld.

Verstärkte Schutzmaßnahmen

Grenzbefestigung durch Freiwillige in Charkiw (Foto: DW)

Freiwillige helfen bei der Befestigung der Staatsgrenze

In Pleteniwka wird schon fast seit einem halben Jahr der Schutz der Grenze verstärkt. Seitdem sind auch Grenzbeamte mit dem Bau von Befestigungsanlagen beschäftigt. "Die Freiwilligen arbeiten natürlich nach unseren Plänen und unter Aufsicht unserer Ingenieure. Wir sind den Aktivisten sehr dankbar", sagt Serhij Kolesnitschenko vom ukrainischen Grenzschutz. Dem Offizier zufolge war man auf russischer Seite beim Grenzübergang Schebekino "etwas beunruhigt", als an der Grenze unter Begleitung patriotischer Lieder Zivilisten mit Schaufeln erschienen. "Wir haben die Russen darüber informiert, dass Baumaßnahmen durchgeführt werden und die Lage ruhig ist", so Kolesnitschenko.

Den Freiwilligen aus Charkiw hilft der ehemalige Mitarbeiter des ukrainischen Katastrophenschutzes, Mykola Grigorjew. Er kommt aus dem fünf Kilometer entfernten Wowtschansk. "Nur sechs Männer sind aus meiner Stadt gekommen, um Gräben zu graben. Der Bürgermeister, die Abgeordneten und die meisten Einwohner haben bei der Präsidentenwahl im Mai für den Vertreter der Partei der Regionen gestimmt", berichtet Grigorjew. In Wowtschansk gebe es noch viele Anhänger der alten Staatsmacht und des nach Russland geflüchteten Ex-Präsidenten Wiktor Janukowitsch, bedauert er. Deswegen hält Grigorjew gerade diesen Grenzabschnitt für sehr problematisch.

Übungen zur Selbstverteidigung

Aus Angst vor einer russischen Invasion führt in Charkiw, 80 Kilometer von Pleteniwka entfernt, seit einem Monat eine "Offene Universität" Übungen auf öffentlichen Plätzen durch. Mit ihnen will man die Menschen auf mögliche Kampfhandlungen vorbereiten. "Jeder soll einen Notkoffer packen können - mit Ausweisen, Essensvorräten, Wasser und Medikamenten. Man sollte nicht in der U-Bahn Zuflucht suchen, sondern in einem Luftschutzraum", erläutert Tatjana Rjabokon vom Charkiwer Verband der Fallschirmjäger den Teilnehmern. Unter den Ausbildern sind Kämpfer, die in der Ostukraine im Einsatz waren.

Mehrere Hundert Einwohner der Stadt beteiligen sich jedes Wochenende an den Übungen der "Universität". Ihnen wird gezeigt, wie man mit Waffen und Schutzwesten umgeht und Verwundeten hilft. Es gibt kostenpflichtige, aber auch kostenlose Überlebenstrainings. Man kann sogar Mitglied einer Partisanen-Einheit werden. "Teilnehmen können Männer und Frauen. Sie sollen zu Guerilla-Aktivitäten in der Lage sein", sagt eine Ausbilderin des Partisanen-Bataillons "Ost-Korps". Ihm will sich der 22-jährige Jaroslaw anschließen. Er sagt, aus gesundheitlichen Gründen habe er nicht in der Armee dienen dürfen. Wegen der "Lage im Lande" wolle er nun aber lernen, sich und seine Angehörigen verteidigen zu können.

Aktivisten inspizieren Bunker

Oksana Martschuk (rechts) erklärt einer Frau, wo sich Luftschutzräume befinden (Foto: DW)

Oksana Martschuk (rechts) erklärt, wo sich Luftschutzräume befinden

Die Behörden versichern unterdessen, die Vorbereitungen zur Verteidigung des Gebiets Charkiw würden schon längst laufen. Zahlreiche Straßensperren schützten bereits die Region. Soldaten würden Befestigungsanlagen errichten und die Wehrämter Freiwillige registrieren, für den Fall, dass es zu Kämpfen kommt. Die Gebietsverwaltung will die Bevölkerung umfassend über Bunker informieren und den Zugang zu ihnen gewährleisten.

Doch das genüge nicht, meint Oksana Martschuk. Es habe Wochen gedauert, bis die Behörden ihr und anderen Aktivisten eine Liste der Bunker in Charkiw vorgelegt hätten. Nach einer Begutachtung der Luftschutzräume sei festgestellt worden, dass nur in einem Drittel tatsächlich Menschen aufgenommen werden könnten. "Die anderen sind geschlossen oder voller Gerümpel. Da funktioniert nichts. Jetzt organisieren wir Freiwillige, die aufräumen werden", so Oksana.

"Euromaidan" und "Anti-Maidan"

Die Behörden bitten jedoch die Aktivisten, keine unnötige Panik in der Stadt zu erzeugen. Die Aktivisten hingegen sagen: Je besser die Stadt auf einen Einmarsch russischer Truppen oder Donezker Milizen vorbereitet sei, desto unwahrscheinlicher sei ein Krieg. "Es ist besser, alle Einwohner in Aufruhr zu versetzen und dass dann nichts passiert, als umgekehrt", meint Tatjana Pasynok vom Charkiwer "Euromaidan".

Die proeuropäischen Aktivisten warnen vor einer "separatistischen Bombe" in Charkiw. Damit meinen sie die Anhänger des prorussischen "Anti-Maidan". Obwohl für deren Aktionen keine Genehmigungen vorliegen, finden sie seit sechs Monaten regelmäßig statt. Jedes Wochenende kommen etwa 100 Demonstranten zusammen. Deutlich größeren Zulauf hat der "Euromaidan". Zwischen den beiden Lagern kommt es immer wieder zu Zusammenstößen.

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